Noch längst nicht ausgelernt

Die Konkurrenten heissen Sékou Sanogo und Milan Gajic und haben etliches an Erfahrung vorzuweisen. Leonardo Bertone stachelt das nur noch mehr an, um einen Stammplatz im zentralen YB-Mittelfeld zu kämpfen.

Emotionaler Höhepunkt der noch jungen Fussballkarriere: Leonardo Bertone (links) feiert sein 2:0 gegen Napoli.

Emotionaler Höhepunkt der noch jungen Fussballkarriere: Leonardo Bertone (links) feiert sein 2:0 gegen Napoli.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Direkt verwandelte Freistösse? In dieser Disziplin haben sich die Young Boys schon lange nicht mehr mit Ruhm bekleckert. Als Moreno Costanzo noch regelmässig zum Einsatz kam, traf er hie und da mal ins Tor. Seit der Ostschweizer an Aarau ausgeliehen wurde, hat noch gar keiner mit einem ausserhalb des Strafraums ruhenden Ball reüssiert. Höchste Zeit also, an dieser Schwäche zu arbeiten. Diese Woche tat es YBs Freistoss-Fraktion nach Abschluss der offiziellen Trainingseinheiten. Mit mässigem Erfolg. Alexander Gerndt, Florent Hadergjonaj, Jan Lecjaks, Raphaël Nuzzolo und Leonardo Bertone zielten meistens zu hoch oder in die Metallfigurenmauer – oder aber scheiterten mit ihren Schüssen aus 20 bis 22 Metern an Goalie Mvogo.

Am häufigsten traf noch Bertone ins Ziel, was er als nichts Aussergewöhnliches empfand. «Freistösse sind eine meiner Spezialitäten», erklärte er nach Abschluss eines kleinen Wettkampfes um ein Mittagessen. Tief ins Gedächtnis des Mittelfeldspielers eingebrannt hat sich ein Turnier mit der U-18-Auswahl in Lille, als ihm fünf Tore gelangen – alle mittels Freistoss. Wie übrigens auch das erste Tor in der Super League – erzielt gegen den FC Basel im Februar 2014.

Mitglied des «goldenen» Jahrgangs

Leonardo Bertone gehört wie Yvon Mvogo, Florent Hadergjonaj, Michael Frey, Grégory Wüthrich zum «goldenen» YB-Jahrgang 1994. Golden, weil sie ­allesamt vor dem 20. Altersjahr den Sprung in die Super League geschafft ­haben. 27 Meisterschaftsspiele hat Bertone bisher für YB bestritten, über 20 weitere in der Europa League, im Cup und mit der U-21-Nationalmannschaft. Das ist viel für den nun 21-Jährigen, der im zentralen Mittelfeld wirkt, wo die ­Ansprüche besonders hoch sind. Wer sich auf dieser Position behaupten will, muss dirigieren und Bälle erobern ­können ohne ständig zu foulen, gedanklich sehr schnell sein und das Gespür für öffnende Pässe haben. Er habe sich nie gescheut, Verantwortung zu übernehmen, gibt Bertone zu verstehen.

Uli Forte gefällt, mit welchem Selbstverständnis der jüngste der zentralen Mittelfeldspieler seine Aufgaben wahrnimmt. Leo lasse sich nicht einschüchtern, egal wie der Gegner heisse, so der YB-Coach. Der Hinterkappeler mass sich in dieser Saison mit etlichen starken Kontrahenten; am nachhaltigsten in ­Erinnerung geblieben sind ihm die beiden Everton-Akteure Ross Barkley und Darron Gibson: «Ihre Zweikampfstärke und das schnelle Umschalten, sobald sie in Ballbesitz waren, haben mich beeindruckt.» Ohnehin fand Bertone die ­Europacup-Kampagne «eine äusserst lehrreiche Erfahrung». Gefragt nach dem emotionalen Höhepunkt, muss er nicht lange überlegen. «Das Heimspiel gegen Napoli, die Ambiance, mein ­spätes Tor zum 2:0. Da hat einfach alles gepasst.»

«Eher ein mentales Problem»

Der Auswärtsmatch in Aarau am letzten Sonntag war quasi das Gegenstück dazu. Beim schmeichelhaften 1:1-Remis gegen die 70 Minuten in Unterzahl spielenden Aargauer passte bei YB wenig bis nichts zusammen. Den Bernern fehlte lange Zeit ein vernünftiger Plan, um den aufopfernd kämpfenden Tabellenletzten ernsthaft in Verlegenheit zu bringen. «Wir bewegten uns zu wenig, und das vertikale Passspiel funktionierte so gut wie nie», kritisiert Bertone, der in Abwesenheit des verletzten Sékou Sanogo im Verbund mit Milan Gajic die Zentrale vor der Abwehrreihe besetzt. Wie andere Akteure kann er nicht schlüssig erklären, wieso die Young Boys bisher in der Rückrunde im eigenen Stadion etliches überzeugender aufgetreten ist als in der Fremde. Die Unterlage sei es jedenfalls nicht. «Wenn schon, ist es eher ein ­mentales Problem.»

Womit wir beim Bild der geschwellten Brust sind, die bei YB längst nicht so ausgeprägt vorhanden ist wie bei Serienmeister Basel. Um in dieser Disziplin mit der Nummer 1 der Schweiz mithalten zu können, braucht es einiges mehr als ein paar achtbare Resultate in der Gruppenphase der Europa League. Notwendig sind Erfolge in den Direktbegegnungen und eine Dominanz im eigenen ­Stadion, egal wie der Gegner heisst. Der morgige Widersacher, der FC Zürich, ist der härteste Konkurrent um Platz 2. «Unser Ziel ist es, die Distanz zum FCZ zu vergrössern», sagt Bertone. Mit einem Sieg würde YB die Zürcher bereits um sieben Punkte distanzieren. Was schon ein ordentliches Polster wäre, auch wenn danach immer noch 11 Meisterschaftsrunden zu spielen sind.

Der Bund

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