«Spycher hat bei mir eine Carte blanche»

YB-Sportchef Fredy Bickel spricht über seine Transfers, den Umbau der Mannschaft, die unschönen Nebenschauplätze und darüber, wie die Cupblamage gegen Le Mont aus den Köpfen verschwinden soll.

Steht mit YB noch auf einem wackligen Fundament: Sportchef Fredy Bickel.

Steht mit YB noch auf einem wackligen Fundament: Sportchef Fredy Bickel.

(Bild: Keystone)

Ist das 2:2 gegen Meister Basel für die YB-Fans das Zeichen, dass die Baisse endgültig überwunden ist?
Wir waren in diesem Spiel die bessere Mannschaft und hätten den Sieg verdient gehabt. Aber es ist nur eine Momentaufnahme. Einzelne Spiele sind für eine Zwischenbilanz nicht massgebend, man muss das Ganze sehen. Wenn wir in den letzten beiden Partien dieses Jahres nochmals punkten, dann darf man sagen: Die Bilanz der Vorrunde ist okay.

Wenn da nur nicht die 1:4-Cupblamage gegen Le Mont wäre.
Mit der Niederlage in Le Mont haben wir eine riesige Hypothek aufgeladen. Abtragen können wir sie erst nächste Saison, wenn wir wieder für den Schweizer Cup qualifiziert sind. Die Reaktion der Mannschaft war in den ersten beiden Spielen nach dem Aus im Schweizer Cup mit dem 3:2 gegen Lausanne und dem 2:2 gegen Basel gut. Aber gegen Thun am Sonntag und im letzten Heimspiel gegen St. Gallen müssen wir nachdoppeln.

Was fehlt YB zu einem Spitzenteam?
Unsere Saisonkurve mit zuerst fünf Siegen in Serie, danach mit einer Serie von sieben Spielen ohne Sieg und nun wieder mit vier Spielen und drei Siegen zeigt deutlich, wie unstabil unser Fundament noch ist. Die Mannschaft hat keinen festen Grund, um sich abzustützen. Wir können auf nichts zurückgreifen, auf keine Titel. Dieses Fundament müssen wir uns zuerst schaffen.

Sie begannen im vergangenen Januar mit dem Umbau der Mannschaft. Wie beurteilen Sie Ihre Transferbilanz?
Ich stehe hinter allen Transfers. Man muss aber differenzieren. Einige Spieler hatten bei uns bisher kein Glück. Ich denke an Milan Gajic. Er war während seiner Karriere kaum einmal verletzt, bei uns aber erlitt er drei Verletzungen hintereinander. Ich weiss von meiner Zeit beim FCZ, wie wichtig Gajic für die Mannschaft sein kann. Aber bei YB hatte er bisher kaum Chancen, dies zu beweisen. Samuel Afum plagen seit einem Jahr Knieprobleme. Man könnte einwenden, man hätte ihn deswegen nicht verpflichten dürfen. Aber ich bin überzeugt, dass Afum bei YB den Durchbruch schaffen wird. Alexander Gerndt zählt für mich zu den Spielern, die am stärksten unterschätzt werden. Er arbeitet unheimlich viel für das Team. Wäre er etwas eigensinniger, würde er auch bei den Kritikern besser dastehen. Alain Rochat kam zu YB und spielte zuerst nicht, war aber sofort bereit, als wir ihn brauchten. Und über Steve von Bergen müssen wir nicht reden. Er hat sich als Abwehrchef ganz schnell grosse Akzeptanz in der Mannschaft geschaffen.

Und die Transferrechte von Yuya Kubo fanden Sie in den Unterlagen, die Ihnen ihr Vorgänger Ilja Kaenzig hinterlassen hat. Hatten Sie schon mal so viel Glück?
Wir wussten tatsächlich nicht, wie stark Kubo ist. Aber wir haben das in der Saisonvorbereitung rasch herausgefunden. Yuya ist ein Glücksfall für uns.

Über Renato Steffen haben Sie nichts gesagt.
Vor zwei Jahren arbeitete er noch als Maler und war weit vom Profifussball entfernt. Vergangene Saison schaffte er in Thun den Durchbruch. Jetzt muss er sich bei YB in einem anderen Umfeld durchsetzen.

