Lässt sich die Fifa von Sponsoren bestechen?

In einer internen Mail schreibt ein hochrangiger Fifa-Funktionär von «Bestechungsgeldern» in Bezug auf Sponsor Adidas. Auch Infantinos Milliardenplan spielt dabei eine Rolle.

Langjährige Partnerschaft: Die Fifa und der deutsche Sportartikelhersteller sind seit fast 40 Jahren Partner. (Bild: Getty Images/Alexandre Loureiro)

Langjährige Partnerschaft: Die Fifa und der deutsche Sportartikelhersteller sind seit fast 40 Jahren Partner. (Bild: Getty Images/Alexandre Loureiro)

Zürich, im Spätjahr 2018, in der Fifa-Zentrale herrscht höchste Anspannung. Gianni Infantinos milliardenschwerer Geheimplan ist aufgeflogen. Viele Monate lang hatte der Präsident des Fussball-Weltverbands diskret daran gearbeitet, fast alle Rechte und Vermögenswerte der Fifa an ein arabisch dominiertes Investorenkonsortium zu verkaufen. Für sagenhafte 25 Milliarden US-Dollar.

«Project Trophy» hiess die Geheimaktion – und sie war wirklich sehr geheim. Nicht einmal seine Vorstandskollegen hatte Infantino über die wahren Inhalte und über den gewaltigen Umfang des Milliardenplans informiert. Als die «Süddeutsche Zeitung» das Arbeitspapier im November 2018 enthüllte – samt einer vernichtenden Expertise zum geplanten Deal aus dem Fifa-Justiziariat -, da versuchte die Fifa abzuwiegeln: Der Vertragsentwurf sei «veraltet», bloss ein Papier von hunderten, die im Hause kursierten.

In der Branche glaubte das niemand.

Selbstabschaffung verschwiegen

Tatsächlich hatte Infantino Eckpunkte dieses «Term Sheets» gerade erst seinem Fifa-Vorstand als tollen Deal andrehen wollen: Die Fifa müsse nur zwei neue Turniere erschaffen, erzählte er den Kollegen, um sich die Milliarden zu sichern. Was er verschwieg: dass sich die Fifa zugleich weitgehend selbst abschaffen müsste. Dass die Fifa sogar die Kontrolle über ihre Weltmeisterschaften verlöre – so steht es im diskreten Entwurf, den Infantino und die potenziellen Investoren entworfen hatten.

Massiv betroffen von solchen Ausverkaufsplänen wären auch die Fifa-Sponsoren.

Er sah die Schaffung einer neuen Firma vor, in der die Rechte gebündelt werden sollten – Arbeitstitel: «Fifa Digital Corporation (FDC)» -, an der die Fifa selbst aber nur 51 Prozent halten sollte, die Investoren 49 Prozent. Aufsichtsratschef dieser neuen FDC: Gianni Infantino.

Massiv betroffen von solchen Ausverkaufsplänen wären auch die Fifa-Sponsoren. Teilweise, so hielten es interne und externe Fachjuristen in ihrer Bewertung fest, hatte Infantino den potenziellen Investoren sogar Rechte angeboten, die schon langfristig an andere Partner vergeben waren. Dass die in Aufruhr gerieten, offenbart jetzt ein Fifa-interner Mailverkehr, welcher der «Süddeutschen Zeitung» vorliegt, und den sie gemeinsam mit dem WDR ausgewertet hat.

Adidas-Chef moniert Fifa-Kommunikation

In höchsten Mitarbeiterkreisen, unter Einbindung der Bürochefs von Präsident Infantino und Generalsekretärin Fatma Samoura, wurde Ende Dezember 2018 das geeignete Vorgehen hinsichtlich der «Sorgen der Fifa-Partner» abgewogen; auch ein Krisengespräch zum Thema hatte stattgefunden. Als eine zentrale Reizfigur unter den Partnern gilt: Kasper Rorsted. Der Vorstandschef des langjährigen Werbepartners Adidas soll geharnischt die Kommunikation kritisiert haben, verrät eine Fifa-interne Warnung: «Rorsted wird einen Brief an unseren Präsidenten schicken, in dem er klarmacht, dass das Kommunikationslevel zwischen Fifa und Partnern nicht gut genug ist.»

