Siebter Himmel

Fussballgott Grädel macht sich Gedanken über die neue Realität.

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Es ist eigentlich surreal, dieses Resultat. Sieben zu eins. Gegen den FC Basel! Die Mannschaft, welche erst gerade noch das Mass aller Dinge war. Wie lebt man sich als YB-Fan in der neuen Realität ein? Sich unbändig freuend oder doch besser nur leise, mit dem Wissen um die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Niederlage nur gerade um die Ecke wartet? Nutzt man die Gunst der Stunde, um die Gegenseite mit Häme einzudecken? Oder schleicht sich in die Freude nicht auch etwas Mitleid ein für die FCB-Fans, die aus dem Sternenhimmel der Champions League in kurzer Zeit auf dem harten Boden der Liga-Tabelle aufgeschlagen sind? Immerhin, die Idee, sich nach Abpfiff mit einem «Free Hugs»-Kartonschild vor den Gästesektor zu stellen, verwarf Grädel gleich wieder.

Man müsse aufhören, in der Vergangenheit zu leben, hat Marcel Koller danach der Presse gesagt. Selbstkritik ist gut und recht, aber die Vergangenheit ist oftmals der einzige Zufluchtsort, wenn sich die Realität nicht an die Wünsche hält. Grädel und viele andere YB-Fans haben dort lange Zeit ganz gut gelebt, weil die Gegenwart nicht immer so sexy ausschaute wie der jubelnde Lars Lunde in der vorletzten Meistersaison.

Die Vergangenheit ist ein heimeliger Ort im Langzeitgedächtnis, und immer weiss einer irgendeine sauglatte Anekdote von früher zu erzählen. Es ein eigener privater Ballenberg, wo jeder nur seine schönsten Exponate hinstellt und niemand mehr auf ein kaltes und zugiges Plumpsklo muss. Nein, lieber Herr Koller, die Vergangenheit ist kein schlechter Ort, sie ist ein wichtiges Exil; und mit der richtigen Einstellung könnt auch ihr es euch dort ganz gemütlich einrichten, liebe demnächst dorthin ziehende Basler. Dank der vielen guten Jahren reicht es sicher für eine hübsche Einrichtung, mit der Polstergruppe «Delgado» oder der Esstischgarnitur «Chipperfield». Grädel macht es sich derweil für unbestimmte Zeit in der Gegenwart wohnlich. Die ist grossartig, wie ein Bällchenbad im Kinderparadies, in das auch Erwachsene dürfen. Aber aus langer Erfahrung weiss Grädel: Diese Gegenwart ist bloss das Möbelhaus, aus dem sich dereinst eine weitere Generation YB-Fans ihren Zufluchtsort einrichten muss.

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