«Ich war nie ein ‹Gäbiger›»

Hanspeter Latour beendet nach der WM in Brasilien seine SRF-Tätigkeit. Er erzählt, wieso er auch als Co-Kommentator immer noch wie ein Trainer denkt, wie die Brasilianer ticken und was er der Schweiz zutraut.

«Es ist nicht unmöglich für die Schweiz, Weltmeister zu werden.»

«Es ist nicht unmöglich für die Schweiz, Weltmeister zu werden.»

(Bild: Valérie Chételat)

Ruedi Kunz

Hanspeter Latour ist in Verzug. Ein Stau auf der Autobahn A 1 hat seinen Fahrplan durcheinandergebracht. «Das ist mir gar nicht recht, dass ich Sie habe warten lassen», sagt der 67-Jährige, als er verspätet im Restaurant Innere Enge eintrifft. Die Tage vor der Abreise nach Brasilien am 4. Juni sind wegen diverser Referate und Medientermine im Zusammenhang mit dem kürzlich erschienenen Buch «Hanspeter Latour – Das isch doch ä Gränni» derart reich befrachtet, dass der Thuner noch gar nicht dazu gekommen ist, sich auf seinen WM-Job vorzubereiten. Wie vor vier Jahren in Südafrika ist der ehemalige Fussballtrainer als Co-Kommentator und Experte für das Schweizer Radio und Fernsehen tätig.

Hanspeter Latour, was fasziniert Sie am meisten am Kommentatorenjob?
Ich finde es toll, wenn man den Leuten, die mit dem Auto unterwegs oder am arbeiten sind, lebhaft schildern kann, was im Fussballstadion gerade passiert.

Sie standen während 35 Jahren als Trainer an der Seitenlinie. Wie oft kommt es vor, dass Sie als Co-Kommentator wieder in die Rolle des Coaches schlüpfen?
Immer wieder. Das Trainerdenken bringt man nicht weg, wenn man wie ich bei über 1000 Pflichtspielen eine Mannschaft betreut hat.

Oben auf der Pressetribüne hat man eine ganz andere räumliche Perspektive als unten am Spielfeldrand. Was fällt Ihnen jeweils sofort auf?
Von meinem jetzigen Arbeitsplatz sehe ich viel besser, wie kompakt ein Team steht und wie es sich ohne Ball bewegt. Ich kann das Spiel auch besser voraussehen. Gedanklich spiele ich den Match ohnehin mit – mit dem grossen Vorteil, keinen Ball in den Füssen zu haben. Manchmal kommt mir dabei eine Emil-Nummer in den Sinn, in der er einen Skilehrer spielt, der eine Lernende dirigiert: «Rechts, links, rechts und nun die Kurve. Super, Frau Doktor! Jetzt nächstes Mal noch mit den Skiern.»

Merken Sie, in welcher mentalen Verfassung ein Team ist?
In der Regel schon. Die Körpersprache sagt einiges aus, auch wenn die Reaktionen so unterschiedlich sein können, wie Individuen nun mal sind, und der Fussball keine exakte Wissenschaft ist.

Welches sind die wichtigsten Kriterien, die ein Trainer erfüllen muss?
Kommunikative Fähigkeiten, Authentizität, Fleiss, Mut und Glück.

Kann man das Glück auf seine Seite zwingen?
Ich bin da sehr vorsichtig. Ich kenne in meinem Umfeld viele Leute, denen das Schicksal übel mitgespielt hat, ohne dass sie irgendeine Schuld daran trifft. Denken Sie nur an Leute, die gesundheitlich schwer angeschlagen sind. Denen zu sagen, man könne das Glück erzwingen, finde ich zynisch. Was ich aber vertrete: Man kann etwas dafür tun, dass man parat ist, wenn das Glück bei einem vorbeikommt.

Mit Mut und Fleiss?
Das war meine persönliche Lebensphilosophie. Und wenn man zusammen mit einer Gruppe etwas Aussergewöhnliches erreichen will, kommen drei weitere wichtige Punkte dazu. Orientieren, motivieren, organisieren. Und zwar in dieser Reihenfolge.

