«Ich werde einen guten Job machen»

Der neue GC-Trainer Pierluigi Tami definiert seine Ansprüche und will eine Tessiner Tradition fortsetzen.

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Wie viel Mut braucht es, Trainer von GC zu werden?
Braucht es Mut? Ich frage mich eher, ob ein Trainer nicht ganz generell mutig sein muss, unabhängig von seinem Club. Das gehört zu den Anforderungen in unserem Beruf. Jeder hat mit dem Risiko zu leben, dass es vorzeitig fertig sein kann.

Sie fürchten sich also nicht vor der Schwere der Aufgabe?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, ich weiss, was auf mich zukommt. Ich habe genau eine solche Herausforderung gesucht, sie motiviert mich. Da denke ich nicht schon jetzt, welche Konsequenzen ich befürchten muss, wenn dies oder das passiert. Solche negativen Gedanken blende ich aus. Es ehrt mich, dass ich jetzt GC-Trainer sein darf. GC ist immer noch GC, hat sehr gute Strukturen . . .

. . . aber GC ging es schon wesentlich besser als heute, sportlich wie wirtschaftlich.
Ja, aber das ändert nichts daran, dass ich eine grosse Chance erkenne. Ich war in den vergangenen Jahren beim Verband angestellt und hatte eine sehr schöne Zeit, es war angenehm. Aber im Zwei­jahresrhythmus musste ich eine neue Mannschaft aufbauen, von null sozu­sagen. Nun kam der Moment, in dem ich spürte: Du musst etwas verändern, du musst einen neuen Weg einschlagen.

Ermüdeten Sie die oft gleichen Vorgänge, die Wiederholungen?
Das Schönste an meinem Job ist die ­Arbeit auf dem Platz, wenn ich die Mannschaft um mich habe und wir gemeinsam etwas erarbeiten können. Mit der U-21 ist das im Herbst der Fall, aber dann kommt der Winter, der Frühling, wir treffen uns nur selten . . .

. . . und das machte Sie unzufrieden?
Ich war auch müde. Nachdem wir die EM-Qualifikation nicht geschafft hatten, hätte ich bei der U-21 wieder eine neue Mannschaft aufbauen müssen. Meine Motivation war aber nicht mehr so gross wie früher. Das war ein Signal: Attenzione! Wenn du merkst, dass du nicht mehr hundertprozentig motiviert bist, wechselst du besser die Stelle.

Sie besassen einen Vertrag bis 2017, bei GC ist es nur einer bis 2016.
Das interessiert mich nicht. Ich habe ­andere Prioritäten. Fussballtrainer sein heisst auch etwas wagen. Ich spüre und bin überzeugt, dass ich bei GC einen ­guten Job machen werde.

Wären Sie bereit gewesen, den Verband für jeden Verein zu verlassen?
Auf keinen Fall! Ich muss für mich schon das Gefühl bekommen: Das ist es.

Welchen Einfluss hatte Sportchef Axel Thoma auf Sie?
Er spielte eine bedeutende Rolle. Ich kenne Axel Thoma seit Jahren, er ­arbeitet und denkt sehr professionell. Und ich weiss, dass ich mit ihm einen Sportchef habe, der es mir erlaubt, mich voll auf mein Kerngeschäft zu konzentrieren.

Haben Sie ihm die Liste Ihrer Spielerwünsche schon überreicht?
(lacht) Natürlich, und die meisten dieser Spieler waren letzten Montag hier in ­Zürich (beim Ballon d’Or traf sich die Weltelite).

War es für Sie mit 53 Jahren der letzte Moment, doch noch in die Super League zu wechseln?
Es gab in der Vergangenheit ­immer ­wieder Kontakte. Aber es war nie der richtige Moment oder der richtige Club gewesen.

Was hätten Sie gemacht, wenn Ihre Frau gesagt hätte, sie möchte nicht mit Ihnen nach Zürich ziehen?
Oh, sehr schwierig . . . Die Familie ist für mich wichtig, sie ist meine Oase. Ich könnte nicht egoistisch handeln.

