Gratisflug zum Papst war kein verbotenes Geschenk

Die Fifa-Ethik-Aufsicht hat ihr Verfahren gegen den Präsidenten Gianni Infantino eingestellt. Dem Entscheid ist eine Befragung von mehreren Dutzend Zeugen vorausgegangen.

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Über 20 Interviews hatten sie geführt, mehrere Monate lang ermittelt. Eigentlich wollten sie ihr Fazit der Öffentlichkeit schon längst kundtun, verschoben es aber mehrmals. Es stand zu viel auf dem Spiel. Die Frage war: Sollte man gegen Gianni Infantino Anklage erheben? Gegen den neuen Präsidenten der Fifa, den Hoffnungsträger, der den Weltfussballverband endlich wieder auf die Spur bringen sollte?

Nein, entschieden die Ethik-Aufseher des Verbands am Ende. Infantino werde nicht angeklagt. Es gebe zwar Verdachtsmomente, dass sich der 46-jährige Walliser falsch verhalten haben könnte. Doch der Ethikkodex des Weltfussballverbands sei dadurch nicht verletzt, teilte die Ethikkommission gestern mit. Die interne Richterkammer um den Deutschen Hans-Joachim Eckert und den Neuseeländer Alan Sullivan hatten den Entscheid von Ermittlerin Vanessa Allard (Trinidad und Tobago) bereits abgenickt. Die Frau galt bislang als harte Anklägerin; sie hatte zum Beispiel die Sperre gegen Michel Platini erwirkt.

Zu prüfen war eine ganze Reihe von mutmasslichen Verstössen, die Fifa-Angestellte in den letzten Monaten an die Ethikkommission gemeldet hatten. Da war etwa der Punkt, dass der Präsident seinen Arbeitsvertrag nicht unterzeichnet hatte. Da waren auffällige Spesen – Matratzen für 11 440 Franken sowie ein Frack. Da waren Anstellungen von neuem Fifa-Personal ohne Rücksprache mit der Personalabteilung. Und da waren Flüge Infantinos in Privatjets, finanziert nicht von der Fifa, sondern von Dritten. Ein Teil der Vorwürfe entpuppte sich aus Sicht der Ethik-Aufseher relativ schnell als heisse Luft – zum Beispiel die Spesensache. Bei anderen Punkten untersuchten sie genauer. Ermittler Djimrabaye Bourngar aus dem Tschad war am Ende sogar der Meinung, der Verdacht sei schwer genug, um eine formelle Untersuchung einzuleiten.

Im Gazprom-Jet nach Katar

Doch dann wurde es kompliziert: Wie war das nun genau mit diesen Flügen? Die Ermittlungen zeigten, dass Infantino in der Tat mit Privatjets geflogen war. So reiste er im April in einem Flugzeug nach Moskau, das ein Bekannter des russischen Sportministers Witali Mutko zur Verfügung gestellt hatte, um Wladimir Putin zu treffen. Und für den Weiterflug von Moskau nach Katar bestieg Infantino einen Gazprom-Jet. Für diese Flüge bezahlte weder die Fifa noch der Präsident selbst. Eigentlich wären Linienflüge gebucht gewesen. Weil Putin aber das Meeting verschob, sei es zu Änderungen im Terminplan gekommen, hielten die Ermittler fest. So hätte es Infantino mit Linienflügen nicht rechtzeitig nach Doha geschafft, wo ein Treffen mit dem Emir anstand. Für die Ethiker war deshalb nachvollziehbar, dass Infantino entschied, das angebotene Transportmittel anzunehmen. Es handle sich nicht um ein verbotenes Geschenk im Sinne des Ethikkodex.

Heikler ist die Lage bei der Audienz beim Papst. Im Mai flog Infantino mit Mutter und Ehefrau nach Rom, um das Kirchenoberhaupt zu besuchen – in einem Jet, der ihm offenbar der russische Financier Leon Semenenko zur Verfügung gestellt hatte. Semenenko wiederum ist ein Geschäftspartner des Oligarchen Alischer Usmanow, langjähriger Gazprom-Manager und Mitbesitzer von Arsenal London. Semenenko sagte den Ermittlern, er habe den Jet vor zwei Jahren gekauft.

Die Idee zur Visite in Rom war ursprünglich aus dem Fifa-Inneren gekommen. Infantino und sein Umfeld gleisten den Besuch dann aber als Privataudienz auf, bei welcher keine Medien anwesend sein sollten. Danach tauchten dennoch Bilder auf, auf welchen zu sehen war, wie Infantino dem Papst ein Fussball-Shirt mit Fifa-Aufdruck und dem Schriftzug «Papa Francesco» überreicht. Die Ermittler waren sich deshalb nicht einig, ob es sich nun um einen privaten oder einen offiziellen Empfang handelte. Am Ende spielte das aber keine Rolle. Anwältin Allard kam zum Schluss, dass der offerierte Flug kein verbotenes Geschenk darstellte. Semenenko sei nicht im Fussballbereich aktiv, und zu Oligarch Usmanow gebe es nur indirekte Verbindungen. Darum sei der Präsident auch keinem verbotenen Interessenkonflikt unterlegen, selbst wenn er zum Flug eingeladen worden sei.

Die Anstellung von neuen Mitarbeitern sei im Übrigen kein Thema für die Ethikkommission; das betreffe, wenn überhaupt, die Compliance-Abteilung.

Gut gelaunt in Rio

Infantino hatte offenbar schon vorab Kenntnis vom Entscheid erhalten. Er ist diese Woche nach Rio gereist; die Fifa verbreitete über Twitter ein Foto eines entspannten Präsidenten vom ersten Spieltag des olympischen Fussballturniers und verschickte gestern ein Statement: «Nun, da diese Sache erledigt ist, werden der Präsident und die Fifa wieder auf die Entwicklung des Fussballs und die Verbesserung der Organisation fokussieren.»

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.08.2016, 14:23 Uhr

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