Josef Martínez schiesst, seit er im Oberland spielt, Tore am Laufmeter.Stimmt es, dass man darüber nachdenkt, Steffen in der Winterpause an Thun auszuleihen und dafür Martinez bereits wieder zurückzuholen?
Das sind nicht meine Gedanken. Sicher nicht, was Steffen betrifft. Wir müssen ihn an unsere Mannschaft heranführen. Da hilft es weder ihm noch YB, wenn wir ihn jetzt ausleihen.

Und was ist mit Martínez? Wir überlegen uns, Martínez bereits in der Winterpause zurückzuholen. Der Leihvertrag ist so abgefasst, dass dies möglich ist.

Gibt es andere Leihspieler, die man in der Winterpause zurückholen will?
Neben Martínez denken wir an Jan Lecjaks, der bis Dezember an Valerenga Oslo ausgeliehen ist.

Der Tscheche Lecjaks ist Verteidiger. Bedeutet dies, dass François Affolter nun doch zu Luzern wechselt, wie er das schon im Sommer gerne getan hätte?
Luzern oder ein anderer Verein sind die Szenarien. Die Überlegung lautet: Wenn Affolter geht, kann Rochat bei Bedarf in das Abwehrzentrum rücken. Und auf der linken Seite hätten wir Spycher und Lecjaks. Es macht keinen Sinn, jetzt wieder neue Spieler zu holen, nachdem wir das zu grosse Kader mühsam um zwölf Spieler abgebaut haben. Wenn Lücken durch Abgänge oder lange Verletzungspausen von Spielern entstehen, denken wir zuerst an die Leihspieler und die Junioren.

Wie gross ist das strukturelle Defizit von YB pro Jahr?
Das ist eine Frage für die Finanzabteilung.

Ist es eine zweistellige Millionenzahl in Franken?
Ich nenne keine Zahlen. Aber es ist klar, als Sportchef habe ich die Aufgabe, Kosten abzubauen. Das wusste ich schon, als ich bei YB unterschrieb.

Wie sieht die Zukunft von Christoph Spycher aus. Er ist 35 Jahre alt, und Ende Saison läuft sein Vertrag aus. Trainer Uli Forte möchte ihn unbedingt noch zwei Jahre binden. Was sagen Sie dazu?
Christoph Spycher hat bei mir eine Carte blanche. Wir alle wissen, wie wertvoll er mit seiner Erfahrung und seinem Charisma für YB ist. Er war vorgestern bei mir im Büro. Ich sagte zu ihm: «Schau her, du stehst auf der Teamliste für die neue Saison mit einem Fragezeichen. Du alleine entscheidest über das Fragezeichen.»

Was hat er geantwortet?
Nichts. Er wird eines Tages zu mir kommen und sagen: «Mir geht es so gut, ich mache noch eine Saison weiter.» Oder aber er hört auf, weil sein Körper die Belastung zu stark spürt. Das ist der Entscheid von Spycher.

Der 19-jährige Florent Hadergjonai erhielt einen Profivertrag. Wer ist der Nächste aus dem Nachwuchskader?
Jetzt, da Pascal Doubai auch für die Rückrunde ausfällt, denken wir darüber nach, Leonardo Bertone mit einem Profivertrag auszurüsten. Bertone hat bei seinen Einsätzen in der Super League gute Leistungen gezeigt und seine Aufgaben erfüllt. Es ist wichtig, solche Zeichen für die Jungen zu setzen. Zu den Zeiten, da ich beim FCZ arbeitete, bekam ich mehrere Anrufe von YB-Nachwuchsspielern, die mich fragten, ob sie nach Zürich kommen könnten, da sie bei YB keine Chance erhalten.

Ihre Rückkehr zu YB verlief alles andere als ruhig. Wie ist der Stand bei den hängigen Rechtsfällen? Sie klagen gegen den Spielervermittler Bozzetti wegen angeblicher Erpressung, zudem ist die Medienklage gegen die Zeitung «Blick» noch hängig.
Für mich ist es schwierig, darüber zu reden, weil ich nichts vorwegnehmen will, bevor die Entscheide gefällt sind. Mir wäre es auch recht, wäre die Sache heute schon vom Tisch und nicht erst morgen. Aber die Dauer zeigt vielleicht auch, dass die Geschichte ein grösseres Ausmass hat, als dies bis jetzt an einigen Orten dargestellt worden ist.

Wann sind die Urteile zu erwarten?
Ich glaube nicht, dass das in diesem Jahr noch der Fall sein wird.

