«Ich bin offenbar in der falschen Zeit geboren worden»

Für Fabian Frei und den FCB steht heute das Schlüsselspiel gegen Ludogorez Rasgrad an. Er spricht über Sousa, Yakin, die Nationalmannschaft und die Schwächen im Team.

«Zwei, drei Spieler, die den Karren ziehen», wünscht sich Mittelfeldspieler Fabian Frei (25) für seinen FC Basel. Foto: Keystone

«Zwei, drei Spieler, die den Karren ziehen», wünscht sich Mittelfeldspieler Fabian Frei (25) für seinen FC Basel. Foto: Keystone

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Wo steht der FC Basel aktuell auf einer Leistungsskala von 1 bis 10?
Ungefähr bei 7.

Also nicht am Optimum.
Nein, sicher nicht. Die Leistungsgrenze wird ohnehin nie erreicht, darum würde ich auch nie eine 10 vergeben, maximal wäre eine 9.

Und wie zufrieden sind Sie mit den Resultaten?
In den vergangenen Jahren befanden wir uns jeweils zu dieser Zeit in einer Phase, die uns viele Punkte eintrug. Jetzt haben wir eher etwas Mühe, einige Spiele waren nicht zufriedenstellend. Auf der Skala gäbe das eine 6, Tendenz steigend.

Von der erdrückenden Dominanz im Sommer ist trotz einiger ­positiver Ergebnisse nicht viel übrig ­geblieben.
Dem kann ich nicht ganz widersprechen. Zu Beginn der Saison war es so, dass wir meistens eine Halbzeit lang ausgezeichnet auftraten und dann abbauten. Jetzt ist es so, dass viele kleine Schwächen auftreten, die in der Summe eben ergeben, dass wir Punkte ver­lieren. Die anderen Mannschaften verstehen ihr Handwerk auch, selbst wenn wir der grosse FCB sind und über das beste Kader verfügen.

Wie beschreiben Sie den FCB von heute mit Adjektiven?
Multikulturell.

Eine interessante Antwort.
Es ist nicht so, dass wir uns menschlich nicht verstehen, aber die Kommunikation untereinander muss besser werden. Es gibt natürliche Barrieren. Und wenn ein Spieler aus Japan zu uns kommt, hat er andere Vorstellungen von Fussball als einer, der schon fünf Jahre in der Schweiz ist. Wir haben ständig Spieler aus drei, vier verschiedenen Kultur­kreisen auf dem Platz.

Gibt es zu viele und zu ­verschiedene Mentalitäten und damit Ansichten?
Diese Situation gab es in Basel schon oft. Aber wir verloren in diesem Sommer wieder einige Persönlichkeiten, die das Team massgeblich mittrugen. In der Vergangenheit fiel das weniger ins Gewicht, weil immer noch einige dieser Leader da waren, Stocker, Sommer, Streller, Huggel, Alex Frei . . . Was nun fehlt, ist dieser Typ Führungsspieler. Wobei sich ein solcher auch entwickeln kann.

Sie sind einer.
Aber ich allein kann die Rolle, die wir uns letztes Jahr aufteilten, nicht ausfüllen. Ich sage es ungern, weil es unpopulär ist: Es braucht nun einmal Geduld, damit andere Spieler nachrücken und mehr Verantwortung übernehmen können. Zwei, drei, die den Karren ziehen, würden nicht schaden.

Der FCB ist also multikulturell. Wie ist er sonst noch?
Talentiert, aber noch zu unbeständig. Wir deuten an, wozu wir fähig sind. Das stimmt mich auch sehr positiv. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Qualität nicht reicht. Wir setzen sie aber noch nicht über die volle Distanz um. Wir zeigten noch in keinem Spiel von A bis Z den Fussball, den wir draufhätten.

Ist unruhig auch ein passendes Adjektiv?
Das passt zu Basel immer. Es wird sehr viel über den FCB berichtet, vieles auch, das nicht der Wahrheit entspricht.

Zum Beispiel?
Dass innerhalb der Mannschaft keine gute Stimmung herrschen soll. Das ist Blödsinn. Ich wehre mich gegen solche Behauptungen.

Trotz allem: War der Umbruch im Sommer vielleicht zu heftig?
Möglicherweise, aber wie hätte sich das verhindern lassen? Dass ein Stocker und ein Sommer in die Bundesliga gehen würden, war absehbar. Und es ist halt so, dass derzeit wenige Spieler auf dem Markt sind, die ihre Wurzeln hier haben und die man aus dem Ausland zurück­holen könnte. Ivan Rakitic wäre einer, aber was soll der FC Basel sagen, wenn Barcelona ruft? Ich erlebe nicht zum ­ersten Mal einen Umbruch, da gibt es manchmal eben Startschwierigkeiten.

Vier Trainerwechsel haben Sie in Basel erlebt. War jener von Murat Yakin zu Paulo Sousa im Sommer der einschneidendste?
Der Wechsel von Christian Gross zu Thorsten Fink brachte auch grosse Veränderungen mit sich. Mit Yakins Abgang war ich sicher, dass ich wohl nicht mehr 34 Einsätze erhalten würde. Jetzt ist Paulo Sousa da und vieles anders als vorher.