Weshalb?
Zuerst muss man die Gruppe orientieren, sagen, was man will. Wenn ich eine Idee habe, aber niemand weiss etwas davon, bringt das nichts. Damit diese Vision auch von anderen getragen wird, muss man motivieren, die Leute für etwas begeistern und schauen, wen man alles mit ins Boot holen kann. Und zur Umsetzung der Vision muss man dann organisieren. Oft wird der Fehler gemacht, dass man zuerst organisiert – ohne dass jemand weiss, worum es genau geht.

Sie selber waren immer ein ausgesprochen leidenschaftlicher und lauter Trainer.
Ich habe in der Tat leidenschaftlich mitgelebt in den 90 Minuten plus Nachspielzeit. Da habe ich immer alles gegeben, um für meine Mannschaft das Beste herauszuholen. Meine Ausdrucksweise war sicher nicht immer vorbildlich, aber die Kontrolle habe ich nie verloren während meiner ganzen Karriere.

Auch nicht, wenn Sie sich mit den Schiedsrichtern angelegt haben?
Zugegeben: Ich war nie ein «Gäbiger» für die Schiedsrichter, doch ich habe die Grenzen des Anstandes nicht ein einziges Mal überschritten. Der Respekt voreinander darf nicht verloren gehen.

Legendär ist die Geschichte, als Sie Schiedsrichter Urs Meier erklärten, der Servette-Spieler Goran Obradovic sei ein «Gränni».
Das ist ein gutes Beispiel, wie ich jeweils versucht habe, Einfluss zu nehmen auf Schiedsrichterentscheide. Mein Spieler Armand Deumi hatte Obradovic zuvor gefoult, und ihm drohte die Gelbe Karte. Ich wies Meier darauf hin, dass sich der Serbe bei jedem Zweikampf fallen lasse, also ein Schauspieler sei.

Zurück zur Gegenwart. Wie gut kennen Sie Brasilien?
Ich war mit 50 einmal während eines Monats beruflich in Brasilien. Damals besuchte ich in Begleitung eines deutschstämmigen Brasilianers mehrere Nachwuchscamps und etliche Spiele. Das vor allem im Süden des Landes. Den Norden kenne ich überhaupt nicht.

Wie beurteilen Sie den brasilianischen Fussball?
Wie er sich heute präsentiert, kann ich nicht sagen. Ende der 90er-Jahre wurde in Brasilien viel weniger körperbetont und kompakt gespielt als in Europa. Vieles erinnerte noch an das Joga bonito, welches bis weit in die 80er-Jahre den brasilianischen Fussball prägte.

Als Sie Thun coachten, hatten Sie immer wieder Brasilianer im Kader. Auf welche Kriterien schauten Sie bei der Verpflichtung?
Wir holten Spieler aus dem Süden, weil dort der europäischere, sprich härtere Fussball gespielt wird. Ich hatte damals gute Gewährsleute in dieser Gegend. Deshalb war ich immer im Bilde, wenn wieder eine zweitklassige Brasil-Auswahl auf Europatournee war, um Werbung in eigener Sache zu machen. Auf diese Weise konnten wir mehrmals für wenig Geld recht gute Spieler verpflichten, die wir zuvor genauer hatten beobachten können.

Was trauen Sie der Schweizer Nationalmannschaft zu in Brasilien?
Als grundsätzlich optimistischer Mensch sage ich: Es ist nicht unmöglich für die Schweiz, Weltmeister zu werden – auch wenn sie nur eine Aussenseiterchance von vielleicht 1 zu 100 besitzt. Auf jeden Fall sollte sie die Gruppenphase überstehen, das ist klar.

Wieso?
Weil das Team in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht hat und solide geworden ist. Es muss nicht mehr in jedem Match das Optimum zeigen, damit ein Sieg herausschaut. Heute reicht eine durchschnittliche bis gute Leistung, um erfolgreich zu sein. Zudem hat sie mit Shaqiri einen Spieler, der die Fähigkeit besitzt, mit einem Geniestreich einen Match zu entscheiden. Ein herausragender Athlet ist von grosser Bedeutung, weil sich alle teilnehmenden Nationen punkto taktischen und technischen Geschicks fast auf dem gleichen Level bewegen.

