«Holt mich hier raus, sonst haue ich ab»

Ottmar Hitzfeld erzählt, wie er fast Pfarrer wurde und nach einem Polterabend ins Gefängnis musste. Nun wird er 70.

Ottmar Hitzfeld wird am 12. Januar 70 Jahre alt.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Ottmar Hitzfeld wird am 12. Januar 70 Jahre alt.

(Bild: Keystone)

Ottmar Hitzfeld hat in diesen Tagen viele Medienanfragen. Er wird 70 und die halbe Welt will mit ihm sprechen. Kein Wunder. Hitzfeld ist mit insgesamt 28 Titeln und zahlreichen Auszeichnungen einer der erfolgreichsten Trainer der Geschichte.

Als Fussballer war Hitzfeld jedoch nirgendwo so gross wie zu seiner Zeit beim FC Basel in den 70er-Jahren. Und kein Ort war so entscheidend für den Verlauf seiner weiteren Karriere wie das Basler Stadion Landhof, hier begann vor 48 Jahren alles.

Ottmar Hitzfeld, wann waren Sie zuletzt auf dem Landhof?
Das ist auch schon wieder einige Jahre her.

Welche Bedeutung haben diese paar Quadratmeter Rasen für Ihre Karriere?
Eine grosse. Hier hat meine Zeit als Fussballer so richtig begonnen. Wer weiss schon, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich damals nicht dieses Probetraining beim FC Basel absolviert hätte.

Können Sie sich heute noch an den Tag erinnern?
Natürlich. Ich weiss noch, wie ich mit meinem Käfer nach Basel gefahren bin. Ich habe überlegt, ob ich auf dem Gelände parken soll; habe mich aber nicht getraut. Ich wollte an diesem Tag keine Fehler machen. Das Training verlief dann perfekt: Ich hatte mich gut vorbereitet, viel geschlafen und bin so viel gerannt, dass ich am Ende Blasen an den Füssen hatte. Ich habe auch ein paar Tore geschossen …

… und Trainer Helmut Benthaus ist noch während der Einheit in eine Vorstandssitzung des Clubs gestürmt und hat dort gesagt, man solle Sie direkt verpflichten.
Er sagte, ich solle ins Sekretariat gehen und gleich unterschreiben.

Mussten Sie lange überlegen?
Ich wollte erst mit meinem Bruder sprechen; der war Rechtsanwalt.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie beim FCB vorspielen konnten?
Ich habe damals beim FV Lörrach und in der südbadischen Auswahl gespielt und gemerkt, dass sich auch andere Clubs für mich interessieren. Ich hatte ein Angebot von Delémont, dort hätte ich 15'000 Franken verdient.

Im Jahr?
Natürlich im Jahr, was denken Sie denn? Das war für mich als Student eine gigantische Summe. Aber ich habe gedacht: Wenn Delémont sich schon für mich interessiert, kann ich nicht so schlecht sein. Dann hatte ich einen Geistesblitz und habe Helmut Benthaus angerufen; seine Nummer stand ja im Telefonbuch.

Waren Sie denn nicht nervös?
Na klar, und wie. Ich habe für den Anruf einen Moment abgewartet, in dem ich ganz alleine zu Hause war; meine Eltern wären von dieser Idee überhaupt nicht begeistert gewesen. Ich habe mir genau aufgeschrieben, was ich sagen will. Sie dürfen nicht vergessen, ich war als kleiner Junge oft auf dem Landhof und habe dort die Spiele der Basler verfolgt, Helmut Benthaus war für mich ein Idol.

Das bedeutet, dass Sie Ihre Karriere gleich bei Ihrem Traumverein begonnen haben.
Mein erster grosser Traum war der FC Riehen, dort wollte ich immer mal spielen (lacht). Aber ja, durch meinen Vertrag beim FC Basel habe ich mir gleich am Anfang meiner Karriere einen Traum erfüllt.

Wenn Sie heute zurückblicken: Hat der Anruf bei FCB-Trainer Helmut Benthaus Ihr Leben verändert?
Wenn man zurückblickt, muss man sagen: ja. Zum Glück hat Benthaus an diesem Tag das Telefon abgenommen.

Haben Sie sich je Gedanken gemacht, was sonst aus Ihnen geworden wäre?
Dann wäre ich Lehrer geworden. Ich habe mich ja für diese Ausbildung entschieden und mich auch auf den Beruf gefreut. Ich war gerne mit Kindern zusammen und hatte Freude am Unterrichten.

