Marco Streller denkt an eine Rückkehr von Stocker

Der 35-Jährige wird ab Juni neuer Sportchef beim FC Basel – alte Weggefährten trauen ihm auch in diesem Job den Durchbruch zu.

Der neue Sportchef will wieder mehr Basler beim FCB.

Der neue Sportchef will wieder mehr Basler beim FCB. Bild: Keystone

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Er braucht keine Minute, und schon hat er die Halle fest im Griff. «Ich verspreche euch: Wir sind alle bis in die Haarspitzen motiviert», ruft er 2400 Mitgliedern des FC Basel entgegen, als er für den neuen Vorstand wirbt. Und bemerkt gleichzeitig mit allen anderen, dass Nachwuchs-Chef Massimo Ceccaroni ja Glatze trägt. «Sorry, Massimo. Das nächste Getränk geht auf mich!» Marco Streller lacht, das Publikum lacht, Ceccaroni lächelt milde.

Das ist eine der grossen Stärken des 35-Jährigen, der im Juni Sportchef des FCB wird: Er kann Menschen für sich gewinnen. Weil es meistens aus ihm heraussprudelt, weil er Witz hat und den gewissen Schuss Selbstironie, den es braucht, um in Basel geliebt zu werden. «Er ist ein absoluter Sympathieträger, das war er immer», meldet Christian Gross aus Saudiarabien.

Es ist ein Kompliment aus dem Mund eines Mannes, zu dem Streller kein einfaches Verhältnis hatte. Gross war Strellers erster Profitrainer. Und der junge Stürmer litt unter dem harten Umgang, der in der Titelmaschine herrschte, zu der Gross den FCB nach der Jahrtausendwende umbaute.

Hier der jugendliche Streller, zwar «unerschrocken und ziemlich selbstbewusst», wie Gross sich erinnert. Aber eben auch sensibel und nach Anerkennung strebend. Dort der erfolgsgetriebene Trainer, der es als seine Aufgabe sah, ihm einzutrichtern, dass er «für seinen Beruf leben muss, um seine Zeit als Spieler optimal zu nutzen».

Streller fragt sich selbst: «Kann ich das überhaupt?»

Gross mag Strellers Harmoniebedürfnis nicht immer verstanden haben. Aber er erkannte, welche Wirkung Streller auf seine Umwelt ausüben kann: «Er hat die Gabe, sehr motivierend zu wirken, er verströmt viel Energie.»

Es sind diese menschlichen Qualitäten, die niemand anzweifelt, mit dem man über Streller spricht. Und doch gibt er selbst zu, dass er sich immer wieder die Frage gestellt hat: «Sportchef beim FCB, kann ich das überhaupt? Sind die Fussstapfen nicht zu gross?»

Mit der abtretenden Gilde um Präsident Bernhard Heusler und Sportchef Georg Heitz steuern die Basler gerade auf den siebten Meistertitel in Serie zu, sie haben 2016 mit Transfers 61 Millionen Franken eingenommen. Unter dem Eindruck dieser Erfolgsgeschichte sagt Streller: «Ich weiss nicht endgültig, ob ich es kann. Aber ich weiss, dass ich für diese Aufgabe brenne.»

Es geht für ihn darum, zu beweisen, dass er sich stetig weiterentwickelt hat. Vom Bruder Leichtfuss der jungen Tage über den Anführer einer Mannschaft bis zum ernsthaften Manager, der Entscheidungen treffen muss, die wehtun. Es wäre der letzte Schritt in der Metamorphose des Marco Streller.

Als Streller 2000 von Arlesheim zum grossen FCB wechselte, begegnet er nicht nur Gross, sondern auch Hanspeter Latour. Der damalige Assistenztrainer lernte einen unbekümmerten Jüngling kennen, der eine KV-Lehre absolviert und in einem Landclub gekickt hatte, der «nicht unter der Fussballglocke» gross wurde, wie es Latour formuliert. 2001 zog Latour nach Thun als Cheftrainer, ein Jahr später folgte ihm Streller für knapp eine Saison. Wobei er anfänglich nicht im Berner Oberland lebte, sondern weiterhin im Baselbiet. Und es kam vor, dass er verspätet zum Training erschien.

