«Glaub bloss nicht, was da steht!»

Steve von Bergen kann morgen mit YB Meister werden. Der Captain redet über den Berner Hunger – und eine Lektion seines Vaters.

Der zuversichtliche Captain vor dem ersten Matchball. Foto: Philipp Rohner

Der zuversichtliche Captain vor dem ersten Matchball. Foto: Philipp Rohner

Wenn YB den FC Luzern besiegt, steht der erste Titel seit 32 Jahren fest. «Schweizer Meister YB» – wie klingt das für Sie?
Unglaublich! Nein, es wäre mehr als das. Ich finde kein passendes Wort ­dafür.

Laufen schon Bilder vor dem geistigen Auge ab, wie die Meisterfeier ablaufen könnte?
Nein. Zuerst brauchen wir ja noch einen Sieg. Und ich bin ein rational denkender Mensch, kein Träumer. Aber klar spüre ich, dass die Menschen in Bern heiss auf den Titel sind.

Was hat sich bei YB geändert?
Wir hatten auch in der vergangenen Saison das Ziel, den FC Basel anzugreifen, ich glaube nicht, dass es da an Hunger gemangelt hat. Aber wir waren zu sehr von Guillaume Hoarau abhängig.

Ist die Unberechenbarkeit eine der grossen Qualitäten?
Schauen Sie sich die Torschützenliste an: Wir haben nicht nur Hoarau, da tauchen auch Assalé, Nsamé, Sulejmani und Fassnacht auf. Und vielleicht hatten wir vorher mehr Spieler, die zufrieden waren, überhaupt bei YB zu sein. Aber Basel war einfach stärker. Jetzt sind wir sowohl in die Saison als auch nach dem Winter gut gestartet. Es tut den Baslern weh zu sehen: YB verliert nie.

Steve von Bergen im Stadion, in dem YB morgen den Triumph feiern will. Foto: Philipp Rohner

Sind Sie nach einer Niederlage unerträglich?
Für meine Frau schon (lacht). Was das Verlieren zusätzlich erschwert, sind die Einflüsse von aussen. Zum Beispiel das, was geschrieben wird. Nach dem zweiten Saisonspiel in Kiew hätte ich aufhören müssen, wenn ich ­geglaubt hätte, was die Zeitungen schrieben. Es war eine schlechte Leistung, eine einzige... Die Reaktion zeigte mir wieder einmal, dass Fussball nichts mit dem wahren ­Leben zu tun hat.

Sie sagten einmal: Fussball ist nicht die Realität.
Arbeitet man im Büro und macht einen Fehler, ist das am nächsten Tag vergessen. Bei uns ist man ganz schnell der Held, ganz schnell der Depp. In Berlin, wo viele Zeitungen über die Hertha ­berichten, habe ich gelernt, damit ­umzugehen.

Die Boulevardmedien verhöhnten Sie dort als «Von Zwergen». Was machte das mit Ihnen?
Das traf mich. Man darf kritisieren, aber wird es persönlich, habe ich ein Problem damit.

Das sind die Schattenseiten für einen Star...
...ich bin doch kein Star! Und ich möchte das auch niemals sein. Ich bin nur ein ­relativ bekannter Fussballer, weil ich im Nationalteam gespielt habe.

«Ich dachte: Ich habe es geschafft. Aber mein Vater sagte: ‹Glaub nicht, was da steht!›»

Als eine Zeitung einmal schrieb, Sie seien der neue Stéphane Henchoz, freute das Ihren Vater gar nicht.
Er war mit der Schlagzeile nicht einverstanden.

Sie schon?
Klar. Ich war 17, Henchoz war bei Liverpool, und dann heisst es nach meinem ersten Spiel in der Neuenburger Zeitung «L’Express» über mich: «Der neue Henchoz.» Ich dachte, ich habe es geschafft. Aber mein Vater sagte: «Glaub bloss nicht, was da steht!»

