Entgegen dem Klischee

In der Karriere von Christian Fassnacht ging es nicht immer aufwärts, doch nun überzeugt der 24-Jährige in der Offensive von YB. Dem Stereotyp des Fussballers entspricht der Modellfussballer nicht.

«Er hat grossen Anteil daran, dass YB Tabellenführer ist», sagt Adi Hütter über Christian Fassnacht.

«Er hat grossen Anteil daran, dass YB Tabellenführer ist», sagt Adi Hütter über Christian Fassnacht. Bild: Franziska Rothenbühler

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Seit 2015 flimmert die Eröffnungssequenz auf SRF 2 über den Bildschirm, etwa beim Sportpanorama oder vor Fussballübertragungen. Sie zeigt drei Fussballer in Aktion. Weil die Bilder für verschiedene Sportsendungen und Wettbewerbe verwendet werden, wurden Sportler für den Dreh im Februar 2014 ausgewählt, die der breiten Öffentlichkeit unbekannt waren. In der Mitte ein Spieler , der einen Namen trägt, den die Fussballschweiz mittlerweile bestens kennt: Christian Fassnacht, damals beim FC Thalwil in der 1. Liga im Einsatz. Heute trägt Fassnacht das YB-Logo auf der Brust des Polo-Shirts. Die Frisur, die zerrissene Jeans, die auffälligen orangen Sneakers, der Schmuck an seinen Armen: Während sein Äusseres durchaus an den modernen modebewussten Fussballer erinnert, entspricht er sonst kaum der gängigen Vorstellung eines Profifussballers. Und auch seine Geschichte tut es nicht.

Im Car auf der Fahrt zu einem Spiel hat Fassnacht einmal seine Laufbahn Revue passieren lassen und kam zum Schluss: «Ich bin froh, dass ich den Weg nicht noch einmal machen muss.» Dieser beginnt im Jahr 2000 beim FC Thalwil. Fünf Jahre später schafft Fassnacht es beim FCZ in die Jugend. Er wird später als zu schmächtig abgestempelt: so wie viele, die wie Fassnacht erst im November geboren wurden. Über Red Star landet er wieder bei seinem Stammverein im heimischen Thalwil.

Einige Tage nachdem Fassnacht beim FC Thalwil angefangen hatte, setzte Spielertrainer Jérôme Oswald ihn in einem Freundschaftsspiel gegen einen Promotion-League-Vertreter ein. «Er hatte null Berührungsängste und ging ohne zu zögern in die Zweikämpfe.» Oswald war beeindruckt und Fassnacht wurde zum Stammspieler. «Laufend konnte man seine Fortschritte verfolgen, und auch körperlich hat er sich entwickelt», sagt Oswald. Dabei gab es auch in dieser Zeit Rückschläge für Fassnacht, von denen er sich aber nicht aus der Bahn werfen liess. «Er hatte einen Mittelfussbruch, kam zurück und musste sich kurz darauf den Blinddarm entfernen lassen. Kürzeste Zeit später war er zurück auf dem Platz», erzählt Oswald. Er war es dann auch, der Fassnacht Probetrainings bei Schaffhausen organisierte. Doch der Wechsel in die Challenge League scheiterte damals. Fassnacht landete beim FC Tuggen in der Promotion League – und seine Karriere kam ins Rollen. «Sein Riesenvorteil war, dass er immer wusste, was er will. Er hat Vorgaben aufgenommen wie ein Schwamm und diese umsetzt», sagt Oswald, der heute Trainer von Wettswil-Bonstetten ist.

«Manchmal fast zu schnell»

Die kaufmännische Ausbildung hatte Fassnacht abgeschlossen, er setzte voll auf den Fussball: «Ich wollte es einfach mal probieren.» Weil Tuggen nur drei Trainings in der Woche hatte, konnte er zusätzlich bei der U-21 des FC Luzern mittrainieren. Ein Wechsel stand aber nicht zur Debatte.

Nach nur einem halben Jahr bei den Schwyzern ging Fassnacht in die Challenge League zum FC Winterthur. «Wir haben ihn für sehr talentiert befunden. Seine Tor-Statistik und seine Schnelligkeit haben für ihn gesprochen. Und von seinem Alter her hatte er noch Entwicklungspotenzial», sagt Oliver Kaiser, Sportchef des FC Winterthur, zur Verpflichtung. Fassnacht bezeichnet den Wechsel von der Promotion in die Challenge League noch heute als den schwierigsten. Nach einem harzigen Beginn setzte er sich aber durch und wurde zum Leistungsträger. «Er ist ein Spieler, der Matchs entscheiden kann, deshalb wurde er wichtig für den FC Winterthur», sagt Kaiser, «wir sind auf solche Spieler angewiesen, doch wir wissen auch, dass wir diejenigen, die diese Qualitäten haben, nicht lange halten können.» So zog es auch Fassnacht weiter. Er erhielt vom FC Thun die Chance, sich in der Super League zu beweisen. Anlaufzeit braucht er diesmal keine. Der Ertrag der vergangenen Saison im Oberland war der Wechsel zu YB in diesem Sommer.