«Sorry, ich stehe im Stau am Belchen», gab er dann telefonisch durch, und am anderen Ende dachte sich Latour schmunzelnd seine Sache: Stau am Belchen – oder vielleicht eine halbe Stunde zu lange gejasst? «Ich bin schon ein paar Kompromisse eingegangen, ohne dass andere davon erfahren hätten. Marco war ein Schlitzohr im positiven Sinn. Er hat sich nie aufgeführt wie eine Diva. Für uns war er Gold wert.» Das passt zu dem, was Bernard Challandes sagt, der früher Nachwuchstrainer beim Verband war und Streller in die U-20 sowie die U-21 berief: «Er war pflegeleicht und immer positiv eingestellt. Ich spürte jederzeit: Dieser Junge liebt den Fussball.»

Warum Streller einmal auf Gross überheblich wirkte

Streller stand in jüngeren Jahren im Ruf, ein Lebemann zu sein. Der kein Freund des strikten Ernährungsplans war und nicht dauernd auf die Uhr schaute, wenn er unterwegs war. Der es trotzdem zum Nationalspieler brachte und eines Tages mit seinen früheren Idolen Chapuisat oder Henchoz beim Essen am gleichen Tisch sass. «Marco merkte mit den Jahren, dass Seriosität eine wichtige Voraussetzung ist, um Erfolg zu haben», sagt Latour, «aber er verlor nie das Spielerische. Am liebsten machte er auch im Training die Bicicletta beim Fussballtennis.»

Nun also vollzieht er den Rollenwechsel, und das heisst: Er muss strategisch denken statt Tore erzielen, verhandeln und ein Kader zusammenbauen statt seine Kollegen auf den Platz führen. Und er muss sich mit Spielern auseinandersetzen, die – wie er früher – ihre Karriere vorantreiben.

Gross erinnert sich an die Turbulenzen bei Strellers Wechsel nach Stuttgart 2004, als der damals 22-Jährige das Couvert mit dem späten Basler Angebot für einen neuen Vertrag nicht einmal öffnete, weil er dem VfB bereits sein Wort gegeben hatte. «Auf mich wirkte das überheblich», sagt Gross, «er dürfte sich künftig wohl wundern, wenn einer seiner Spieler ihm gegenüber ähnlich reagiert.»

Streller dagegen glaubt, dass ihm seine eigene Erfahrung in genau solchen Situationen helfen wird: «Wenn ein junger FCB-Spieler seinen Weg im Ausland machen will, werden wir sicher einen Weg finden, der für alle Seiten stimmt.»

«Er weiss, wie es läuft», sagt Latour, «er darf ruhig zwei-, dreimal den Kopf anschlagen, weil es wichtig ist, dass er auch seine Lehrproben macht. Aber ich bin sicher: Er kann das. Marco hat Ausstrahlung, er kann überzeugen, ohne deswegen Angst zu machen.» Streller kann reden, schnell und viel, aber Latour sagt: «Es gibt einen Unterschied zwischen kommunizieren und lafere. Bei Marco Streller kommt immer Inhalt hervor. Ich höre ihm sehr genau zu, wenn er im Fernsehen als Experte auftritt: Da steckt Substanz drin.»

Die Wortgewandtheit zeichnete Streller schon als Spieler aus. Er stellte sich auch in kritischen Momenten, wenn er etwa nach einer schwächeren Leistung in die Kritik geriet. Und Kritik bekam er oft. «Ich werde hochgejubelt oder niedergemacht», sagte er einmal, «bei mir gilt nur Top oder Flop.»