Das muss Sie geschmerzt haben.
Ich absolvierte gerade die kaufmännische Lehre. Am Tag nach meinem ­Debüt hatte ich Schule, ich fühlte mich grossartig. Und dann kommt mein ­Vater... Aber ich weiss längst: Er hatte recht.

Warnen Sie heute manchmal jüngere Spieler, wie es Ihr Vater bei Ihnen getan hat?
Eigentlich nicht, weil ich finde, dass ­jeder tun und lassen soll, was er will. Am Ende trägt er die Verantwortung für seine Karriere. Wenn aber ein Spieler zu grosse mediale Aufmerksamkeit ­bekommt und gleichzeitig mit seinen Leistungen nachlässt, gehe ich auf ihn zu.

Können Sie dann auch scharfe Töne anschlagen?
Ich sage dem Spieler offen meine Meinung, aber ich würde ihm sicher nie ­sagen: «Hör mal gut zu, du bist kein Star!» Wenn in der Zeitung ständig steht, wie gut einer ist, löst das beim Spieler auch etwas aus. Positiv ist es, wenn er mehr Selbstbewusstsein erlangt, negativ ist es, wenn es zu Überheblichkeit führt. Der Grat dazwischen ist sehr schmal.

Sie sind bei YB nicht der Mann fürs Spektakel...
... das war ich noch nie. Als ich Junior war, sagte mir ein Trainer: «Im Fussball gibt es Künstler, und es gibt Arbeiter. Denk nur nicht, dass du zur ersten Gruppe gehörst.»

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Das hörten Sie sicher nicht gern.
Es war hart, ja, ich spielte damals auf der Position der Nummer 10 im Mittelfeld und dachte, ich sei doch eher ein Künstler. Aber die klare Ansage meines damaligen Trainers Christophe Moulin (bei Neuchâtel Xamax) hat mir geholfen. Ich merkte, dass ich arbeiten muss, sehr viel arbeiten, um in diesem Beruf etwas erreichen zu können. Fussballerisch waren im gleichen Alter viele besser als ich. Und ich schaffte es nie in eine Junioren-Auswahl. Zu klein, dies und das...

Hat der Trainer eine Trotzreaktion bei Ihnen provoziert?
Ja. Moulin war hart mit allen, mit mir vielleicht noch ein bisschen härter, aber das war mein Glück. Er und später auch Lucien Favre zeigten mir auf: Du darfst nie zufrieden sein mit dem, was du ­erreicht hast. Ständiges Schulterklopfen bringt nichts, das ist nicht gut für den Kopf. Es war immer so: Wenn mir ­jemand sagte, du schaffst das nicht, du kannst jenes nicht, stachelte es mich an, das Gegenteil zu beweisen. Für mich war klar: Ich zeige es allen.

Sind Sie ein sturer Mensch?
Ich habe einen harten Schädel. Meine Mama sagte im Spass ab und zu: Du hast einen Deutschschweizer Kopf.

Das heisst?
Dass ich genau weiss, was ich will. Dass ich eine klare Meinung habe und es sehr viel braucht, dass ich davon abrücke.

Wie oft hat Ihnen diese Haltung geschadet?
Mehrmals! (lacht laut) Mit der Zeit habe auch ich gelernt: Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiss, sondern auch Grautöne. Ich war schon extrem. Vermutlich war ich der einzige Neuenburger, der in jungen Jahren mit dem Trikot der deutschen Nationalmannschaft herumlief, und damit verblüffte ich auch meine Kollegen. Aber mir imponierten die Deutschen ­immer – etwa als sie 1996 Europameister wurden. Ich war 13 und Fan dieser Mannschaft.

Sind Sie es immer noch?
Nicht mehr Fan wie damals. Aber ihr Auftreten ­beeindruckt mich immer noch.

«Ich habe höchstens ein SMS meiner Frau, die mich bittet, Milch einzukaufen.»

