Karl Odermatt und die zwei Herzen

Für die 67-jährige Legende und Seele des FC Basel ist YB im Meisterduell vom Sonntag trotz jüngstem Tief noch nicht geschlagen.

Karl Odermatt: «Das Endspiel wird ein Highlight.»

Karl Odermatt: «Das Endspiel wird ein Highlight.» Bild: Keystone

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«Karli, no ne Gool!» Als sich der FC Basel vor Wochenfrist auf dem Barfüsserplatz als Cupsieger feiern liess, jubelten die vielen Tausend Fans auch einem zu, der seit drei Jahrzehnten nicht mehr wettkampfmässig Fussball spielt: Dem 67-jährigen Karl «Karli» Odermatt – Doyen, Idol, Held, Star und eigentliche Seele des FC Basel. Was Ferdy Kübler im Radsport oder Bernhard Russi im Skisport sind, ist Karli Odermatt im Fussball – und dies weit über «seinen» FC Basel hinaus. «Ob in einer Lausanner Beiz oder in einem Tessiner Grotto», sagt er, «überall ist jemand da, der mich noch kennt.»

Noch heute schwärmen Sportkommentatoren von Odermatts «stupender Technik», seiner «intuitiven, spontanen, pfiffigen, gradlinigen und doch oft unberechenbaren Spielweise», von seiner «Aura». Und seiner «gewinnbringenden Art», die ihn zum «geborenen Botschafter» für den Fussball, für den FC Basel und für die Stadt Basel mache.

Der berühmte Ur-Basler ist aber auch Berner – jedenfalls ein bisschen. Nach seinem vierjährigen Gastspiel Ende der Siebzigerjahre bei den Young Boys, das er 1977 mit dem YB-Cupsieg krönte, verbindet ihn noch immer «viel mit diesem Klub und dieser Stadt», sagt er. Er habe gute Freunde in Bern. Bern sei für ihn «die zweitwichtigste Stadt nach Basel». Sein Hemd sei ihm aber doch näher als der Kittel. Und deshalb freue es ihn, dass der Weg zum Meistertitel auch diesmal über den FC Basel führe: «Ich fiebere gespannt diesem Endspiel entgegen. Für alle, die den Fussball gern haben, wird das ein absolutes Highlight sein. Wir werden alles tun, um den Match zu gewinnen und das Double zu holen.» Odermatt findet die Voraussetzung dazu ausgezeichnet: «Mit unseren letzten Siegen – nun auch über Xamax – haben wir gezeigt, dass wir saumässig gut sind. Sollten wir aber nicht Meister werden, würde ich den Young Boys den Titel von Herzen gönnen. Sie hätten uns den Sieg nicht gestohlen.» YB sei «furios gestartet», der FCB habe sich nach einer Baisse zu Saisonbeginn «furios aufgefangen». Beide Mannschaften wären würdige Meister – weil sie «attraktiven, offensiven, schnellen Fussball» spielten.

YB sei verunsichert

YB sei nach der Kanterniederlage in Luzern nun zwar weiter verunsichert, doch auch Basel habe in Luzern Mühe gehabt, sagt Odermatt: «Im Kopf tut das den Bernern weh. Die Basler dagegen sind im Hoch, ihnen reicht am Sonntag ein Unentschieden. Wenn YB aber der Führungstreffer gelingt, ist alles wieder offen. Ich rechne mit einem Schlagabtausch.»

Beide Mannschaften hätten Trümpfe, die sie ausspielen könnten. YB sei heimstark, habe auf dem Kunstrasen im Stade de Suisse vor eigenem Publikum Vorteile. Der FCB könne nach dem Cupsieg und dank dem besseren Torverhältnis unbeschwert antreten: «Das beflügelt uns. Wenn wir diesen Schub mitnehmen können, wird es für YB schwierig sein.» Die Tatsache, dass Basel ein Unentschieden genüge, sei allerdings ein tückischer Vorteil: «In einem solchen Spiel ist es nicht möglich, auf ein Unentschieden zu spielen. Es wird am Sonntagabend also einen Meister und einen Sieger in diesem Spiel geben – die Young Boys oder den FC Basel. Der Bessere soll gewinnen und Meister werden. Und seit einiger Zeit wissen wir ja: Ein Spiel ist erst nach 93 Minuten zu Ende.»

Spannung, Glück, Pech – einmal fliege der Ball von der Innenkante des Pfostens ins Tor, ein andermal eben nicht: Das sei «das Faszinierende und Prickelnde am Fussball, das die Massen bewegt». Dass jeder Einzelne auf einen Sieg seines Teams hoffe, sei «das Spannende daran». Doch nach jedem Sieg und nach jeder Niederlage gehe es darum, die Relationen und den Anstand zu wahren – und dem Sieger zu gratulieren: «Ich verlor dreimal im Cupfinal gegen den FC Zürich, zweimal nach einem fragwürdigen Schiedsrichterentscheid, einmal in der Verlängerung. Doch das tat nichts zur Sache. Die Zürcher siegten. Punkt. Man reichte sich die Hand – und hoffte aufs nächste Jahr.»

