«Dann ist es schwierig, mich zu halten»

Trainer Ciriaco Sforza tut alles, um den grossen Problemen von GC zu trotzen – aber selbst seine Geduld ist irgendwann am Ende.

Zuversichtlich: Für Sforza wäre selbst bei einer Niederlage am Sonntag in St. Gallen noch lange nichts verloren.

Zuversichtlich: Für Sforza wäre selbst bei einer Niederlage am Sonntag in St. Gallen noch lange nichts verloren.

Ciriaco Sforza, warum passen Sie so gut zum heutigen GC? Unsere Philosophie, mit jungen und dynamischen Spielern zu arbeiten, ist richtig. Sie passt zum Verein und zu mir.

Aber GC ist Tabellenletzter. Auch wenn wir eine Phase hatten, die nicht von der Entwicklung der Mannschaft, aber von den Resultaten her schlecht war – wir bleiben auf der Strasse, die wir gewählt haben. Solange ich hier bin, bin ich mit vollem Herzen und vollem Elan dabei.

Grosse Hindernisse liegen im Weg, Geld fehlt, die Stadionfrage ist offen. Ja, aber es ist auch interessant, Hindernisse wegzuräumen.

Im Dezember nach dem 0:2 in Sitten war selbst bei Ihnen die Luft draussen, Sie waren ernüchtert . . . . . . ja, das darf auch einmal sein . . .

. . . und jetzt verbreiten Sie wieder den Glauben, dass alles gut kommt. Woher nehmen Sie diese Überzeugung? Wir haben es letzte Saison schon einmal geschafft, uns von unten nach oben zu arbeiten. Im Training sehe ich in der Entwicklung der Spieler Parallelen zum letzten Jahr. Das beruhigt mich. Die Spieler sind körperlich fit, sie sind mental stark, und wenn sie einmal zwei, drei Spiele in Folge gewinnen . . .

Es kann fahrlässig sein, immer von einer guten Entwicklung zu reden. Was zählt, ist der nächste Match. Aber nicht bei dieser Mannschaft. Dafür ist sie in ihrer Entwicklung noch zu wenig weit. Das Spiel in St. Gallen ist nicht das Wichtigste.

Das meinen Sie wirklich ernst? Sie kennen mich. Das ist meine tiefe Überzeugung. In den ersten Spielen wird die Mannschaft noch «chnorzen», das ist mir klar. Aber selbst wenn wir am Sonntag verlieren, bedeutet das nicht: Alles ist finito. Nein! Ich sage: Im März und April greifen wir enorm an. Die Rangliste interessiert mich jetzt nicht. Ich rechne erst am 25. Mai ab.

Wir vergessen nicht, was Sie für März und April versprochen haben. Ich auch nicht. Die Mannschaft wird noch enorm viele Punkte holen.

Wie gehen Sie mit den existenziellen Nöten um? Ich muss mich aufs Sportliche konzentrieren.

Trotzdem treffen Sie sich, wie am Mittwochabend, mit möglichen Investoren. Ja, das mache ich auch. Aber klar ist: Ab Sonntag muss ich mich in erster Linie mit dem Sportlichen beschäftigen. Damit es kein Wischiwaschi gibt.

Aber . . . . . . aber Gedanken mache ich mir.

Was sagen Sie diesen Leuten? Wieso sollen sie jährlich 250 000 Franken in GC investieren? Wegen Ihnen? Nein, nicht wegen des Trainers. In der 1. Mannschaft und im Nachwuchs haben wir Spieler mit Potenzial. Sie können wir nur dann weiterbringen, wenn wir längerfristig mit ihnen arbeiten können, wenn wir eine breite Basis haben, die trägt. Es kann nicht sein, dass wir nach jeder Saison bei null anfangen. Nehmen wir letztes Jahr als Beispiel: Wir wurden Dritter, und mir wurden die beiden besten Torschützen (Zarate und Ben Khalifa) verkauft. Wir konnten nicht anders. Sonst hätten wir den Laden schliessen müssen. Aber wenn sich das jedes Jahr wiederholt, zermürbt das.

Das alles erzählen Sie den möglichen Geldgebern? Ja, das müssen sie im Kopf haben, wenn sie bei uns einsteigen wollen. Unsere Situation lässt mich nicht kalt – weil ich voraus denken und planen möchte. Wir müssen an diese Saison denken, aber auch an die Frage: Was ist ab dem 1. 7.? Nochmals, ich will nicht mehr erleben, was nach der letzten Saison war.

Das haben Sie dem Klub so gesagt? Diese Signale hat er von mir.

Und was ist, wenn GC nicht genügend Investoren findet und das Budget für die nächsten drei Jahre nicht sichern kann? Dann ist es schwierig, mich zu halten.

Was sagen Sie dazu, dass der Verein aus Kostengründen an den Auszug aus dem Letzigrund denkt? Der Grasshopper-Club Zürich gehört nach Zürich, das ist kein Thema. Dann kommt aber die finanzielle Seite ins Spiel. Die zuständigen Leute im Verein sagen: Der Letzigrund kostet uns zu viel. Was machen Sie dann?