Für Ricardo Cabanas, den Teamkollegen in Köln 2006 und in der Nationalmannschaft, waren die kritischen Töne oft «unangebracht und überzogen». Er lernte Streller als «ganz feinen Menschen» kennen, auf den Verlass war und mit dem die lustigen Momente nicht zu kurz kamen.

Cabanas beobachtete aus der Ferne, wie Streller gerade in seiner Aussendarstellung eine enorme Entwicklung nahm. «Früher reagierte er manchmal vielleicht zu schnell, wenn er angegriffen wurde. Mit der Zeit nahm er nicht mehr alles zu ernst», sagt der Zürcher und fügt an: «Ihn zeichnet eine grosse Lernwilligkeit aus, er ist bereit, Hilfe anzunehmen.»

Streller selbst sagt: «Ich weiss genau, was ich kann. Und vor allem auch, was ich nicht kann.» Darum will er sich mit Leuten umgeben, die ihn in der Administration unterstützen. Er tut damit, was ihm Valentin Stocker rät: «Er muss Leute an seiner Seite haben, die ihre Stärken dort haben, wo er sie nicht hat. Dann habe ich keine Angst um ihn.»

Stocker war 17, als er 2007 zur ersten Mannschaft des FCB stiess. Und dort auf Streller traf, der eben aus der Bundesliga zurückgekehrt war und sich anschickte, Führungsspieler zu werden. Markus Babbel, Teamkollege in Stuttgart und heute Trainer in Luzern, findet: «Marco ist in Basel zum richtigen Profi und Vorbild geworden. Beim VfB musste er gegen starke Konkurrenz kämpfen und gegen Verletzungen. Das machte es für ihn nicht einfach.»

Zunächst hätten Streller und Benjamin Huggel wohl bloss Jasspartner gesucht und sie in ihm und Fabian Frei gefunden, erzählt Stocker: «Aber Marco hat gespürt, dass ich am Anfang keine einfache Zeit hatte. Und da ist er mir beigestanden. Dank ihm war es ein Team, das sehr speziell war: Wir konnten mit Freunden spielen und trotzdem Erfolg haben. Das ist im Profifussball extrem selten.»

Der neue Sportchef denkt an Stockers Rückkehr

Es war eine Zeit, in der Spieler aus dem Nachwuchs und prominente Rückkehrer aus der Bundesliga die 1. Mannschaft prägten. Eine Ära mit viel Lokalkolorit, die Streller wieder zurückbringen möchte. Sechs bis acht eigene Junioren sollen künftig im Fanionteam spielen. Und natürlich hat Streller auch Stocker angerufen, der sagt: «Mein Vertrag in Berlin läuft im Sommer noch ein Jahr, und meine Situation bei Hertha hat sich bis in die Schweiz herumgesprochen. Da ist es ja logisch, dass wir miteinander sprechen.»

Streller wirkte in seiner Karriere oft getrieben von den Emotionen des Moments. Wie 2008, als er innert 18 Tagen vom Rücktritt aus dem Nationalteam zurücktrat. «Doch er hat dieses Sprunghafte abgelegt», erzählt der noch amtierende Sportchef Heitz, der spürt, wie ernsthaft sich sein Nachfolger auf die neue Aufgabe vorbereitet: «Ich denke, es ist ihm erst bewusst geworden, was alles auf ihn zukommt, als öffentlich bekannt wurde, dass er Sportchef werden will. Aber jetzt weiss er definitiv, was dieser Job alles mit sich bringt.»

Seit Anfang Jahr geht Streller bei Heitz in die Lehre: Spielerverträge, Transferklauseln, Agentenvereinbarungen, Streller muss viel lernen und schnell. Er tut es mit grossem zeitlichem Aufwand. «Kürzlich hat er mir um zwanzig vor acht aus dem Büro geschrieben, wo ich denn sei», erzählt Heitz. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.04.2017, 11:30 Uhr

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