Wenn «Karli» über Siege und Niederlagen und die Faszination des Fussballs redet, ist noch immer die gleiche Begeisterung zu spüren, die er einst als Spieler hatte. Er sei auch als Zuschauer noch immer «voller Emotionen» dabei, sagt er: «Natürlich auch in dieser Finalissima.»

Freude auf die nächste Saison

Er freut sich auch schon auf die nächste Meisterschaft und widerspricht allen Bedenken, das immer grösser werdende finanziellen Gefälle unter den Klubs könnte dem Meisterschaftsverlauf jede Spannung nehmen: «Es stimmt zwar, dass der FC Basel in einer komfortablen Lage ist und fast immer auf 25 000 Zuschauer zählen kann. Doch YB kommt allmählich auch in diese Sphäre. GC hat in den letzten Wochen mit jungen, dynamischen Spielern Grosses geleistet. Xamax kämpft sich immer wieder nach vorn. Luzern wird es im neuen Stadion auch wieder besser haben. Und der FC Zürich ist normalerweise immer dabei. In dieser Saison hat er, vor allem auch wegen der Anforderungen in der Champions League, gelitten. Der FC Basel ist deswegen auch schon zweimal nicht Meister geworden.»

Odermatt freut sich auch schon auf die Weltmeisterschaft in Südafrika – und auf einen «hoffentlich starken Auftritt der Schweiz». Spanien, das seiner Meinung nach beste Team, sei ausser Reichweite. Doch: «Mit Siegen über Honduras und Chile erreichen wir die Achtelfinals. Und dann wäre es ein Traum, gegen Brasilien antreten zu können.»

Odermatt ist noch heute stolz darauf, dass er fast in jeder Mannschaft, in der er spielte, auch Captain war. «Um das zu werden», sagt er, «muss man von allen anerkannt sein. Ich war nie zu faul – kam als Erster ins Training und ging als Letzter. Ich war fair zu den Mannschaftskameraden.» Dies sei auch so gewesen, als er mit 32 Jahren zu YB wechselte: «Viele glaubten damals, ich käme nur nach Bern, um hier zum Abschluss meiner Karriere noch ein bisschen Geld zu verdienen. Auf dem Platz habe ich sie aber vom Gegenteil überzeugt – auch in Bern war ich bald Captain. Das muss ja seine Gründe gehabt haben.» Es genüge nicht, bloss «ein flotter Cheib» zu sein: «Um akzeptiert und respektiert zu werden, muss man sich auch im Training und auf dem Platz immer wieder bestätigen.»

Ein Risotto mit Pilzen

Heute muss Odermatt kürzertreten. «Ich habe zwei künstliche Kniegelenke», sagt er, «kann mich zwar wieder gut bewegen und sogar Fussball spielen. Ich glaube aber, dass ich in dieser Beziehung meine Leistungen gezeigt habe.» Seit er weniger Sport treibe und beruflich «oft zum Essen und zu einem guten Glas Wein» eingeladen sei, habe er gewichtmässig zwar «etwas zugelegt». Er sei eben auch ein Geniesser: «Ich bin Weinliebhaber, habe einen schönen Weinkeller und enge Beziehungen zu Winzern im Piemont. Und ich bin ein leidenschaftlicher Koch. Morgen zum Beispiel haben wir Gäste – es gibt ein Barolo-Risotto mit Pilzen. Die Pilze suche ich selber. Eben habe ich prächtige Morcheln gefunden.»

Einen zweiten «Karli» wird es im Fussball übrigens wohl nicht geben. Odermatts Söhne aus zweiter Ehe scheinen sportlich nicht in seine Fussstapfen treten zu wollen. Beide, der 18-jährige Andreas und der 13-jährige Daniel, machen im Turnverein Rickenbach mit, Andreas ist auch begeisterter Unihockeyspieler. «Hauptsache, sie tun etwas», sagt Odermatt, «es muss nicht unbedingt Fussball sein. Es gibt auch anderes, das begeistern kann.»

(Der Bund)

Erstellt: 16.05.2010, 10:30 Uhr

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Der Titelsammler

Fünfmal Meister, viermal Cupsieger
Karl «Karli» Odermatt, 67-jährig, ist eine schweizer Fussball-Legende. Mit dem FC Basel, für den er von 1962 bis 1975 spielte, wurde er fünfmal Schweizer Meister und viermal Cupsieger. Mit den Young Boys, für die er dann vier Saisons spielte, wurde er 1977 Cupsieger. In der höchsten Spielklasse schoss er in 407 Spielen 107 Tore. In der Schweizer Nationalmannschaft erzielte er in 50 Spielen 10 Tore – unter anderem das Ausgleichstor zum legendären 1:1-Unentschieden am 10. November 1971 in der WM-Qualifikation gegen England im Londoner Wembley-Stadion. Nach einigen beruflichen Flops, unter anderem im Gastgewerbe und im Weinhandel, kehrte «Karli» vor zehn Jahren zum FC Basel zurück – als prominenter und erfolgreicher Türöffner und als FCB-Aushängeschild im Marketing- und Sponsoringbereich. (wd)

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