Im Nachhinein, sagt Christian Fassnacht, sei es schon speziell, wie schnell alles gegangen sei. Aus menschlicher Sicht manchmal fast zu schnell. «Du kommst an und fühlst dich wohl, dann geht es schon wieder weiter, auch wenn du denkst: ‹Eigentlich würde ich gerne bleiben.› Doch das macht keinen Sinn, weil du sportlich einen Schritt vorwärts machen kannst.» Auch wenn der Weg nicht immer einfach war, hat er den Glauben an sich selbst nie verloren.

Der Fussball in den tieferen Ligen, bei dem es um Spass, die Menschen, das ganze Drumherum geht, hat ihn geprägt. Er habe nicht den Klischeefussball gelebt. «Junioren der grossen Schweizer Teams, die denken, sie seien die Besten, und mit ihren Necessaires ins Training gehen. Davon distanziere ich mich. Ich finde, auch wenn man etwas erreicht hat, muss man das nicht herumproleten. Und sicher nicht als 18-Jähriger, wenn man noch nirgends ist.» Auch sonst erfüllt Fassnacht das Fussballerklischee nicht. Er schaltet gerne mal ab vom Fussball. Statt zu Hause zu gamen, unternimmt er in seiner Freizeit gerne etwas, verbringt Zeit mit der Familie, seiner Freundin oder Kollegen. Bald wird er auch ins Modegeschäft einsteigen. Der Typ, der nach dem Training oder dem Match über Fussball philosophiert, ist er nicht. Es gibt auch anderes im Leben als Fussball. «Ich muss Abwechslung haben, dann freue ich mich auch wieder aufs Training.»

Verpasste Torchancen

Weil er gesehen hat, dass bei YB etwas Neues aufgebaut wird, ist er nach Bern gekommen. Und er glaubt an das Projekt YB. «Es ist nur eine Frage der Zeit bis endlich wieder ein Titel geholt wird», sagt der 24-Jährige, «ob es gerade in diesem Jahr schon klappt, werden wir sehen. Die Infrastruktur stimmt, der Verein hat einen Namen, das Budget ist da, die Fans auch. Es fehlt nur noch, dass wir das auch umsetzen mit einem Kübel in der Hand.»

Problemlos hat sich Fassnacht bei YB eingefügt. In jeder Partie bis auf die am Donnerstag gegen Skënderbeu setzte Adi Hütter ihn ein. Der Trainer spricht ihm ein grosses Lob aus: «Fassnacht hat grossen Anteil daran, dass YB derzeit Tabellenführer ist.» Die Pause tat dem Thalwiler gut, am Sonntag dürfte er im letzten Heimspiel des Jahres gegen GC wieder auf dem Platz stehen.

An die erste Begegnung mit GC in dieser Saison hat Fassnacht beste Erinnerungen: Im Letzigrund schoss er zwei seiner insgesamt acht Tore. Der polyvalente Offensivspieler ist bekannt dafür, sich in jedem Spiel viele Torchancen zu erspielen. Doch die Kaltblütigkeit lässt er manchmal vermissen, so hat er seit dem 14. Oktober nicht mehr getroffen. «Unvermögen, Pech oder ein falscher Entscheid: Irgendwann verlierst du vor dem Tor die Sicherheit», sagt Fassnacht. Zum Beispiel gegen St. Gallen im Cup, als er allein auf das Tor zulief: «Da beginnt das Kopfkino, wenn du eine Weile nicht getroffen hast.» Druck machte ihm der Gedanke, was die Aussenstehenden denken. Gespräche mit seinen Trainern haben ihm geholfen, die zuletzt magere Torausbeute einzuordnen. «Wenn ich Tore mache, ist das gut. Doch so blöd das auch klingt: Hauptsache wir gewinnen. Wenn Roger 99 Tore schiesst und ich nur eines, ist das egal, solange ich mit meiner Leistung der Mannschaft helfe.»

Egal, wo Fassnacht war, auf seiner Reise durch die Ligen hat er einen positiven Eindruck hinterlassen. «Er ist ein Positiver, angenehm und anständig. Er hat einen unglaublichen Willen. Einen wie ihn hat man gerne im Team», sagt Oliver Kaiser. Und auch bei YB klingt es nicht anders. «Der Transfer hat sich für beide zu 100 Prozent ausbezahlt. Auch menschlich ist er schwer in Ordnung», sagt Adi Hütter über seinen Schützling.

Christian Fassnacht, seinen Namen und sein Gesicht kennt die Fussballschweiz nun. Mit 24 Jahren hat seine Karriere gerade erst richtig angefangen, es klingt wie ein Versprechen, wenn er sagt: «Die besten Jahre habe ich noch vor mir.» (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2017, 09:23 Uhr

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