Das fängt bei der Sprache an.
Er spricht Englisch mit uns. Aber das ist für mich kein Problem.

Trauern Sie Yakin nach?
Nein. So läuft das Geschäft. Ein Kapitel ging zu Ende, ein neues fing an. Und ich weiss ja nicht, wie es wäre, wäre Yakin noch da. Uns verbindet einfach eine gute Zeit. Ich hatte es gut unter ihm, er wusste, was er an mir hatte. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken.

Existiert in der Mannschaft noch eine Hierarchie?
Ja, aber nicht so ausgeprägt wie auch schon.

Weil der Trainer dauernd rotiert? Sie spielten in 14 Meisterschafts­partien nur 8-mal von Anfang an. Letzte Saison standen Sie in 34 von 36 Spielen in der Startformation. Sie haben sicher andere Ansprüche, erst recht als Vizecaptain.
Das Amt ist nebensächlich. Wenn ich das Gefühl habe, mich einbringen zu müssen, tue ich das, auch wenn ich kein Bändeli trage. Was den Anspruch angeht: Ja, ich mache mir natürlich meine Gedanken und bin nicht zufrieden, wenn ich nicht spiele. Wenn ich 34-mal zum Einsatz komme, habe ich auf meine Mitspieler eine andere Wirkung, als wenn ich nur 8-mal auf dem Platz stehe, das ist normal. Aber gut, das ist der ­Ansatz des Trainers. Dass es zu einer ­flacheren Hierarchie in der Mannschaft führen würde, das wird er gewusst ­haben.

Wie hoch ist der Spassfaktor noch?
Der hängt wesentlich mit dem Erfolg ­zusammen. Aber ich stelle nicht fest, dass der Spass abhanden gekommen ist.

Haben die Zuschauer Freude am FC Basel?
Ach . . . Ich lese auch Zeitung, ich spüre, was die Leute denken und meinen. Ich muss dazu nichts sagen.

Mit dem neuen Trainer wurde ein neuer Stil angekündigt. Mehr Spektakel und Überzeugung, dazu Erfolg . . .
. . . wir müssen nicht schwarzmalen. Wir stehen nicht allzu schlecht da. In der Meisterschaft sind wir Leader, im Cup weitergekommen, in der Champions League ist Platz 2 weiterhin möglich. Aber richtig ist auch: Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen.

Sie sind inzwischen 25-jährig, mehrfacher Meister – aber erst vierfacher Nationalspieler. Was läuft falsch?
Ich bin offenbar in einer falschen Zeit ­geboren worden (lacht).

Oder Sie spielen auf der falschen Position.
Wenn es etwas Negatives gibt an der ­Zusammenarbeit mit Yakin, dann, dass er mich ins defensive Mittelfeld zurückgezogen hat. Für mich persönlich war es ein Glücksfall, aber mit Blick auf die ­Nationalmannschaft nicht unbedingt, weil dort ein grosser Konkurrenzkampf herrscht. Es nervt mich, wenn ich kein Aufgebot bekomme, aber was soll ich tun? Vielleicht würde ein Transfer ins Ausland meinen Stellenwert anheben.

Sie wollen ins Ausland?
Irgendwann schon, ja. Wenn ich ein ­gutes Gefühl habe, mache ich das. Mir kann wenigstens niemand den Vorwurf machen, dass ich zu früh ins Ausland gegangen bin. Diese Gewissheit habe ich.

Wie muss das Angebot aussehen, damit Sie sich ernsthaft mit einem Wechsel beschäftigen?
Deutschland und England reizen mich am meisten. Ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass sich weder Bayern, Dortmund noch Manchester United, Chelsea, Liverpool oder Manchester City melden werden. Aber es gibt daneben ganz viele andere reizvolle Adressen. Ich muss beim Club eine vernünftige, realistische Philosophie erkennen.

Sind Sie ein risikofreudiger Mensch?
Vielleicht kommt eines Tages der Punkt, an dem ich sage: So, jetzt muss ich es packen. Ich bin seit 2004 in Basel, mit Ausnahme von zwei Saisons in St. Gallen. Das ist wunderbar, aber nicht alles, was ich in meinem Beruf gesehen haben möchte.

Auf sich aufmerksam machen ­können Sie in der Champions League. Die bisherige Kampagne des FCB war allerdings ziemlich seltsam.
Ich würde eher sagen: typisch für uns. Drei Punkte in drei Spielen ist nicht besonders gut, aber auch nicht katastrophal. Nun fängt es quasi wieder bei null an. Uns steht gegen Ludogorez Rasgrad ein Schlüsselspiel bevor. In Bulgarien kamen wir sehr schlecht weg.

Erfüllt der FCB mit einem Sieg nur seine Pflicht?
So gross sind wir auch wieder nicht, dass man von einer Pflichtaufgabe sprechen darf. Obwohl: Wenn wir den Anspruch haben, als Gruppenzweiter weiterzukommen, bleibt uns keine Wahl.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2014, 22:40 Uhr

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