Passt ein Tessiner überhaupt nach Zürich?
Am Mittwoch traf ich Claudio Sulser an einer Veranstaltung. Er erinnerte mich daran, dass viele Tessiner eine Vergangenheit bei GC haben: er selber, Kubilay Türkyilmaz, Toni Esposito, und sie alle sind im Club in positiver Erinnerung. Diese Tradition will ich fortführen.

Sind Sie während Ihrer Zeit beim Verband auch ein bisschen Deutschschweizer geworden?
Ich habe zumindest Deutsch gelernt, an den Sitzungen in Bern, im Umgang mit den Leuten. Ich habe überall Wörter aufgeschnappt, in Gesprächen mit Spielern, mit Trainern, mit Journalisten. So habe ich mir einen Wortschatz angeeignet. Ich hatte kein Deutsch in der Schule, konnte aber mit der Zeit doch mit den Deutschschweizern kommunizieren.

Haben Sie sich auch an die Mentalität gewöhnt?
Ich nehme die Deutschschweizer als diszipliniert und fleissig wahr. Das ist die Grundvoraussetzung für Resultate. Wer nicht seriös und mit Methoden arbeitet, erhält keinen Lohn. Ich bin in der Zeit beim Verband vielen Spielern begegnet, die grosse Qualitäten hatten, die technisch, taktisch oder physisch überragend waren. Aber welche Spieler haben den Durchbruch geschafft? Jene, die bereit waren, hohen Aufwand zu betreiben.

Welche Spieler meinen Sie?
Zum Beispiel Shaqiri. Zum Beispiel Mehmedi, Drmic. Oder Yann Sommer. Das sind Spieler, die unbedingt Fussballprofi werden wollten. Andere hatten noch bessere Voraussetzungen, aber sie ­haben es nicht geschafft.

Weil es an der Einstellung fehlte?
Oder an der Persönlichkeit. Als Mini­malist schafft man es nicht an die Spitze.

Beispiele?
Ich nenne keine Namen. Aber wer ein Spitzenprofi sein will, muss auf und ­neben dem Platz das Beste geben. Nicht nur 2 Stunden am Tag, nein, 24.

Über Sie wird gesagt: Die grosse Stärke von Tami ist die Analyse, die Spiel- und Spielerbeobachtung.
Ich mag das auch sehr. Ich finde gerne die Strategie des Gegners heraus. Aber genauso gerne lerne ich auf diese Weise auch meine eigenen Spieler kennen. Und das nicht nur auf dem Spielfeld. Wie ist sein Verhalten beim Frühstück? Wie gibt er sich in der Kabine? Wie auch auf dem Rasen. Dabei ist nicht einmal so wichtig, was er sagt, sondern wie er sich gibt. Ich höre am besten mit meinen Augen.

Nonverbale Kommunikation also.
«Ja, ja» sagen kann jeder. Entscheidend ist aber, was er wirklich zu bieten hat.

Und wenn er nicht spurt?
Dann erkläre ich es ihm ein erstes Mal und ein zweites Mal. Beim dritten Mal hat er ein Problem.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2015, 00:24 Uhr

Pierluigi Tami

Früh Trainer

Geboren in Clusone bei Bergamo in Norditalien, wuchs Pierluigi Tami im Tessin auf. Als Fussballer spielte er bei allen grossen Tessiner Clubs: Chiasso, Locarno, Bellinzona, Lugano. Schon mit 33 Jahren wurde er Trainer, und über Lugano und Locarno stiess er 2004 zum Schweizerischen Fussballverband. Er diente sich hoch bis zur U-21, die er 2009 übernahm. 2011 führte er die Auswahl in den Final der U-21-EM, in dem die Schweiz Spanien 0:2 unterlag – zudem realisierte sein Team die erste Olympiaqualifikation einer Schweizer Fussballmannschaft nach 84 Jahren. Tami, 53, ist Vater zweier erwachsener Söhne und einer elfjährigen Tochter. Mit den Grasshoppers einigte er sich auf einen Vertrag bis Juni 2016. Heute fliegt Tami mit seinem neuen Team für zehn Tage ins Trainingslager nach Marbella, das erste Testspiel findet am Dienstag gegen Fortuna Düsseldorf statt. (wie)

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