Lockerheit nach dem Lapsus

Unfreiwillig ist Kasim Nuhu bei YB zum gefragtesten Mann avanciert. Nach seinem folgenschweren Aussetzer verblüfft der Ghanaer mit Ruhe und Selbstvertrauen.

Nuhu (links) versteht die Welt nicht mehr und auch Torwart von Ballmoos fühlt sich verantwortlich für den Lapsus vor dem 0:1.

Nuhu (links) versteht die Welt nicht mehr und auch Torwart von Ballmoos fühlt sich verantwortlich für den Lapsus vor dem 0:1.

(Bild: Keystone Peter Schneider)

Natürlich drehte sich auch tags darauf fast alles um diese eine Szene. Nuhu und von Ballmoos, der eine überlupft den anderen, eine Sache von Sekunden, eine Tragweite von Tagen. Am Morgen nach der unglücklichen Niederlage, nach diesem 0:1 in der Nachspielzeit gegen ZSKA Moskau, ist bei den Young Boys nicht nur Erholung und mentaler Aufbau, sondern auch Analyse angesagt. Kasim Nuhu liegt auf einer Gummimatte neben David von Ballmoos, der Verteidiger erklärt seinem Torwart beim Stretching noch mal genau, wie das am Dienstag passieren konnte.

Später geben die beiden entspannt darüber Auskunft. «So was passiert manchmal, man spricht ein Wort zu wenig miteinander, und dann geht es schnell», sagt der 22-jährige Nuhu. «Es ist auch mein Fehler. Wir gehen im falschen Moment aufeinander zu, nach Nuhus erstem und vor seinem zweiten Kopfball», meint der 22-jährige von Ballmoos, der im entscheidenden Moment tatsächlich etwas weit vor seinem Tor stand.

Es war am Dienstagabend ein unfassbar bitteres Ende für YB in einer Partie, welche zuvor 90 Minuten lang ganz nach dem Geschmack der Berner verlaufen war. Mit einem Sieg oder eben dem naheliegenden 0:0 hätten die Young Boys das Playoff-Rückspiel nächste Woche in Moskau geruhsamer angehen können. Jetzt stehen sie unter Zugzwang. Aber das war am Mittwochmorgen im YB-Lager alles noch Zukunftsmusik. Der Fokus galt dem Spiel am Samstag beim FC Zürich – auch wenn der kuriose Vorabend natürlich so rasch nicht aus den Köpfen zu verdrängen war.

Nuhu fast wie Piqué

«Ich fühle mich sehr schlecht fürs Team, es tut mir leid», sagte Nuhu weiter. Zum wiederholten Mal hatte er den Journalisten von der Szene erzählen müssen, Details übersprang er dabei ebenso elegant, wie er sich am Abend zuvor 90 Minuten lang gegen Gegner und mit dem Ball behauptet hatte. «Das war eines meiner besten Spiele überhaupt», sagte der 1,90 Meter grosse Verteidiger selbstbewusst, der am Dienstag bis zu seinem Eigentor im Bereich internationaler Klasse unterwegs war. Dass der Lapsus dann ausgerechnet auf der grossen Bühne passierte, tut doppelt weh. Nuhus Brüder haben zugeschaut, zu Hause in Kumasi, die Qualifikation zur Champions League wird auch in Ghana übertragen.

Reaktionen gab es aber nicht nur aus seiner Heimat, auch aus Spanien, wo Nuhu erst bei Leganés, dann bei Mallorca spielte. «Viele haben sich gemeldet, einige verglichen mich scherzhaft mit Piqué, alle aber meinten: Kopf hoch!» Am Wochenende erzielte Barcelonas Gerard Piqué im Supercup-Hinspiel gegen Real Madrid ein Eigentor aus ähnlich unbedrängter Lage. Vorderhand kann man Nuhu nur wegen der Kuriosität vom Dienstagabend mit Abwehrspielern von Weltrang vergleichen.

Doch die Entwicklung dieses hochtalentierten Verteidigers ist sehr interessant und könnte es noch lange bleiben. Da ist zum einen sein Talent. Kraft und Technik, mit dem Kopf und im Fuss, Nuhu hat beides. «Er überrascht mich immer wieder», sagte sein Trainer Adi Hütter unlängst. Das kann auch mal eine unliebsame Überraschung sein, wie in den Schlussminuten vom Dienstag. Grundsätzlich aber verzückt Nuhus Drang, mitzuspielen und mit dem Ball etwas Nachhaltiges anzustellen, jeden modern denkenden Fussballtrainer.

Und da ist zum anderen sein Weg. Als Nuhu vor bald einem Jahr in Bern ankam, sahen Kritiker vor allem wirtschaftliche Hintergedanken des Verwaltungsrates, ähnlich dem «Spekulationsobjekt» Yuya Kubo 2013. Wie einst beim Japaner wusste man auch mit dem Ghanaer zunächst wenig anzufangen, Beobachter konnten damals den Zuzug nicht verstehen, da die Personallage eher nach Zuzügen in der Offensive verlangte. Mittlerweile ist die Kadersituation bereinigt – und Nuhu hat sich über die Zweifel hinweggesetzt. Angesichts seines Talents und der Entwicklung, die der erst 22-Jährige noch vor sich hat, ist gut denkbar, dass er mal für ein Vielfaches der etwa 900'000 Euro wechseln wird, die YB bei der definitiven Übernahme von Mallorca vor Saisonstart zahlte.

«Wunderbare» Unterstützung

Nuhu selbst blieb und bleibt locker. Nach dem Gegenwind bei seiner Ankunft – und nach dem Trubel um sein Eigentor. «Es war wunderbar», sagt er irgendwann und meint damit die Unterstützung seiner Teamkollegen. Alle hätten sie ihn aufgemuntert, hätten ihn an seine Leistung bis zum Fehler erinnert. «Das wirft mich nicht aus der Bahn. Schliesslich haben wir noch viel vor in dieser Saison.» Es klingt wie ein Versprechen. Ein Versprechen nach dem Lapsus.

Der Bund

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