Ihre Mutter hätte es toll gefunden, wenn Sie Pfarrer geworden wären.
Das war ihr Wunsch, ja. Ich war 1961 auf dem Missions-Gymnasium Untere Waid in Mörschwil SG. Meine Eltern haben es so eingefädelt, dass ein Mitschüler von mir ebenfalls dorthin ging, damit es mir vielleicht leichter fällt. Aber es war eine schlimme Zeit. Ich wollte wieder nach Hause und habe meinen Eltern gesagt: Holt mich hier raus, sonst haue ich ab.

Hatten Sie Heimweh?
Natürlich. Ich war damals zwölf Jahre alt und wollte bei meiner Familie und meinen vier Geschwistern sein. Ich habe mich in Lörrach immer sehr wohl gefühlt, deswegen wohne ich ja auch heute noch hier.

Was macht für Sie den Reiz dieser Region aus?
Das Gesamtpaket: Familie, Freunde, Kultur, Sprache – und natürlich die Nähe zur Schweiz. Ich bin in Lörrach-Stetten aufgewachsen, gleich hinter der Grenze. Für mich gab es nie einen Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland. Wir haben in Riehen Fussball gespielt, weil dort Maschendraht in den Toren war und man dem Ball nicht immer hinterher rennen musste. Mein Vater hatte als Zahnarzt immer viele Patienten aus Basel und andersrum waren wir in den Ferien oft in Engelberg.

Ihr Plan war also nie, in die grosse weite Welt auszuziehen?
Wie gesagt: Ich wollte als Lehrer in der Region bleiben. Selbst als ich meine Spielerkarriere beendet habe, habe ich mich darauf eingestellt, wieder in den Beruf einzusteigen.

Aber?
Als ich mich beim Schulamt Freiburg gemeldet habe, sagte man mir, dass ich eine Nachprüfung machen müsse, weil ich zu lange nicht im Schuldienst war. Da war ich sauer. Das habe ich nicht eingesehen. Ich hatte mein Staatsexamen doch in der Tasche.

Für Ihre Karriere war das nach dem Probetraining der nächste grosse Glücks­­fall.
Ich bin zu meinem Glück gezwungen worden, ja. Nur darum habe ich es überhaupt als Trainer versucht.

Herr Hitzfeld, Sind Sie ein Glückskind?
Vielleicht.

Gab es noch weitere Glücksmomente in Ihrer Karriere?
(Überlegt) Die meisten meiner Entscheidungen waren gut überlegt.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
1997. Ich hatte mit Dortmund die Champions League gewonnen, als ich ein Angebot von Real Madrid erhielt. Real Madrid – da kann man eigentlich gar nicht Nein sagen. Ich habe mir genau überlegt, was mich erwartet, und dass ich wahrscheinlich schon wieder entlassen bin, ehe ich einen Satz Spanisch spreche. Ich habe am Ende abgesagt; aus Vernunft.

Aber auch persönlich hatten Sie grosses Glück.
Was meinen Sie?

In Ihrer Zeit in Dortmund überlebten Sie einen Darmdurchbruch.
Da hatte ich tatsächlich Glück, weil wir einen oder zwei Tage später nach Costa Rica ins Trainingslager reisen wollten. Wäre dort oder auf dem Flug etwas passiert, wäre ich jetzt nicht hier. So konnte ich direkt auf der Intensivstation behandelt werden.

Haben Sie sich damals keine Gedanken darüber gemacht, dass der Job als Fussballtrainer Sie krank macht?
Für mich waren das damals keine Stress-Symptome. Ich hatte einen Hexenschuss und bekam Kortison-Spritzen. Mein Darm hat sich entzündet, eine Ausstülpung ist geplatzt.

Aber es war doch eine Folge des hohen Drucks, dass Sie Ihre Rückenschmerzen überhaupt mit Spritzen behandelten.
Ich habe das nicht so gesehen. Erst nach meiner ersten Zeit in München von 1998 bis 2004 habe ich gemerkt, dass der Beruf mich krank macht. Sechs Jahre bei den Bayern ist so wie 20 Jahre bei einem anderen Club, man wird immer gejagt. Am Ende konnte ich mich nicht mal mehr über unsere Siege freuen. Mein erster Gedanke war: Jetzt habe ich immerhin bis zum nächsten Spiel etwas mehr Ruhe.

