Ohne Mäzene läuft im Schweizer Spitzensport nichts

Der Tod von Andy Rihs macht bewusst, wie wichtig Gönner sind.

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Was musste sich Andy Rihs in Bern alles anhören: Ein Zürcher sei er, grossspurig, keiner vom Fach. Nun ist der Patron tot, und die Berner fragen sich, was bedeutet das für uns? Was geschieht mit YB? Denn irgendwie haben sie ihn gern bekommen, wegen seiner markigen Sprüche, wegen seiner YB-Socken – und wegen seines Geldes. Ohne ihn wäre YB nicht da, wo es ist. Ohne ihn wäre der Meistertitel noch immer ein verwunschener Traum.

Rihs hat Bern viel gegeben. Das meiste ­à fonds perdu – selbst wenn ihm und seinem Bruder Hans-Ueli auch das ­Stade de Suisse gehörte, ein in Beton gegossener Wert von rund 75 Millionen Franken. «Über 50 Chischte» habe er in YB gesteckt, sagte er 2016 an seiner legendären Ringelsocken-Pressekonferenz. 50 Millionen Franken, das war selbst für ihn viel, «das gaat eifach nöd». Und doch blieb er YB treu.

Es war das Glück der Berner. Denn ein Blick durch die Schweizer Sport­stadien zeigt: Kaum ein Proficlub kommt ohne fremde Hilfe aus (siehe nachfolgende Grafik). ­Vereine mit Ambitionen oder aus Randregionen sind meist abhängig von jemandem mit grossem Portemonnaie.

Mäzene bei Schweizer Clubs

Dabei würde wohl sehr viel Unsinn verhindert, wenn sich die Clubs mit dem durchschlagen müssten, was sie selbst erwirtschaften. Das Mäzenatentum birgt durchaus Gefahren. Helmut Dietl, Sportmanagement-Professor an der Universität Zürich, sagt, Vereine könnten in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten. Zudem werde verlernt, richtig zu wirtschaften: «Dadurch entstehen ­Ineffizienzen und Misswirtschaft.»

Man darf sich etwa die Frage stellen, ob der FC Sion oder die Grass­hoppers auch dann zweimal pro Saison den Coach wechselten, wenn keine Privatpersonen die dadurch entstehenden Löcher im Lohnbudget stopfen würden.

Der FC Thun zeigt, wie schwierig das Überleben ohne Gönner ist

Der FC Thun beweist, dass man sich auch ohne Gönner und dafür mit Vernunft und realistischem Budget in der höchsten Liga halten kann. Aber einfach ist das nicht. 2017 überlebten die Berner Oberländer nur dank eines Spendenaufrufs, der über 1,5 Millionen Franken einbrachte. Zwar hat sich die Lage seither etwas entspannt, weil die Liga ab der laufenden Saison 24 statt bisher 10 Millionen aus Vermarktungsrechten verteilt. Je nach Position in der Schlussrangliste gibt es pro Verein zwischen 1,8 und 3,3 Millionen. Aber auch bei den Thunern mit ihrem 13-Millionen-Budget ist das nur ein Bruchteil der anfallenden Kosten.

Kommt dazu: Wer es macht wie die Thuner, der darf nicht von Titeln träumen. Ligaerhalt, gesichertes Mittelfeld, das sind die Ziele, die mit massvollem Wirtschaften erreicht werden. Sobald einer im vorderen Tabellenviertel Spuren hinterlassen will, muss er entweder

a) einen sagenhaften Trainer haben (schwierig),
b) eine gute Jugend ausbilden (schwierig und teuer)
oder c) teure Spieler verpflichten (nur dann einfach, wenn jemand die Rechnung bezahlt).

Es gibt ein Beispiel im Schweizer Fussball, in dem Weg C dazu geführt hat, dass ein Club tatsächlich gelernt hat, auf eigenen Füssen zu stehen. Doch auch der FC Basel brauchte die Anschubfinanzierung einer Milliardärin, um zur Geldmaschine zu werden, die regelmässig zwischen 80 und 130 Millionen Umsatz bolzt.

Mit Gigi Oeri durchlebte der FCB fast alle möglichen Stufen des Mäzenatentums im Teamsport. Erst stieg sie 1999 als stille Unterstützerin des Nachwuchses ein. Dann wurde mit ihrem Geld die Meistermannschaft von 2002 zusammengekauft. Irgendwann war sie von so vielen Schmeichlern umgeben, die ihr erzählten, wie grossartig all ihre Entscheidungen seien, dass sie sich selbst zur Sportchefin ernannte.

Gigi Oeri bezahlte für einen Fehler 9,7 Millionen Franken.

Sobald aber Mäzene in den Sportbereich eingreifen, können sie zum Problem werden. Meist sind sie als Fans zum Verein gestossen und kennen den Sport nur aus der Zuschauerperspektive. Ihre Entscheide sind häufiger von Emotionen geleitet als von Fachwissen. Beim FC Luzern ist es spätestens dann um die Ruhe geschehen, wenn Investor Bernhard Alpstaeg öffentlich poltert. Beim FC St. Gallen gibt es viele, die sagen, Retter und Sanierer Dölf Früh sei so lange ein Segen für den Club gewesen, bis der damalige Hauptaktionär anfing, sich in Transfers einzumischen.

Mäzene, die das tun, müssen bereit sein, für ihre Fehler zu haften. So, wie das Präsident Christian Constantin in Sion und das Ehepaar Canepa beim FC Zürich tun, wenn sie mal wieder das Budget mit dem eigenen Vermögen ausgleichen. Oder Oeri damals beim FCB. Für den Fehler, Trainer Christian Gross noch einmal einen Vertrag zu geben, bezahlte sie 2009 9,7 Millionen Franken in die Clubkasse.

Danach zog sich Oeri schrittweise zurück. Rund 25 Millionen Franken dürfte der FCB insgesamt von ihr erhalten haben. In Basel ist aus diesem Geld ein nachhaltiger Erfolg entstanden, der den Club so gut dastehen lässt, dass sich der neue Besitzer Bernhard Burgener gar das Recht vorbehält, sich dereinst Dividenden auszubezahlen.

Wer auf den Prinz hofft, wirft sich auch mal einem Frosch an den Hals.

Weil das Geld anderswo aber knapp ist und die Ziele trotzdem gross, ist der Schweizer Fussball so anfällig auf Scharlatane. Wer immer auf den Prinzen hofft, wirft sich auch mal einem Frosch an den Hals. Dafür sprechen die Fälle Tschagajew bei Xamax oder Eckel bei GC. Lust auf Ruhm und Glorie gibt es selbst in der Provinz. Anders sind die Fiaskos in Biel mit «Investor» ­Häfeli und Wil mit türkischen Besitzern nicht zu erklären.

YB dagegen wird das Geld der Mäzene nach langen Irrungen und Wirrungen mindestens einen Titel bringen. Dass Andy Rihs den Erfolg nicht mehr erlebt, ist bittere Ironie. Doch die Rihs-Brüder haben selbst das Szenario Tod einkalkuliert. YB vermeldet: «Die Besitzverhältnisse sind klar und bleiben unverändert: YB gehört den beiden Familien Rihs, die als Einheit auftreten.»

Die nähere Zukunft ist in Bern ­gesichert. Und im Idealfall waren «50 Chischte» genug, um den Club auf eigene Beine zu stellen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.04.2018, 20:45 Uhr

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