«Ich will mit Rueda in die Zukunft»

Der neue Sportchef Fredy Bickel zieht nach den ersten fünf Wochen bei YB eine Zwischenbilanz.

Fredy Bickel: «Bei allen Vorschusslorbeeren: Wenn wir dreimal verlieren, werde auch ich in die Kritik geraten.»

Fredy Bickel: «Bei allen Vorschusslorbeeren: Wenn wir dreimal verlieren, werde auch ich in die Kritik geraten.»

(Bild: Caroline Martin)

Ruedi Kunz

Fredy Bickel, Sie arbeiten nun seit gut einem Monat wieder bei YB. Was sind ihre bisherigen Eindrücke?
Die Eindrücke sind sehr positiv. Die Leistungsbereitschaft der Spieler und des technischen Staffs ist gross. Ich habe deshalb gute Gründe, positiv in die Zukunft zu sehen. Wir haben viel Qualität in der Mannschaft. Strukturell können wir jedoch sicher noch gewisse Dinge optimieren.

Strukturell optimieren. Sie klingen wie ein Banker. Ist die Mannschaft falsch zusammengesetzt?
Nein, es geht darum, dass junge Spieler nicht nur mit der ersten Mannschaft trainieren können, sondern auch eine Chance sehen, zu Einsätzen zu kommen. Andererseits müssen gestandene Spieler spüren, dass sie um ihre Stammplätze kämpfen müssen. Will heissen: Wir wollen den Konkurrenzkampf vergrössern. Im Trainingslager in Spanien ist mir aufgefallen, welch guten Umgang die Spieler untereinander pflegen und welchen Respekt sie sich gegenseitig entgegenbringen.

Basiert diese Feststellung auf den Erfahrungen, die Sie zuletzt als Sportchef beim FC Zürich gemacht haben?
Sie basieren auf den 22 Jahren Erfahrung, die ich in diesem Job gemacht habe. Es gab als Beispiel eine Szene während des Trainingslagers, als Zárate Zverotic scharf kritisierte. Zverotic aber lamentierte nicht, er hörte zu. Beide sind nicht unbedingt temperamentlose Spieler, sie diskutierten ihre Meinungsverschiedenheiten aus, hart, aber mit Respekt. Solche Dinge erlebt man nicht sehr oft auf dem Fussballplatz.

Sie haben auf etlichen Baustellen zu wirken. So müssen Sie über die Zukunft von Trainer Martin Rueda befinden, der lediglich einen Vertrag bis Ende Saison besitzt. Wann wird entschieden, ob mit Rueda verlängert wird oder nicht?
Ich kann nicht sagen, wann dieser Entscheid fällt. Aber ich will mit Rueda in die Zukunft gehen. Ich sehe keinen Grund, weshalb das nicht so sein sollte.

Wer entscheidet bei YB über die Trainerfrage? Sie oder der Verwaltungsrat?
Wir machen das gemeinsam. Ich habe ein Vorschlagsrecht. Es liegt an mir, den Verwaltungsrat von meinem Kandidaten zu überzeugen.

Beim Umbau der Mannschaft sind Ihnen die Hände gebunden, da lediglich die Verträge von Mario Raimondi und Christoph Spycher auslaufen. Dafür riskieren Sie, Spieler zu verlieren, auf die Sie bauen, wie Bobadilla oder vielleicht im Sommer Zárate und Zverotic.
Das mag auf dem Papier so aussehen. Grundsätzlich kämpfe ich um jeden YB-Spieler, ob er Farnerud, Zverotic oder Costanzo heisst. Aber es ist klar: Wir werden nicht von heute auf morgen das Kader verringern und ändern können.

Was passiert mit Raimondi und Spycher, die beide über 30 sind?
Für beide ist die Zukunft noch offen – aber wenn zum Beispiel Christoph bereit ist, noch eine Saison anzuhängen, wäre es fahrlässig, nicht darauf einzugehen.