Erst 2004 erkannten Sie, dass Sie an einem Burn-out-Syndrom litten. Sie lehnten sogar das Angebot ab, Nationaltrainer in Deutschland zu werden.
Ich wäre nicht fähig gewesen, diese Aufgabe zu übernehmen. Zu dem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich nie mehr Trainer sein will.

Lange haben Sie das allerdings nicht durchgehalten.
Die Bayern hatten 2007 unter Felix Magath sportliche Probleme und es hat sich abgezeichnet, dass es einen Wechsel geben würde. Ich war in Engelberg, als plötzlich das Telefon klingelte und Uli Hoeness am anderen Ende der Leitung war. Er hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, zurückzukommen.

Und?
Ich habe direkt zugesagt.

Woher dieser Sinneswandel?
Ich habe während meiner Auszeit gespürt, wie die Leidenschaft wieder grösser wurde. Trotzdem habe ich mich überlistet, indem ich Uli gleich zugesagt habe. Hätte ich mir einen, zwei Tage Bedenkzeit gegeben, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht.

Ein Bauchentscheid. Dabei heisst es immer, Sie seien eher der Pragmatiker.
Im Fussball geht es um Zahlen, Statistiken und Gewinnchancen. Das hat mich immer mehr interessiert als andere Trainer. Meine Aufgabe als Trainer war es, die Chancen meines Teams zu berechnen und dann Dinge zu tun, um diese Chancen zu erhöhen.

Wie viel Lehrer steckte im Trainer Ottmar Hitzfeld?
In der Vorbereitung habe ich mir immer alles ganz penibel überlegt. Ich habe mir Pläne zurechtgelegt und alle Dinge durchdacht. Nur so konnte ich mich während den Spielen auf meine Intuition verlassen und spontan aus dem Bauch heraus entscheiden.

Karl-Heinz Rummenigge sagte 2007 den inzwischen legendären Satz: Fussball ist keine Mathematik.
Wie oft ich das schon hören musste.

Stört Sie das Bild des berechnenden Fussball-Lehrers? Weil es am Ende gar nicht der Wahrheit entspricht?
Natürlich. Ich war auch als Spieler nicht immer brav.

Sie haben sogar mal eine Nacht lang im Gefängnis verbracht.
Ach das (schmunzelt).

Erzählen Sie.
Das war zu meiner Zeit in Lugano. Wir haben den Polterabend meines Freundes Fredy Gröbli gefeiert. Nach dem Essen haben wir einen Laden­besitzer in seinem Restaurant eingeschlossen, weil er den Schlüssel aussen hat stecken lassen. Wir hatten unseren Spass, aber der Besitzer hat die Polizei gerufen, die mit Blaulicht und Pistolen kam. Wir wurden in Handschellen abgeführt. Aber das ist lange her.

Nun feiern Sie am 12. Januar 2019 Ihren 70. Geburtstag. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das hören?
Ich hatte nie ein Problem mit dem Älterwerden. Das gehört zum Leben dazu. Und ich bin einfach dankbar, dass ich so viel erleben durfte. Es ist schön, dass ich jetzt auf so viele tolle Erinnerungen, Titel und Ehrungen zurückblicken darf. Während der Karriere war es ja kaum möglich, mal für einen Moment innezuhalten.

Von Spiel zu Spiel schauen, wie es so schön heisst.
Als Spieler und Trainer darf man sich nicht zurücklehnen, so etwas kann man sich in diesem Existenzkampf nicht erlauben. Auch ich musste mir das Zurücklehnen erst beibringen, nachdem ich nach der WM im Jahr 2014 meine Karriere beendet habe.

Wie haben Sie sich mit 20 Jahren das Leben eines 70-Jährigen vorgestellt?
Gar nicht. Mit 20 denkt man nicht über solche Dinge nach. Damals war ein 40-Jähriger für mich schon uralt. Man merkt erst im Alter, wie falsch man damals gelegen hat. Ich habe mich mit 40 nicht alt gefühlt und ich fühle mich auch jetzt noch nicht alt.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ich gehe noch immer einmal in der Woche in meinen Fitnessraum, bin oft auf dem Golfplatz und auch sonst viel in Bewegung. Ich fahre mit meiner Frau regelmässig nach Engelberg und habe das Glück, dass ich noch immer nah am Fussball dran bin.