Ist es für Sie nicht eine grosse Belastung, so lange auf die Entscheide warten zu müssen?
Klar ist das eine Belastung. Es war ein schwieriges Jahr für mich, in jeder Hinsicht. Wir haben bei YB viel gemacht, vieles neu aufgegleist. Es wäre sicher einfacher gewesen, wenn ich hier auf einem bereits funktionierenden Gleis hätte weiterfahren können. Dann gab es die Mediengeschichten gegen mich, und schliesslich kamen die Rechtsfälle. Und ich musste dies alles natürlich ausserhalb des Stadions lassen, ich durfte das nicht in die Mannschaft hineintragen.

War ein Vergleich in der Angelegenheit mit dem «Blick» nie ein Thema?
Doch, wir haben mehrere erfolglose Anläufe für einen Vergleich genommen.

Ein anderes Thema, das immer wieder auf Sie zurückfällt, ist die «Verzürcherung» von YB: dass der Klub ein Konglomerat von Bickel-Leuten wird.
Es geht hier nicht um Zürcher oder Bickel-Leute. Für mich zählt einzig, dass ich die besten Leute zu YB holen will. Es sind Leute, die ich schon zum FCZ geholt habe, weil sie gut sind. Darunter hat es aber auch Berner wie Hänzi und Knutti. Zudem haben wir keinen beim FC Zürich abgeworben oder herausgekauft. Wir wollen Erfolg haben und den Verein wieder gut aufstellen. Und dafür brauchen wir die besten Leute. Ich kämpfe für sie, auch wenn wieder die Vorwürfe kommen, ich würde meine Leute um mich scharen. Das ist immer nur bei mir ein Thema bei gewissen Medien. Bei Alex Frei beispielsweise ist das nicht der Fall, wenn er Basler nach Luzern holt.

Dann gab es also von der Klubseite auch keine Einwände, als Sie zuletzt mit Ernst Graf als Nachwuchschef wieder einen Zürcher installierten?
In diesem Fall muss man die Frage stellen, wieso YB auf Ernst Graf gekommen ist. Wir haben im Verein ein oder zwei potenzielle Nachfolger für Erminio Piserchia. Und ich will eigene Leute im Klub weiterbringen, nicht nur Junioren, auch Trainer oder Funktionäre. Diese sind im Moment aber noch nicht so weit in ihrer Entwicklung. Ich hätte auch einen jüngeren Nachwuchschef holen können, der zehn oder mehr Jahre den neuen Job macht. Doch damit wäre der Weg für die internen Kandidaten lange nicht mehr frei gewesen. Ernst Graf dagegen ist 63, hat sehr viel Erfahrung und bleibt hier vielleicht ein bis zwei Jahre im Amt. Deshalb habe ich ihn gebeten, unsere jungen Leute an seine Aufgabe heranzuführen. Wie zum Beispiel Erich Hänzi oder Christian Franke, der aus der Region ist und als Leiter Préformation einen tollen Job macht.

Wo wollen Sie YB in den nächsten Jahren hinführen?
Wir müssen YB dahin bringen, dass der Klub jedes Jahr einen Titel gewinnen kann. Und zwar mit den wirtschaftlichen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Wenn uns das jedes Jahr gelingt, wird irgendeinmal ein Titel für uns abfallen. Dazu braucht es allerdings ein Fundament. Und das braucht Zeit, dafür reichen zwei, drei gute Transfers nicht. Ich bin aber zuversichtlich, denn hier bei YB arbeiten viele unglaublich gute Leute.

Mit dem Derby in Thun beginnt der Schlussspurt 2013. Wie sehen Ihre Erwartungen aus?
Das Derby ist die zweite Chance für YB, für uns alle. Die Mannschaft hat mir unheimlich Freude gemacht, wie sie sich aus der ersten Negativserie herausgekämpft hat. Danach hatten wir die Möglichkeit auf einen wunderbaren Jahresabschluss, was wir aber mit dem Cupspiel gegen Le Mont sofort wieder verspielten. In den letzten beiden Auftritten gegen Lausanne und Basel haben die Spieler gezeigt, dass sie auch das Scheitern im Cup ausmerzen wollen. Deshalb sind die Spiele gegen Thun und St. Gallen die zweite Chance, das Negative noch mehr in den Hintergrund rücken zu lassen. Ich hoffe, dass alle das kapiert haben.

Der Bund

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