Souverän in der Männerdomäne

Bibiana Steinhaus leitet als erste Frau ein Bundesligaspiel.

Bibiana Steinhaus, die erste weibliche Schiedsrichterin der Bundesliga, stellt sich den Fragen der Medien an einer Pressekonferenz in Grassau. Bild: Reuters/Michaela Rehle

Bibiana Steinhaus, die erste weibliche Schiedsrichterin der Bundesliga, stellt sich den Fragen der Medien an einer Pressekonferenz in Grassau. Bild: Reuters/Michaela Rehle

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Anhören musste sie sich schon so einiges. Zuschauer, die sie aufforderten, sich auszuziehen. Trainer, die ihr sagten, dass Frauen doch lieber Frauenspiele pfeifen sollten. Und Spieler, die fanden, dass Frauen erst gar nicht auf den Fussballplatz gehörten. Das ist der Alltag von Bibiana Steinhaus, 38-jährig, Schiedsrichterin. Sie ­kommentiert nüchtern: «Natürlich ist meine Personalie umstritten.» Und doch: Manchen Charakter hätten diese Widrigkeiten zerbrochen. Steinhaus aber blieb stark. Weil sie diesen einen Traum hatte: «Einmal 15.30 Uhr, am Samstag.» Es ist die Zeit, in der die meisten Bundesligaspiele angepfiffen werden.

81 Spiele der 2. Bundesliga musste sie pfeifen, bis sich ihr Traum am Sonntagnachmittag endlich erfüllte. 15.30 Uhr, Hertha Berlin spielt gegen Werder Bremen, und Bibiana Steinhaus wird die erste Frau, die ein Bundesligaspiel leitet. Ihre anfängliche Nervosität verfliegt bald und nach einem Foul an einem Berliner lässt sie in der 38. Minute weiterlaufen, worauf die Hertha das 1:0 erzielt – alles richtig gemacht. Die Premiere gelingt.

Steinhaus’ Weg in die Bundesliga begann als Fussballerin in einem Dorfverein in Niedersachsen. Weil ihr Talent limitiert war, überredete ein Bekannter die damals 16-Jährige, sich als Schiedsrichterin zu versuchen. Ein Jahr später assistierte sie in der Frauenfussball-Bundesliga, mit 22 folgte das Debüt bei den Männern in der Regionalliga. 2007 pfiff sie erstmals in der 2. Bundesliga. Dazwischen wurde sie immer wieder geehrt: Fifa-Schiedsrichterin, Schiedsrichterin des Jahres, Weltschiedsrichter. Steinhaus war alles. Nicht wenige sind der Meinung, dass die souveräne Deutsche heute schon so manches Bundesligaspiel geleitet hätte, wäre sie keine Frau. Der Aufstieg in die höchste Liga blieb ihr lange verwehrt. Auch im letzten Jahr, als Steinhaus gemäss einem internen DFB-Ranking in der zweiten Liga die Beste war.

Ein Dazwischen gibt es nicht

Nun ist die Lebenspartnerin des ehemaligen Spitzenschiedsrichters Howard Webb aber dort, wo sie hingehört. Sie weiss, dass ihr Wirken einen erheblichen Einfluss auf die Debatte hat, ob das geht: eine Frau in der Bundesliga. In Erinnerung bleiben wird sie dereinst nur als Avantgardistin oder als Gescheiterte. Ein Dazwischen gibt es nicht. «Ich fühle keine Angst», sagt Steinhaus, die werktags als Polizistin arbeitet.

Die Deutsche sieht sich auch nicht auf einer Mission. Sie sagte unlängst, dass sie nie vorhatte einen Emanzipationsweg zu beschreiten. Die Liebe zum Spiel ist es, was sie antreibt. Um in der Bundesliga zu überzeugen, scheute sie keinen Zusatzaufwand. Steinhaus arbeitete an ihrer Schnelligkeit, weil Kritiker befanden, dass sie zu langsam sei. Sie setzte sich mit Taktiken der Mannschaften auseinander und mit Psychologie. Im Kopf will sie stark sein. Denn die Widrigkeiten dürften in nächster Zeit nicht weniger werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2017, 20:40 Uhr

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