Kommen Sie sich gelegentlich deplatziert vor in einer Welt, in der Statussymbole so wichtig sind? Tattoos, Kleider, Autos...
Überhaupt nicht. Wenn einer sich hundert Tattoos stechen lassen will, soll er. Ich habe auch ein Auto, aber ich muss nur von A nach B kommen, mir ist nicht wichtig, welche Marke ich fahre. Deplatziert fühle ich mich gleichwohl nicht.

Der Fussball heute und der Fussball in der Zeit, als Sie Profi wurden: Worin liegt der grösste Unterschied?
Sie müssten einmal sehen, was nach einem Training bei uns in der Kabine ­abgeht: Die meisten greifen sofort zum Smartphone. Sie posten oder liken ­irgendetwas, sie haben tausend Meldungen auf dem Handy...

...wie viele haben Sie?
Höchstens ein SMS meiner Frau, die mich bittet, auf dem Heimweg Milch einzukaufen (strahlt). Wir haben uns auch schon gefragt: Sollen wir die Handys verbieten in der Garderobe nach dem Training oder wenn wir unterwegs sind? Nein, bringt nichts. Neulich beobachtete ich im Bus, wie ein Spieler mit dem anderen, der vier Sitzreihen weiter vorne sass, kommunizierte – per SMS. Ich sagte: «Hey, Jungs, was soll das? Wäre es nicht schöner, wenn ihr euch nebeneinandersetzt und redet?»

Sie haben eine direkte Art. Müssen Sie sich heute auch schon einmal zusammenreissen, um nicht zu direkt zu sein?
Ich muss manchmal überlegen, mit ­welchen Worten ich eine Botschaft ­vermitteln will. Weil die Wirkung heute eine andere ist als früher. Wenn jemand ­etwas sagt, wird das sofort in den ­Medien aufgenommen und zigfach ­kommentiert. Darauf kann ich gut verzichten.

Haben Sie zuweilen genug von dem, was neben dem Platz passiert?
Nicht unbedingt. Aber wenn ich aufhöre, wird mir genau das nicht fehlen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn ich dann auf der Strasse unerkannt bleibe. Als ich in Italien spielte, ging das nicht, und da litt ich, weil ich kaum in Ruhe mit meiner Frau in einem Restaurant essen konnte. Jeder wollte ein Wort wechseln. Und ich musste ja reden, weil es sonst geheissen hätte: Von Bergen ist arrogant.

Was könnten Sie nach dem Rücktritt vermissen?
Ich kann mir vorstellen, dass es die Emotionen sind, das Spiel. Ich liebe es ­immer noch. Aber die Prioritäten haben sich verschoben. Mit 20 konnte ich sagen: Fussball ist mein Leben. Mit fast 35 sage ich: Die Familie ist mein Leben. Ich wünsche mir eigentlich, dass jeder in meinem Alter so denkt.

Sind Sie mit fast 35 der bessere Fussballer als mit 25?
Ja, das glaube ich schon. Weil ich Tag für Tag dazugelernt habe. Ich bin vielleicht nicht mehr so spritzig, so schnell wie auch schon, dafür habe ich eine grosse Erfahrung.

Bereuen Sie Ihren Rücktritt aus dem Nationalteam nach der EM 2016?
Nein. Ich war zehn Jahre dabei, verlor nach der WM 2014 meinen Platz und kam zur Einsicht, dass es gescheiter ist, wenn ich mich nur noch auf den Club konzentriere. Ich musste auf meinen Körper schauen, aber auch auf die Familie Rücksicht nehmen.

Trotzdem, wenn Nationaltrainer Vladimir Petkovic anrufen würde und Sie ermuntern möchte, mit der Schweiz nach Russland zu reisen...
...sage ich: «Danke für den Anruf, ich verzichte. Ich wünsche eine schöne, erfolgreiche WM, hoffentlich mit einer Viertelfinal-Qualifikation.» Das Kapitel ist abgeschlossen. Ich bin jetzt ein ­Riesenfan der Nationalmannschaft.

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