Mit dem Abschied vom Letzigrund würde sich GC endgültig aus der Stadt verabschieden. Der Klub würde seine Identität verlieren. Ich finde es schade, wenn man die Stadt verlassen muss. Und wenn ich vor der Wahl stehe: Aarau oder Letzigrund, dann sage ich: Wir müssen im Letzigrund bleiben. Der Rasen hier ist sensationell. Aber ich habe Verständnis, wenn der Verein aus finanziellen Gründen keine Wahl hat und ein Stadion suchen muss, in dem er viel Geld sparen kann.

Sie kennen GC aus einer ganz anderen Zeit. Es muss doch auch für Sie erschreckend sein, dass sich ein Klub mit dieser Geschichte einen Auszug überlegt. Ich weiss nicht, wie in den letzten Jahren hier gearbeitet wurde. Ich frage mich nur: Was ist aus diesem Verein gemacht worden? Und ich sage: Das tut weh.

Zwischen 1999 und 2010 machte GC 142 Millionen Franken Verlust. Mit Ihrer Mannschaft können Sie noch lange gut trainieren. Wenn am Ende das Geld zum Überleben fehlt, ist alles vergebene Mühe. Einverstanden.

Darum können Sie in Ihrer Arbeit nicht unbeeinflusst sein von den Problemen des Vorstandes. Als Trainer muss ich beim Einfachen bleiben. Je einfacher, desto besser.

Das heisst? Ich muss mich auf die Arbeit mit den Spielern konzentrieren. Über alles andere darf ich mit ihnen nicht reden. Mir ist wichtig, dass sie im Training voll dabei sind. Und das sind sie.

Bei allen Diskussionen um einen Wechsel nach Aarau oder nach Emmenbrücke – wird es am Ende nicht so sein, dass GC auch nächste Saison im Letzigrund spielt? (schmunzelt nur)

Der Verein will sich künftig anders organisieren. Auf dem Papier scheinen Sie mehr Macht zu haben, weil Sie teilweise die Aufgaben eines Sportchefs übernehmen. Wer kontrolliert Sie dann? Alle tun das, alle. Die Strukturen mögen anders sein, aber die Machtverhältnisse bleiben die gleichen. Mit mir arbeitet Dragan Rapic, er ist zuständig für die Verträge, er führt die Verhandlungen.

Aber Sie sagen, welchen Spieler Sie wollen. Ich gebe meine Ideen ein, ich rede mit den Spielern übers Sportliche. Den Rest macht Dragan.

Ein Zitat des früheren Sportchefs Erich Vogel heisst: «Sforza muss man als Trainer ganz eng führen.» Was soll das heissen?

Dass man Sie wohl kontrollieren müsse, damit Sie Spieler nicht allein auswählen könnten. Ich mache keine Transfers.

Wer widerspricht Ihnen, wenn Sie eine Idee haben? Dragan Rapic, Mathias Walther (Nachwuchschef, Red.), Marcel Meier (der künftige CEO), Urs Linsi.

Meier kommt vom Snowboard, auch Präsident Linsi ist kein Fachmann. Ich sage: Mit mir kann man immer reden. Vogels Problem ist, er erwartet, dass man Ja und Amen zu dem sagt, was er will. Das mache ich nicht.

In Ihren ersten zwölf Monaten bei GC kamen zwanzig Spieler, acht sind schon wieder weg. Einverstanden. Aber wir müssen im Detail anschauen, wer diese zwanzig wirklich holte. Viele kamen, als Vogel noch hier war. Wir müssen auch immer beachten, in welcher Phase wir waren, als wir Spieler verpflichteten. Was konnten wir für sie ausgeben? Die Antwort heisst: Wir haben kein Geld, um gross einzukaufen. So ist das. Dann muss ich eben das Beste daraus machen.

Dann gilt das auch für Gajic, Vazquez und Frick, die Neuen dieses Winters? Moment einmal. Gajic ist ein sehr guter Fussballer, er wird hier aufblühen. Vazquez wird ein interessanter Spieler, wenn er auf der richtigen Position eingesetzt wird, im Zentrum und nicht am Flügel. Und Frick? Die Idee war, Paiva sofort aus Luzern zu holen. Das ging nicht. Aber wir mussten für den Angriff etwas machen. Rennella ist nach seiner Verletzung ein Fragezeichen, Riedle ist verletzt und krank gewesen, also ist nur noch Emeghara übrig. Ich bin froh, dass Frick hier ist.

Sie arbeiten schon länger mit einem Mentaltrainer zusammen. Was kann er in Situationen wie diesen raten? Die Ruhe zu bewahren, geduldig zu sein mit den Jungen, nicht das Gefühl zu haben, es könne alles schnell gehen. Ich fühle mich stabil und reif. Und ich weiss, es gibt auch in der Niederlage Positives.

Zum Beispiel? Wir spielen gut, wir haben Chancen. Unser Pech, in Anführungszeichen, war, dass uns ein, zwei erfahrene Spieler fehlten. Ich habe dem Verein gesagt: Jung und dynamisch, das ist super. Aber wir brauchen auch erfahrene Spieler, am liebsten einen in jeder Reihe. Die Jungen spielen um 20 Prozent besser, wenn sie geführt werden.

Mit welchem Platz sind Sie am Saisonende zufrieden? So, wie es jetzt aussieht, nach all den Verletzungen, die wir im Herbst zu beklagen hatten – so bin ich das mit dem 8. Rang.

Tages-Anzeiger

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