Welche Bedeutung hat ein Startrainer wie Ottmar Hitzfeld?
Es könnte ein Vorteil sein, dass Hitzfeld nach diesem Turnier die Trainerlaufbahn beendet. Er wirkt auf mich etwas lockerer als früher. Es ist nicht auszuschliessen, dass er auch punkto Taktik die Handbremse etwas löst und offensiver spielen lässt. Das könnte der Mannschaft guttun.

Sie kennen Hitzfeld schon lange. Was zeichnet ihn aus?
Ich finde seinen Umgang mit den Medien beeindruckend. Er hat in all den Jahren kaum je etwas Falsches gesagt. Die Akzeptanz, die er sich weltweit erarbeitet hat, hat mit seinem souveränen und unaufgeregten Auftreten zu tun.

Bei den Schweizern sind wichtige Spieler wie Shaqiri, Gavranovic und Barnetta seit längerem angeschlagen oder verletzt. Werden Sie bis zur WM wirklich wieder topfit, wie das die zuständigen Ärzte immer wieder versichern?
Da bin ich absolut zuversichtlich. Aus meiner langjährigen Trainertätigkeit weiss ich, dass Spieler, die längere Zeit verletzt waren, nach einer Rehabilitationsphase meistens physisch besser zwäg sind als vor dem Ausfall. Und nicht minder wichtig: Sie bringen viel Energie und Spielfreude mit, weil sie endlich wieder mittun können. Das hebt die mangelnde Spielpraxis in der Regel auf.

Besteht wegen der extrem kurzen Pause zwischen Saisonende und WM-Vorbereitung nicht die Gefahr, dass die Spieler mit halb leeren Batterien nach Brasilien fahren?
Spieler wie Valentin Stocker, der mit Basel weit über 50 Spiele bestritten hat letzte Saison, mögen derzeit tatsächlich auf dem Zahnfleisch laufen. Doch ich traue Ottmar Hitzfeld und seinem Staff zu, die Vorbereitung so zu gestalten, dass sich Stocker und Co. bis zum WM-Start optimal regeneriert haben.

Die meistgenannten Titelfavoriten sind Argentinien, Brasilien, Deutschland und Spanien. Auf welche der vier Nationen tippen Sie?
Die Weltrangliste sagt, dass Spanien die Nummer 1 ist. Argentinien verfügt über die nötige Härte und hat sehr gute Einzelspieler wie Messi, Di Maria und Agüero. Am meisten möchte ich es Brasilien gönnen, weil ich das Gefühl habe, dass der WM-Titel dem Land neuen Schub verleihen könnte. Hinzu kommt meine Verbundenheit mit den Idolen meiner Schulbubenzeit – Pelé, Garrincha, Vavá, Didi, Gilmar, Zagallo. Mir gefällt die Mentalität der Brasilianer. Auf dem Platz geben sie alles, unter der Dusche singen sie – auch nach einem verlorenen Match. Sie können weit besser loslassen als wir Schweizer.

Nach der WM beenden Sie das Engagement bei SRF, Ende Jahr stellen Sie Ihre Referententätigkeit ein. Wird Ihnen nicht manchmal angst und bange, bald nicht mehr im Rampenlicht zu stehen?
Überhaupt nicht. Ich bin ein Mensch, der gut loslassen kann. Ab 2015 habe ich endlich mehr Zeit, mich um meinen Naturgarten im Innereriz zu kümmern. Ich dokumentiere schon länger alles, was ich im Garten an Pflanzen und Tieren finde, und lege eine Sammlung an mit Fotografien. Worauf ich mich auch freue: dass ich mehr Zeit habe, um mit meiner Frau spontan Ausflüge zu machen oder für ein paar Tage zu verreisen.

Der Bund

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