Sind Sie dem FC Basel wieder etwas mehr verbunden als früher?
Ich verfolge alle Vereine, für die ich gearbeitet habe. Wenn die Bayern oder Dortmund spielen, sitze ich vor dem Fernseher. Und natürlich verfolge ich auch die Resultate des FC Basel, auch wenn ich es meist nur einmal im Jahr ins Stadion schaffe.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren ehemaligen Mitspielern?
Ich treffe mich regelmässig mit Otti Demarmels. Dann sitzen wir meistens hier in der Lobby, trinken Kaffe und unterhalten uns eine Stunde, anderthalb, darüber, was in unseren Leben passiert. Dabei geht es durchaus auch mal um den FCB; aber nicht nur.

Befassen Sie sich mit dem Tod?
Ich bin da ziemlich realistisch: Jeder muss irgendwann gehen. Aber trotzdem will ich noch so viel wie möglich erleben. Ich will meiner Familie etwas zurückgeben für die Jahre, in denen ich nicht viel Zeit hatte. Im Januar kommt mein drittes Enkelkind auf die Welt und ich freue mich, dass ich solche Dinge bewusst erleben darf.

Wie kann man sich den Grossvater Ottmar Hitzfeld vorstellen?
Wie jeden anderen auch. Ich bin vernarrt in meine Enkelkinder und krieche zum Spielen mit ihnen auf dem Boden herum. Dann spüre ich am nächsten Tag zwar jeden einzelnen Muskel, aber das ist es wert (lacht).

Waren Sie selbst ein strenger Vater?
Ich hatte einen pflegeleichten Sohn. Da war ich früher frecher als er, bei mir war immer etwas los.

Es gibt die Anekdote, wie Sie als kleines Kind mehrere Wochen schweigend am Küchentisch der Eltern gesessen haben.
Ich weiss nicht mehr, ob es Wochen waren oder nur ein paar Tage. Aber ja, es gab eine Phase, in der ich das Gefühl hatte, dass mir als jüngstem Kind sowieso keiner zuhört. Da habe ich protestiert.

Ottmar Hitzfeld, der Sturkopf?
Ich hatte offenbar schon damals ein Gespür dafür, dass man Menschen mit Respekt behandeln muss. Und in dem Moment hatte ich das Gefühl, dass man meine Meinung nicht genug respektiert. So habe ich dann später als Trainer gearbeitet: Ich habe jeden meiner Spieler offen, ehrlich und mit Respekt behandelt.

Gibt es eine Phase in Ihrem Leben, die Sie als die schönste bezeichnen?
Das waren meist jene Abschnitte, in denen ich ganz unbeschwert arbeiten konnte. Meine Anfangszeit beim FC Basel war sehr schön. Aber auch später, als ich in Zug Trainer wurde. Dort habe ich erstmals gemerkt, dass ich mit meinen Ideen Erfolg haben kann. In Aarau dann das Gleiche: Wir haben mit einer Abseitsfalle und Pressing gespielt, das war damals revolutionär. Auch der Beginn in Dortmund, das waren grosse Glücksmomente, der Druck war nicht so gross.

Man merkt, dass die mentale Belastung als Trainer Sie stark geprägt hat.
Dieser Beruf ist unglaublich stressig, besonders in den 90 Minuten eines Spiels. Deswegen habe ich mich ja dazu entschieden, Nationaltrainer zu werden. Das soll nicht despektierlich klingen. Aber dort hatte ich nicht 60 Spiele im Jahr, sondern vielleicht 15. Aber es ist tatsächlich so, dass die Belastungen mir eher in Erinnerung geblieben sind. Die Euphorie verfliegt in der Regel schnell wieder.

Auch die grössten Erfolge?
Es gibt Dinge, die ich nie vergessen werde. Das Tor von Patrik Andersson gegen Hamburg, das uns 2001 in der 94. Minute zum Meister gemacht hat. Und vier Tage später der Sieg in der Champions League, als Oliver Kahn den Elfmeter hält. Ich habe das Glück, dass ich einige solche Momente als Spieler und Trainer erleben durfte. Sonst könnte ich nicht so zufrieden auf meine Karriere zurückblicken.

Damit sind wir wieder beim Thema Glück.
Ja, ich hatte sicher viel Glück in meinem Leben.

Wie feiern Sie Ihren 70. Geburtstag?
Im engsten Familienkreis. Ich bin kein Fan von grossen Festen. Dann kann man nicht mit allen reden, manche fühlen sich benachteiligt und man selbst hat ein schlechtes Gewissen, weil man nicht für alle da war. Deswegen habe ich zuletzt auch meinen 50. Geburtstag gross gefeiert. Dieses Mal werden wir alle zusammen etwas essen und die Zeit geniessen. Das ist alles, was ich an diesem Tag brauche.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt