Meisterprüfung am 1. Advent

Jahrelang war der St.-Jakob-Park eine Festung. Am Sonntag dominiert ein stilsicheres YB das Gipfeltreffen beim FC Basel fast nach Belieben.

Das YB-Siegtor: Der Freistoss von Miralem Sulejmani fliegt an allen im Basler Strafraum vorbei zum 2:1 für die Young Boys ins Netz.

Das YB-Siegtor: Der Freistoss von Miralem Sulejmani fliegt an allen im Basler Strafraum vorbei zum 2:1 für die Young Boys ins Netz. Bild: Keystone

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Nach dem Spitzenkampf ist vor dem Spitzenkampf. Wobei: Spitzenkampf trifft die Sache ja allerhöchstens bedingt. Das Titelrennen in der Super League jedenfalls ist nach menschlichem Ermessen zu Beginn der Adventszeit entschieden. Das liegt, einerseits, an souveränen, stilsicheren Young Boys, die am 16. Spieltag das Duell Erster beim Zweiten gegen den FC Basel 3:1 gewinnen – und nun 19 Punkte vor dem grossen Rivalen liegen! Und das liegt, andererseits, am fehlenden Glauben, dass die Konkurrenz (also der FCB) Klasse und Kraft zu einer monumentalen Aufholjagd besitzt.

Es ist am Sonntag eine Machtdemonstration des Leaders, der in allen Belangen das bessere und athletischere Team ist, spielfreudiger und selbstbewusster und schneller, und die reifere Spielanlage präsentiert. Dabei ist es YB, das unter der Woche eine kräftezehrende Begegnung bestritt und eine bittere 0:1-Niederlage in der Champions League bei Manchester United zu verdauen hatte. Und in Basel müssen die Young Boys erst noch in jeder Reihe auf den Schlüsselspieler verzichten: Abwehrchef Steve von Bergen, Stratege Djibril Sow und Torjäger Guillaume Hoarau fehlen verletzt.

Die starke YB-Schlussphase

Es ist aber, und das ist die andere Sicht der Dinge, auch eine Bankrotterklärung für den FC Basel. Was ist nur aus dem stolzen Primus der Liga geworden? Gegen YB entscheidet er sich für eine enorm vorsichtig interpretierte 3-4-1-2-Formation. Er verschanzt sich vor dem eigenen Strafraum, schickt lange Bälle mit den allerbesten Glückwünschen versehen weit und hoch nach vorne und gibt stilbewusst den krassen Aussenseiter. Zu Hause. Im St.-Jakob-Park, der eher ein St.-Brügglifeld-Park ist. Oder ein St.-Köbeli-Park. Weil Basel defensiv spielt wie Aarau einst in Heimspielen gegen die beste Mannschaft des Landes – und weil die Berner gegen einen verunsicherten, ängstlichen FCB in beinahe schon bizarrer Deutlichkeit dominieren.

YB tritt mit der Selbstverständlichkeit des Giganten auf. Nach einer halben Stunde Spielzeit führen die Gäste beispielsweise in der Eckballstatistik 6:0, das einzige Tor aber haben die Basler durch Albian Ajeti erzielt. Es ist ein überaus grosszügiger Ertrag für eine bereits in der ersten Halbzeit harmlose Vorstellung. Immerhin steht der FCB noch relativ stabil, er wirft sich mit Leidenschaft in jeden Zweikampf, bekämpft den Gegner genau so, wie kleine Mannschaften es gegen haushohe Favoriten tun müssen. «Vor der Pause hatten wir es relativ gut im Griff», sagt Basels Trainer Marcel Koller.

Würde ein Fussballspiel 45 Minuten dauern, wäre der FCB Leader – und YB mit 4 Punkten Rückstand erster Verfolger. Auch am Sonntag schlägt der Meister in der zweiten Halbzeit zu. Die Basler haben Ausflüge über die Mittellinie nun endgültig zur Exklusivität erklärt, sie wehren sich, so schlecht sie eben derzeit in der Lage sind. Defizite in Sachen Kondition, Kraft und Frische konstatiert der ziemlich mutlose FCB-Coach Koller, der die Mannschaft nach dem 1. Spieltag übernahm. Und so ist es nicht mal im Ansatz eine Überraschung, dreht YB die Partie in der Schlussphase. Ohne besonders brillant zu sein.

Und mal wieder schlagen die Young Boys dabei mit Standardsituationen zu. In der 69. Minute darf Miralem Sulejmani nach abgewehrtem Eckball ein zweites Mal ungestört flanken, in der Mitte trifft Mohamed Camara mühelos mit dem Kopf zum 1:1. Zehn Minuten später fliegt ein Freistoss Sulejmanis an allen im Strafraum vorbei ins Netz. Ein Aufbäumen der Basler fällt wenig unerwartet aus. In der 89. Minute erzielt Christian Fassnacht mit einem Kopfball das 3:1 für YB, beim anschliessenden Torjubel wird Kevin Mbabu wegen einer angeblich provozierenden Geste mit Gelb-Roter Karte des Feldes verwiesen. Sein Platzverweis ist symbolhaft für eine intensive, emotionale, zuweilen äusserst nicklige Veranstaltung.

Spitzenkampf gegen Thun

Aldo Kalulu steckt einmal den Finger in Sulejmanis Auge, Sékou Sanogo tritt Fabian Frei hart auf den Fuss. Es sind Aktionen, welche belegen, wie viel beim Treffen der beiden Schwergewichte immer noch auf dem Spiel steht. Und es sind Tätlichkeiten, die man mit Roten Karten hätte ahnden können. Die Basler beschweren sich zudem heftig über ein Foulspiel Fassnachts an Taulant Xhaka vor dem Corner, der zum Ausgleich führt.

Insgesamt aber ist der FCB vor rund 30000 Zuschauern derart hilflos und unterlegen wie vermutlich noch nie in einem Super-League-Heimspiel. Und auf Platz 2 ist er auch nicht mehr, dort hat sich der erstaunliche FC Thun eingefunden. Er tritt am nächsten Samstag zum Duell Zweiter beim Ersten im Stade de Suisse gegen die Young Boys an – mit 18 Punkten Rückstand.

Erstellt: 03.12.2018, 06:46 Uhr

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