Hören die beiden Ende Saison auf, haben sie noch weniger Leader im Team. Was wollen Sie tun, um zu mehr Leadership zu kommen?
Man kann die Spieler ein bisschen zu ihrem Glück stossen. Wenn wir mit GC eine Lösung für Roman Bürki finden und ihn verkaufen, ist das ein klares Zeichen an Marco Wölfli, dass er eine wichtige Rolle ausfüllen muss. Er ist der Captain. Er muss die Dinge noch resoluter in die Hand nehmen. Ich weiss, dass er das kann. Auch Alexander Farnerud, der auf dem Spielfeld eine zentrale Rolle einnimmt, muss mehr Verantwortung übernehmen. Dann gibt es eine Reihe von Spielern, die das Potenzial haben, als Leader aufzutreten. Ich denke an Nuzzolo, Nef, Sutter, und Zverotic. Und auch an Affolter, obwohl er ein ruhiger Typ ist.

Zverotic dürfte im Sommer ins Ausland gehen, wenn er so stark spielt wie in der zweiten Hälfte der Vorrunde?
Das ist möglich, aber jetzt ist er hier und hat eine wichtige Rolle. Er kann bei YB den nächsten Schritt machen.

Sie haben gestern den schwedischen Stürmer Alexander Gerndt verpflichtet. Wann präsentieren Sie den neuen Abwehrspieler?
Wir freuen uns sehr auf Alexander Gerndt, er wird unser Offensivspiel beleben. Ursprünglich war es unsere Absicht, eine Leaderfigur für die Defensive zu verpflichten. Nach den Eindrücken, die ich während der Vorbereitungszeit gewonnen habe, muss ich sagen: Wir haben in der Abwehr genügend Alternativen. Akteure auch, die eine Führungsrolle übernehmen können. Einen Spieler für die Offensive zu verpflichten, war mir deshalb wichtiger.

Zählen Sie François Affolter auch zu diesem Kreis?
François hat gezeigt, dass er eine wichtige Rolle spielen kann innerhalb des Teams. Auch der junge Bürki hat einen starken Eindruck hinterlassen – im Zentrum und auf der Aussenposition.

Wo stehen Ojala, Veskovac und Lecjaks, die in der Vorrunde zumeist auf der Ersatzbank sassen?
Alle drei haben eine vorbildliche Einstellung und geben sich mit ihrem Reservistendasein nicht zufrieden. Ich denke, es wird einen harten Konkurrenzkampf geben. Oder anders gesagt: Wir haben Qualität in der Defensive.

Was ist eigentlich mit den beiden jungen Venezolanern Josef Martínez und Alexander González, die bei ihrer Ankunft so hochgelobt wurden? Man erhält den Eindruck, die beiden seien bei YB etwas verloren.
Martínez war jetzt einen Monat mit der Auswahl von Venezuela unterwegs. Es wird nicht ganz einfach für ihn, sich wieder ins Team zu spielen. González ist ein spektakulärer Spieler mit grossem Offensivpotenzial. Aber er muss sein Defensivverhalten verbessern, in taktischer Hinsicht disziplinierter spielen. Fakt ist: Beide müssen einen Schritt nach vorne machen. Was bei ihnen erschwerend dazukommt: Am Samstag reisen sie wieder zu ihrem Nationalteam und verpassen somit eine sehr wichtige Phase vor dem Rückrundenstart.

Diese Feststellung hat der im letzten Frühling entlassene Trainer Christian Gross schon vor 10 Monaten gemacht.
Ich mag seine Beobachtungen nicht kommentieren. Doch wir kommen offensichtlich zum selben Schluss.

Denken Sie daran, González und Martínez auszuleihen, damit sie mehr Spielpraxis erhalten?
Das ist eine Möglichkeit, aber konkret sind wir mit keinen Klubs im Gespräch.

