Shaqiri sucht die Wärme

Der wichtigste Schweizer Offensivspieler hat bei Inter sein Glück noch nicht gefunden.

Lässt sich Xherdan Shaqiri nach einem zähen Mailänder Frühling von der Schweizer Nationalmannschaft wieder beflügeln? Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Lässt sich Xherdan Shaqiri nach einem zähen Mailänder Frühling von der Schweizer Nationalmannschaft wieder beflügeln? Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Ueli Kägi@ukaegi

Vom Trainer auf die Bank gesetzt. Von den Medien attackiert. Von den Fans kritisiert. Aber Xherdan Shaqiri, der gibt sich cool. Lässt die weniger schönen Seiten der Fussballwelt einfach an sich abperlen. So will er das zumindest darstellen vor dem Auswärtsspiel mit dem Schweizer Nationalteam in Litauen. Er sagt: «Ich mache mir gar keine Sorgen, mir geht es sehr gut.»

Wie ein Heilsbringer war er empfangen worden. Damals, im Januar, als er seine Ferien abbrach, in ein Flugzeug stieg und in Mailand Hundertschaften auf ihn warteten. Es gab fast kein Durchkommen in der Ankunftshalle. Und es gab keinen Zweifel: Shaqiri, eingekauft von den Bayern für 18 Millionen Euro und mit einem Vertrag bis 2019, war der Mann, der Inter mit seinen Toren, ­Pässen und Flanken herausholen sollte. Heraus aus der elenden Bedeutungslosigkeit, in welche die Mannschaft auf Platz 10 in der Serie A gerutscht war.

Shaqiri und Mancini: Alles gut?

Er werde diesen Empfang nie mehr vergessen, «einmalig» hat er das gefunden, aber danach schon gewusst, was an ­Erwartungen auf ihn zukommt. Er hat allerdings auch selbst geglaubt, dass ab sofort alles viel besser wird. Für Inter. Und auch für ihn nach zweieinhalb Jahren in München als Ergänzungsspieler.

Es ist nichts geworden aus dem schönen Traum. Der Wirbler hat durch alle Wettbewerbe hindurch 20-mal für Inter gespielt und 3-mal getroffen. In der Serie A waren es 15 Einsätze mit 1 Tor. ­Zuerst war er Stammspieler, dann bald nur noch die Variante von der Ersatzbank. Inter-Trainer Roberto Mancini, so haben es italienische Medien berichtet, habe wenig Freude an Shaqiris Arbeitseinstellung gehabt. Shaqiri widerspricht: «Ich war der Wunschspieler des Trainers, mein Verhältnis zu ihm ist bestens.»

Ob tatsächlich alles in Ordnung ist zwischen Inter, Mancini und Shaqiri? Der 23-Jährige sagt, dass er natürlich gerne eine wichtigere Rolle gespielt und mehr Tore erzielt hätte. Er schiebt aber diesem Satz sofort nach, dass ihm in ­allen Wettbewerben zusammen mehr Treffer gelungen seien als anderen Zuzügen. Er sagt auch, dass dieses erste halbe Jahr für ihn noch nicht richtig zähle, weil es zuerst einmal darum gegangen sei, sich zu integrieren, sich bei Inter, bei den Mitspielern, im Calcio, in Mailand, in Italien zurechtzufinden, die Sprache zu lernen. Er erklärt auch, dass er nach der fehlenden Vorbereitung im Winter nicht richtig fit gewesen sei und später auch noch angeschlagen, die Wade.

Fehlende Verbundenheit

In vielen Sätzen lässt Shaqiri aber auch anklingen, dass er einiges nicht so toll gefunden hat in den ersten Monaten bei Inter. Er hat sich nicht immer wohlgefühlt, weil er nicht die Wärme gefunden und das Vertrauen bekommen hat, die er braucht für feine Auftritte. Er würde beim Offensivspiel der Mannschaft gerne vermehrt im Zentrum stehen. Die Taktik- und Standardtrainings von Mancini dürften manchmal kürzer sein. Die Mannschaft sähe er gerne hochwertiger besetzt. Und er vermisst auch die Verbundenheit unter den Spielern, den Teamgeist, gemeinsam verbrachte Zeit nach Trainings und Matches.

Einmal gibt Shaqiri deshalb auch zu; «Es war zuletzt schwierig bei Inter.» Shaqiri hat feststellen müssen, dass beim Mailänder Grossclub und generell im italienischen Fussball «einiges extremer ist als beim FC Bayern». Er meint: Viel mehr Rummel. Viel mehr Drumherum. Auch in den Zeitungen. «Schon brutal», findet er, hat aber bei aller Kritik der Anhänger wegen seiner enttäuschenden Leistungen nie schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn er in Mailand unterwegs ist, und das ist er oft, denn er wohnt mitten im Zentrum, beschweren sich keine Anhänger bei ihm. Dann kommen sie nur und sagen: «Shaqiri, du bist der Beste!»

Die Schweiz muss sich um Shaqiri nicht zwingend Sorgen machen. Nur weil er im Verein schwierige Wochen hinter sich hat, braucht die Nationalmannschaft nicht darunter zu leiden. Shaqiri, von dem im Angriff so viel abhängt wie von keinem im Team, ist ein Stimmungsspieler. Er muss nicht blendend trainieren, um stark zu spielen. Er muss nur frei sein im Kopf. Freude haben. Und Lust verspüren. Er hat am Mittwoch im Test gegen Liechtenstein getroffen. Oder im vergangenen Herbst in den Partien gegen San Marino (1 Tor) und Litauen (2), als er auch bei den Bayern nicht mehr besonders gefragt war. Ausserdem dürfte dem Techniker der Kunstrasen im Kleinstadion von Vilnius (5500 Plätze) entgegenkommen.

Ein Ultimatum für bessere Tage

In den Tagen mit der Schweiz und in der Ferienzeit will sich Shaqiri mit der Frage auseinandersetzen, weshalb er fürs Nationalteam, aber nicht für Inter häufig trifft. «Dass ich mich in der Nationalmannschaft wohler fühle, kann ein Punkt sein», glaubt er. «Wir sind ein relativ junges Team, aber schon recht lange zusammen. Wir sind quasi organisch gewachsen, haben einen super Teamgeist und verstehen uns oft fast blind.»

Er möchte, dass es auch bei Inter so wird. Er möchte wissen, «welche Spieler kommen, welche gehen, in welchen Dimensionen der Trainer denkt, welche Aufstellung er im Kopf hat». Er hat vor seiner Abreise aus Mailand mit den Clubverantwortlichen geredet und platziert, was er sich wünscht. Eine Mannschaft, die dem Ruf Inters mit seinen 18 Meistertiteln und drei Champions-League- oder Meistercup-Siegen wieder gerecht wird: «Ich erwarte, dass wir nächste Saison um den Titel mitspielen. Das will ich.»

Wie er das sagt, klingt es wie ein Ultimatum. Für den Club. Oder auch für ihn selbst. So konkret wird er nicht. Ob es jemals passt mit ihm und Inter?

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