Fifa-Funktionär Alasdair Bell erhebt schwere Vorwürfe – und will sich dazu doch nicht äussern. (Bild: Richard Heathcote/Getty Images)

Rorsted drängte auf Erklärungen – von Infantino persönlich. In einem Brief vom 19. Dezember fordere Adidas ein Treffen auf Chefebene, teilte Fifa-Handelsdirektor Philippe Le Floc'h am frühen Morgen des 20. Dezember im Verteiler auf der Chefetage mit. Dann meldete sich Alasdair Bell zu Wort. Um 9 Uhr 56 schrieb der stellvertretende Generalsekretär mit Bezug auf die Post des Adidas-Chefs folgende Mail in die Runde:

«Netter Brief. Es ist richtig, dass die Zusammenarbeit von Adidas mit der Fifa etwa 40 Jahre zurückreicht. Ich denke, zu diesem Zeitpunkt begannen sie, Bestechungsgelder an das frühere Management des Unternehmens zu zahlen (oder zumindest wurde dies in früheren Kommentaren so berichtet). Und jetzt haben sie einen Vertrag bis 2030, demzufolge ihnen alle möglichen Rechte eingeräumt wurden, auch in Hinblick auf Wettbewerbe, die es gar nicht gibt. Toller Deal. Ich frage mich, warum die Fifa das getan hat?»

Infantino und Adidas in schlechtem Licht

Das ist doppelt delikat. Zum einen rückt der zweithöchste Fifa-Offizielle einen langjährigen Werbepartner in die Nähe zur Korruption – und stellt mit diesem Bezug zugleich das aktuelle Vertragsverhältnis zum deutschen Sportartikelhersteller in Frage.

Zum anderen rückt Bells Darstellung auch Infantinos Geheimverhandlungen mit den mysteriösen Milliarden-Investoren in ein trübes Licht. Denn wenn Adidas tatsächlich bis 2030 die Rechte sogar an Wettbewerben hält, «die es noch nicht gibt», wie Bell es formuliert, dann müsste dies ja auch für die neuen, vom Fifa-Boss betriebenen Turnierformate gelten. Dann müsste man aber mit Adidas reden, ehe man diese Rechte anderen verspricht. Jedoch war der Konzern in die «Project Trophy»-Pläne Infantinos ebenso wenig eingebunden wie andere langjährige Topsponsoren, beispielsweise Coca-Cola.

Fifa-Präsident Gianni Infantino lässt langjährige Sponsoren, wie beispielsweise Coca-Cola, über seine Pläne im Unklaren. (Bild: Aurelien Meunier/Getty Images)

Auf die Anfrage der «Süddeutschen Zeitung» und des WDR, ob seine Feststellung zu Adidas' weitreichenden Rechten zutreffend sei, wollte sich Bell nicht äussern. Die übrigen Aussagen seiner Mail stellte er nicht in Abrede. Und die Fifa teilte mit: «Generell kommentieren wir den internen Austausch unter Fifa-Kollegen nicht.»

Das heisst: Von Bells Korruptionsvorwürfen in der Mail distanzierten sich weder die Fifa noch der Autor selbst. Stattdessen legt der Schotte auf Befragen zu den Korruptionsäusserungen nach: «Über die Ursprünge der Verbindung von Adidas und Fifa» sei doch weithin in einem englischen Buch berichtet worden – «ganz zu schweigen von anderen Veröffentlichungen». Auf solche internationalen Berichte hätte er seine Aussagen bezogen.

142 Millionen von «Schmiergeld-Agentur» ausbezahlt?

«Bestechungsgelder» – von Adidas? Tatsächlich sollen die früheren, in Teilen strafrechtlich abgeklärten Bestechungs-Orgien rund um Fifa-Funktionäre ja nicht direkt von dem Sportkonzern gesteuert worden sein, sondern von einer eigens installierten Schmiergeld-Agentur namens ISL. Diese hatte den Ermittlungen zufolge nur zwischen 1989 und 1999 rund 142 Millionen Schweizer Franken an Sportfunktionäre ausgeschüttet.

Geschaffen hatte die ISL Horst Dassler, Spross des Adidas-Gründers Adi Dassler – und später selbst Konzernlenker. Dassler gilt heute als Mastermind hinter einer fragwürdigen Geschäftssystematik. Nur: Was hat die gut dokumentierte Schattenwirtschaft des 1986 verstorbenen Adidas-Chefs für die bis 2030 laufenden Verträgen des heutigen Konzerns zu bedeuten, der seit Dekaden nicht mehr in Familienbesitz ist? Warum kritisiert der Fifa-Spitzenmann die Partnerschaft im Dezember 2018 mit den Worten: «Ich frage mich, warum die Fifa das getan hat?»