Ist die Zeit ausländischer Talente aus Afrika und Südamerika bei YB vorbei, nachdem schon ihr Vorgänger Ilja Kaenzig die Zusammenarbeit mit der Fussballschule in der Elfenbeinküste aufgelöst hat?
Für mich ist klar, dass wir das Hauptaugenmerk auf Spieler aus der Region richten müssen. Die Geschäftsleitung und Chefscout Stéphane Chapuisat sehen das auch so. Wir müssen den Talenten im Raum Freiburg-Bern-Solothurn zeigen, dass wir gewillt sind, eigene Spieler nicht nur auszubilden, sondern ihnen auch Möglichkeiten geben, sich auf höchster Stufe zu bewähren. Es macht keinen Sinn, einen Riesenaufwand zu betreiben im Nachwuchsbereich, dann aber den einheimischen Talenten junge ausländische Spieler auf ähnlichem Niveau vor die Nase zu setzen.

Ist das ein Strategiewechsel?
Wir haben klare Vorstellungen, wie wir unsere jungen Spieler an die erste Mannschaft heranführen wollen. Wir werden deswegen aber nicht alles auf den Kopf stellen.

Der Technische Direktor Hansruedi Hasler hat im letzten Sommer sein Pensum stark reduziert. Welche Rolle spielt er noch innerhalb der Organisation?
Er besetzt seit dem 1. Januar mit einem 50-Prozent-Pensum die Stabstelle Projekte, die wir neu geschaffen haben. In dieser Funktion kümmert er sich um strategische Fragen. Das Dossier Trainingsplätze liegt beispielsweise in seinen Händen. Zudem ist es wichtig für mich, dass er in dieser jetzigen Übergangsphase noch an meiner Seite geht. Ist er auch für den Nachwuchs verantwortlich? Erminio Piserchia ist unser Nachwuchschef, und ich will die Nachwuchsabteilung auch ganz in meiner Nähe angesiedelt haben.

Den Job eines Technischen Direktors gibt es also nicht mehr? Nein.

Sie werden nicht müde, positive Dinge hervorzustreichen. Unerwähnt lassen Sie die «Blick»-Kampagne, die kürzlich die Geschichte zu Ihrem unschönen Abgang von 2002 nochmals beleuchtet hat. Was sagen Sie zu der Polemik?
Eigentlich mag ich mich dazu nicht äussern, weil es das dritte Mal ist, dass die gleiche Geschichte breitgewalzt wird. Die Vorwürfe treffen mich insofern, als sie diesmal nicht nur auf mich, sondern auch auf YB zielen. Der «Blick» versucht mit der Kampagne, Unruhe in den Verein zu bringen.

Für Aussenstehende sieht es nach einer persönlichen Abrechnung von Ex-Verwaltungsrat Peter Jauch aus, mit dem Sie seit Jahren Streit haben. Nochmals. Ich mag nicht nochmals Wasser auf die Mühle giessen. Ich bin froh, lässt der Verein nun rechtlich abklären, ob Ringier mit der nochmaligen Publikation der längst bekannten und allesamt haltlosen Vorwürfe gegen mich nicht zu weit gegangen ist. Als Reaktion auf die «Blick»-Berichterstattung hat YB einen Boykott gegen die Boulevard-Zeitung verhängt. Ist das nicht kontraproduktiv?
Diese Frage haben wir uns auch gestellt. Der Entscheid, Ringier nur noch mit den nötigsten Informationen zu versorgen, ist von höchster Stelle abgesegnet worden. Wir haben zu dieser Massnahme gegriffen, weil der «Blick» unserer Meinung nach Unwahrheiten verbreitet und die Grenzen der journalistischen Ethik überschritten hat.

YB rennt seit über 25 Jahren einem Titel nach. Sie sind der nächste Hoffnungsträger, der den Erfolg nach Bern zurückbringen soll. Ihre Vorgänger Ilja Kaenzig und Christian Gross sind schnell vom Messias zum Buhmann geworden. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen das gleiche Schicksal blüht?
Ich betrachte es als Verpflichtung, für YB arbeiten zu dürfen, und ich weiss auch um die Erwartungshaltungen in Bern. Bei allen Vorschusslorbeeren, mir ist klar: Wenn wir dreimal verlieren, werde auch ich in die Kritik geraten.

Die Zielsetzung bleibt der 4. Rang?
Ziel ist es, uns für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren.

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