Plötzlich sitzen andere auf der Ersatzbank

Leonardo Bertone zählt zu den jungen Spielern, die bei den Young Boys nun die Lücken schliessen müssen.

Leonardo Bertones Fähigkeit, das Spiel zu lesen, gefällt YB-Trainer Uli Forte.

Leonardo Bertones Fähigkeit, das Spiel zu lesen, gefällt YB-Trainer Uli Forte.

(Bild: Keystone)

Ob das ein gutes Omen ist? Das Erste, was Leonardo Bertone in der Super League erlebt hat – war die Meisterfeier des FC Basel. Im letzten Spiel der vorletzten Saison, beim 2:1-Sieg von YB in Basel am 23. Mai 2012, wurde er in der 81. Minute für Martinez im St.-Jakob-Park eingewechselt und kam so als 18-Jähriger zu seinem Debüt im «Eins». Trotz des YB-Sieges stand damals der FCB im Mittelpunkt. Die Basler waren bereits vor dem Spiel Schweizer Meister und liessen sich nach dem Abpfiff von ihren Fans mit dem Pokal feiern.

Mittelfeld als Wunschposition

Mittlerweile ist Bertone ein Jahr älter, und am Sonntag gegen GC läuft er in dieser Saison zum vierten Mal in der Startformation für YB auf. Wie neu die Super League für ihn ist, zeigt auch die Tatsache, dass es sein erstes Spiel im Letzigrund sein wird. Bertone sagt zwar pflichtbewusst: «Ich weiss nicht, ob ich wieder spielen werde. Das bestimmt der Trainer.»

Doch Uli Forte bleibt nach der Gelb-Sperre von Moreno Costanzo und der Tatsache, dass Scott Sutter und Marco Bürki weiter verletzt sind, kaum eine andere Wahl, auch wenn Alain Rochat wieder einsatzfähig ist. «Leonardo spielt jetzt auf seiner angestammten Position im zentralen Mittelfeld und hat das in Luzern und Aarau sehr gut gemacht», sagt der YB-Trainer. Gegen Luzern im Hinspiel musste Bertone als rechter Verteidiger aushelfen, mehr recht als schlecht. Jetzt hat Forte mit dem 19-jährigen Florent Hadergjonaj auf dieser Position die Lösung gefunden, zumindest bis Sutter wieder fit ist.

Forte gefällt an Hadergjonaj dessen coole, unaufgeregte Art. «Florent lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, er ist nicht nervös und ist ein Schlitzohr im positiven Sinne.» Und Bertone attestiert er die Fähigkeit, das Spiel «lesen» zu können. «Leonardo ist ein Stratege, aggressiv in den Zweikämpfen. Zudem kann er beidfüssig gut schiessen. Nur zeigt er das zu wenig. Ich erwarte, dass er pro Halbzeit zwei, dreimal auf das Tor schiesst.»

Kein Challenge-League-Angebot

Vor dem Saisonbeginn hatte sich Bertone nicht träumen lassen, plötzlich zum engen Kreis der Mannschaft zu zählen. Er wäre leihweise zu einem Klub in der Challenge League gewechselt, wäre da nur ein konkretes Angebot gekommen. «Deshalb hatte ich mich entschlossen, einen Schritt zurückzugehen und in der U-21 zu spielen. So bleibt mir auch genügend Zeit für die Schule.» Nach der Wirtschaftsmittelschule arbeitet Bertone nun für die Berufsmatura. Sein Berufsziel ist Sportlehrer.

Auch sein Aufstieg in das Kader der Profis hindert ihn indes nicht daran, in der Schule am Ball zu bleiben. Er sagt: «Ich bin ein relativ guter Schüler, muss deshalb nicht so viel Zeit für das Lernen investieren.»Bertone hat als Junior bei den Young Boys praktisch alle Stufen durchschritten. Mit 9 Jahren kam er vom SC Wohlensee zum grossen Stadtklub. Als Bub habe er damals noch gar nicht realisiert, «dass YB ein riesiger Verein ist. Ich wollte einfach tschutten.» Mit Michael Frey, Florent Hadergjonaj, Thomas Fekete, Haris Tabakovic oder auch Marco Bürki findet er sich nun Jahre später mit vielen Kumpels im Profi-Kader wieder, die er teilweise schon seit Jahren aus der Nachwuchsabteilung kennt. «Wir pflegen eine gute Dynamik. Wir unterstützen uns. Wenn einer nicht im Aufgebot ist und in die U-21 muss, senden wir ihm SMS, fordern ihn auf, noch mehr Gas zu geben.»

Mit weit reichenden Wurzeln

Bertone wohnt noch im Elternhaus in Hinterkappelen. Einer seiner Grossväter war einst von Napoli in die Schweiz eingewandert, seine Grossmutter stammt aus Deutschland. Und auch von der Seite der Mutter reichen die Wurzeln weit. Seine Grossmutter mütterlicherseits stammt aus Spanien, der Grossvater aus Deutschland. Er habe südländisches Temperament, sagt Bertone. Als junger Spieler habe er oft mit den Schiedsrichtern gehadert, «manchmal spürte ich mich vor Ärger nicht mehr und sah schwarz vor den Augen». Die Konsequenz waren einige Rote Karten. Mithilfe eines Mentaltrainers habe er gelernt, etwaigen Frust auf dem Spielfeld in positive Aggressivität umzuleiten. «In solchen Situationen konzentriere ich mich noch mehr auf das Spiel und kämpfe noch ausgeprägter.»

Jetzt sitzt Leonardo Bertone ganz brav in einem Sessel im Restaurant Eleven und sagt: «Mein grosses Ziel ist die Karriere als Profifussballer, dafür gebe ich alles. Aber mit 35 Jahren ist die Karriere zu Ende, und danach will ich nicht verblöden. Deshalb ist für mich auch die Schule wichtig.»

Der Bund

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