Er leitet heute die Geschicke des deutschen Sportartikelherstellers Adidas: Vorstandschef Kasper Rorsted. (Bild: Krisztian Bocsi/Bloomberg via Getty Images)

Die Fifa hält die Bedenken ihres Topfunktionärs für Interna – und will sich auf Anfrage dazu nicht äussern. Worte einer gewissen Distanzierung für die harschen Korruptions-Aussagen, die zwar intern, aber doch im Kontext einer Geschäftsdebatte auf höchster Fifa-Ebene fielen, finden weder Bell noch die Fifa.

Blatter: «Finde das starken Tobak»

Ein intimer Kenner der Verbindungen von Adidas mit der Fifa ist Sepp Blatter. Der langjährige Weltverbands-Chef beurteilte den Mailverkehr am Freitag in Zürich auf Befragen der «Süddeutschen Zeitung» und des WDR so: «Ich finde das etwas starken Tobak. Da muss sich Adidas wehren.» Und wenn die Fifa auf Bells Aussagen beharre? «Dann müssen sie eine Klageschrift gegen Adidas machen. Und Adidas muss sich dann wehren.»

Umso merkwürdiger die Reaktion des Sportkonzerns. Am Firmensitz in Herzogenaurach wurde am Freitag so reagiert: «Vielen Dank für die Aussagen und Fragen.» Man wolle sich konkret nicht äussern.

Keine Klarstellung, als Firma nie in derlei verstrickt gewesen zu sein.

Das überrascht. Wie die Fifa, verzichtet auch Adidas auf jede Einlassung zu dem von Bell angerissenen Korruptionsthema. Keine Klarstellung, als Firma nie in derlei verstrickt gewesen zu sein, noch Irritation darüber, dass die hauptamtliche Nummer zwei des Weltverbands die langjährige internationale Berichterstattung zu Korruption rund um die Fifa zum Anlass nimmt, die aktuelle Partnerschaft mit Adidas intern in Frage zu stellen. Dabei dürfte die Konzernspitze, nimmt man die Briefwechsel von Ende 2018 zum Massstab, nicht erfreut über die Art und Weise sein, wie sie auf hoher Fifa-Ebene behandelt wird.

«Trophy»-Projekt wohl noch aktuell

Oder ist da etwa alles wieder gut? Was auch immer die Fifa und Adidas gerade wieder verbinden mag: Auf Infantino als Partner dürfte weiterhin wenig Verlass sein. Niemand im Züricher Dunstkreis glaubt, dass der Solist an der Verbandsspitze und seine milliardenschweren Geschäftspartner von ihrem «Trophy»-Projekt abgerückt sind. Auch wenn in Zukunft ein anderes Etikett draufkleben mag – und neue Wege gefunden werden müssen. Das zeigt eine kurze, allerdings alarmierende Passage in ihrem alten «Term Sheet»: Demnach hätte die neue Rechtefirma FDC «Inhalte und geistige Eigentumsrechte an bestimmten bestehenden und zukünftigen Fifa- und anderen Fussballturnieren erwerben» dürfen.

Ein Rechtekauf an anderen Fussballturnieren? An solchen, die der Fifa gar nicht gehören? Das könnte, das müsste auch Werthaltiges betreffen, auch Events wie die Champions League und Kontinentalturniere rund um den Globus. Rechte also, welche die Fifa gar nicht anbieten könnte – es sei denn, sie weicht im Hintergrund die Verbands- und Clublandschaften mit Milliardenversprechen auf.

Sitzt an vielen Seiten des Tischs: CAF-Chefin und Fifa-Generalsekratärin Fatma Samoura. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Perfekt in dieses Strategiemodell passt ein Vorgang aus jüngster Zeit: Gerade hat die Fifa die Streaming-Rechte aller WM-Qualifikationsspiele des Afrika-Verbandes CAF übernommen. Nicht bekannt ist bisher, ob und wie viel der Weltverband dafür bezahlt hat. Warum auch? Kommissarisch geführt wird der CAF von Fifa-Generalsekretärin Samoura, man sitzt an vielen Seiten des Tischs.

Ist da schon ein Anfang gemacht? Es klingt jedenfalls nicht beruhigend, dass Infantino auch gute Drähte zu manchen Topclubs in Europa unterhält; darunter zu solchen, die auch schon mal über neue, eigene Formate nachgedacht haben, Stichwort: Superleague. Im Hintergrund ist vieles in Bewegung. Und der Zwischenfall Fifa/Adidas, der offiziell keiner sein soll, er könnte auch den Eindruck nähren, dass sich mancher alte Sponsor lieber beizeiten an die neue Umgangsart gewöhnt. Weil vielleicht schon bald ganz andere Geldgeber ins Fussballbusiness drängen.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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DerBund.ch/Newsnet

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