Könige gegen Rebellen

Spanien spielt heute um 20.45 Uhr (live auf DerBund.ch/Newsnet) gegen Italien um den EM-Titel. Es ist ein Duell der Gegensätze.

Das Praeludium in der Gruppenphase endete 1:1 – wer behält im Final die Oberhand? Die Italiener um Antonio Cassano (v.) oder die Spanier um Gerard Piqué?

Das Praeludium in der Gruppenphase endete 1:1 – wer behält im Final die Oberhand? Die Italiener um Antonio Cassano (v.) oder die Spanier um Gerard Piqué?

Ueli Kägi@ukaegi

Es kann am Ende nur Spanien gegen Deutschland sein. So haben das die meisten geglaubt, als vor gut drei Wochen die EM begann. Es ist jetzt Spanien gegen Italien geworden. Das ist auch ein grosser Final – zumindest was Vorfreude und Erwartungen angeht. Und es ist ein Final der Gegensätze. Ein Match wie zwischen Königen und Rebellen.

Die Spanier sind auf dem Weg, als erste Nationalmannschaft überhaupt den dritten grossen Titel in Folge zu gewinnen. Die Italiener sind vom Trotz getrieben. Wieder einmal – 1982 und 2006 wurden sie nach den Skandalen um geschobene Partien Weltmeister, jetzt stehen sie unter dem Eindruck von Wettmanipulationen.

Musterschüler gegen Zocker, nett gegen grimmig

Die Spanier haben den Musterschüler Casillas im Tor. Die Italiener den Zocker Buffon.

Die Spanier verteidigen mit Piqué, dem Freund von Popstar Shakira. Für die Italiener wehrt Bonucci ab, laut Verdächtigungen der Staatsanwaltschaft ein Verbündeter der Wettmafia.

Die Spanier haben im Mittelfeld den netten Xabi Alonso, die Italiener den grimmigen De Rossi.

Die Spanier stützen sich auf Xavi, den Meister des Flachpasses. Die Italiener auf Pirlo, er ist der Meister des Hochpasses.

Die Spanier haben einmal Torres, einmal Fàbregas und einmal Negredo, aber sie haben keinen Stürmer ihres Vertrauens. Die Italiener haben Cassano und Balotelli, denen misstrauten sie auch – vor der EM. Jetzt nicht mehr.

Die Spanier sind berechenbar. Die Italiener unberechenbar.

Nur etwas verbindet die beiden Mannschaften. Die laufende Veränderung ihrer Wahrnehmung. Die Könige sind gerade dabei, ihr ausserordentliches Renommee zu verspielen. Die Rebellen hingegen befinden sich auf bestem Weg, ihr Image als Falschspieler wieder einmal erfolgreich zu bekämpfen.

Spaniens Monotonie und der verlorene Glanz

Vicente del Bosques Spanier haben zuletzt den Erfolg zum wichtigsten Element ihres Tuns erklärt. Es ist ein Bruch mit der Vergangenheit, als der Stil immer mindestens so wichtig war. Mittlerweile basiert ihr Erfolg aber auf der schieren Unverwundbarkeit der Abwehr (erst ein Gegentor) und der noch immer einmaligen Fähigkeit, Ball und Gegner zu kontrollieren - oder ist es schon Besessenheit? In der Offensive stand das Team zuletzt für einen Fussball, der immer noch einen zusätzlichen Querpass, jedoch kaum mehr Träume zulässt. Spanien leidet unter der Absenz des verletzten Topskorers Villa und an den verbesserten Abwehrstrategien der Kontrahenten. Und an der eigenen Mutlosigkeit.

Was die Spanier an Magie verloren haben, haben die Italiener gewonnen. Niemand hat einen Aufschwung hinter sich wie sie, nicht nur sportlich. Dafür ist Cesare Prandelli verantwortlich. Er hat den Azzurri ein neues Gesicht gegeben. Es ist ein schönes, gezeichnet nach den Grundsätzen von Anstand, Respekt und Toleranz. Er hat die bislang in allen Lebenslagen unkontrollierbaren Balotelli und Cassano nicht nur integriert, sondern auch gezähmt und auf den Erfolg der Gruppe getrimmt. Und er hat auch alle taktischen Entscheidungen richtig getroffen. Prandellis Mannschaft verzichtet auf Mätzchen und Härte, aber sie verzichtet nicht auf die Qualität der Individualisten und die Durchschlagskraft zweier traditioneller Stürmer. Das macht ihr Spiel so schwer fassbar und gefährlich.

Als die beiden Mannschaften in ihrem ersten Gruppenspiel aufeinandertrafen, entwickelte sich eine der bisher besten Partien der EM. Was jetzt noch fehlt, ist der Abschluss mit dem Spiel der Besten der Besten. Wer gegen Spanien einen Treffer erzielen will, muss zuerst den defensiven Mittelfeldspieler Xabi Alonso, dann Piqué und Sergio Ramos und danach auch noch Goalie Casillas überwinden, alle sind sie Spieler von Weltklasse. Tritt Del Bosques Team in der Offensive erneut ohne richtigen Stürmer wie Torres an, wird es wieder mit Geduld darauf warten, dass Xavi, Iniesta, Silva oder Fàbregas irgendwann die Lücke zum tödlichen Pass oder Abschluss finden.

Balotellis Prognose und der fehlende Beweis

Die Italiener stellen in der Defensive Goalie Buffon, Chiellini, Bonucci und Barzagli, alle sind sie mit der Juve ohne Niederlage Meister geworden. De Rossi ist im Mittelfeld das Gewissen. Auf dem Weg in die gegnerische Hälfte hat Italien Pirlo als Taktgeber, Montolivo als Stellvertreter und den beiden Verrückten in der Spitze.

«Wir sind so stark wie die Spanier - wenn nicht noch stärker», hat Balotelli schon gesagt. Fehlt nur eines: der Beweis.

SonntagsZeitung

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