Real kennt keine Gnade

3:1 im Clásico gegen einen FC Barcelona, ­dessen Spielweise zum lauen Wetter passte.

Saisontreffer Nummer 16: Cristiano Ronaldo nach dem 1:1 per Penalty.

Saisontreffer Nummer 16: Cristiano Ronaldo nach dem 1:1 per Penalty.

(Bild: Reuters)

Es war alles bereitet, um den 229. Clásico Spaniens zum Abend des Uruguayers Luis Suárez werden zu lassen. Denn es gibt sie nicht, eine grössere Bühne als das ewige Duell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Seit dem 24. Juni hatte Suárez nicht mehr an einem Pflichtspiel teilnehmen dürfen, nachdem er bei der WM den Italiener Chiellini in die Schulter gebissen hatte. Gestern nun also das Debüt nach seinem 80 Millionen Euro teuren Wechsel von Liverpool nach Barcelona. Doch dann stahl ihm der andere «Neuner» die Show: Karim Benzema, der als phlegmatisch verschriene Franzose krönte mit seinem Tor zum 3:1 (61.) eine formidable Leistung – und liess den Rückstand Reals auf Barcelona auf bloss noch einen Punkt schmelzen.

Erst eine Stunde vor Beginn der Partie war bestätigt worden, dass Luis Enrique dem Rat eines seiner berühmteren Vorgänger als Barcelona-Trainer gefolgt war. «Warum sollte Suárez nicht spielen? Wenn er keinen Schnupfen hat …», hatte Johan Cruyff gefragt – und daran erinnert, dass er selbst in den 70ern auch mal fünf Monate warten musste, ehe er bei Barcelona sein erstes Spiel bestreiten durfte. Ajax Amsterdam hatte die Freigabe nicht erteilen wollen.

Neymar musste nicht einmal mit den Hüften wackeln, um das 1:0 zu erzielen

Suárez fügte sich sofort ein: Er entlarvte nach drei Minuten mit einem 40-Meter-Querpass eine ungeheuerliche Lücke in der Madrider Abwehr. Sturmpartner Neymar musste nicht einmal mit den Hüften wackeln, um die desorientierten Carvajal und Pepe auszutanzen und das 1:0 zu erzielen. Doch überraschenderweise wurde dieses Tor nicht zum Fundament, auf dem Barcelona die Hausherren durch geduldiges Kombinationsspiel vor sich hergetrieben hätte. Im Gegenteil.

Das lag auch daran, dass Real zu keinem Zeitpunkt konzeptionelle Zweifel erkennen liess, während Barças Spiel in seiner Trägheit eher den lauen Temperaturen (28 Grad) Rechnung zu tragen schien. «Wir haben den Kopf nicht verloren», sagte Reals Trainer Carlo Ancelotti. Einer kurzen Periode des Sturms und des Drangs Madrids, in der Benzema (11.) einen Kopfball mit einschüchternder Gewalt an die Latte setzte, folgten zwar noch zwei Barça-Grosschancen: Lionel Messi (23.) und Neymar (28.) scheiterten jeweils aus fünf Metern an Iker Casillas. «Wenn du im Bernabéu-Stadion Gnade walten lässt, musst du büssen», sagte Barça-Captain Xavi Hernández.

Nach 754 Minuten wurde Barça-Goalie Bravo erstmals bezwungen

In der Tat: In der 35. Minute leistete sich Gerard Piqué einen Ausrutscher im Strafraum. Er fiel mit der Hand auf den Ball. Den Elfmeter verwandelte Cristiano Ronaldo zu seinem 16. Saisontreffer. Der Portugiese beendete die Serie des Barça-Goalies Claudio Bravo: Er war bis dahin (seit Saisonbeginn) 754 Minuten ohne Gegentor geblieben.

Ähnlich machtlos war der chilenische Keeper bei den anderen beiden Treffern. In der 50. Minute traf Pepe nach einem Corner von Toni Kroos, in der 61. Minute machte Real Madrid den Sieg mit einem Gemälde von einem Konter nach Art des Hauses perfekt. Erst jagte Isco Andrés Iniesta an der Mittellinie den Ball ab, es folgten fulminante Pässe nach je zwei Ballkontakten von Isco auf Ronaldo, Ronaldo auf James und James auf Benzema, der mit einem Querschuss an den Innenpfosten den Endstand herstellte.

«Dieser Abend hat gezeigt, dass es Rivalen gibt, die mindestens genauso gut, wenn nicht besser sind als wir», sagte Luis Enrique. Die Saison ist noch lang, doch die Beständigkeit und Form Madrids ist schon jetzt beängstigend. Gestern blieben die Madrilenen unter dem Saisonschnitt von 3,7 Toren pro Spiel. Sollte Real diese Reiseflughöhe behalten, käme es am Ende auf rund 200 Tore. Der nackte Wahnsinn liegt längst im Bereich des Vorstellbaren.

DerBund.ch/Newsnet

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