«Eine Versagermentalität ist nicht in den Spielern drin»

Mit dem Heimspiel gegen Vaduz beginnt für YB das zweite Saisondrittel. Der Sportchef ist bisher nur bedingt zufrieden, weil  sich das Team zu viele Ausrutscher geleistet hat.

Fredy Bickels Blick schweift durch das Stade de Suisse. «Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen», sagt der YB-Sportchef, «die Situation hat ?sich aber schon deutlich verbessert.»

Fredy Bickels Blick schweift durch das Stade de Suisse. «Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen», sagt der YB-Sportchef, «die Situation hat ?sich aber schon deutlich verbessert.»

(Bild: Adrian Moser)

Ruedi Kunz

Fredy Bickel, welche Note geben Sie YB nach einem Drittel der Meisterschaft 2014/15?
Als Durchschnitt eine vier bis viereinhalb. Auf einzelne Spiele heruntergebrochen war es manchmal darüber, manchmal aber auch darunter.

Womit wir schon beim Thema Leistungsschwankungen wären, die auch in dieser Saison beträchtlich sind, insbesondere in der Super League.
Es gibt zwei, drei Erklärungen dafür. Die Resultate waren nicht immer adäquat mit den Leistungen. Ausserdem fehlten uns in der Vorbereitung die verletzten Schlüsselfiguren Wölfli, von Bergen, ­Vilotic und Gerndt.

Das tönt nach einer Entschuldigung.
Keinesfalls. Es gibt durchaus Gründe, wieso wir bisher nicht die Konstanz erreicht haben, die wir uns erhofft haben.

Tatsache ist, dass bei den Young Boys Top und Flop weiterhin sehr nahe beieinanderliegen. Gegen das renommierte Napoli brilliert das Team und holt sich einen der wertvollsten Siege seit langer Zeit. Andererseits blamiert es sich im Schweizer Cup gegen einen Zweitligisten bis auf die Knochen . . .
. . . nochmals: Die Leistungen in der Meisterschaft waren besser als die Punkteausbeute. Wir hätten drei, vier Punkte mehr verdient.

Sie blenden die Spiele gegen Luzern, Sion und Zürich aus, in denen ein durchschnittliches YB nur dank viel Wettkampfglück jeweils drei Punkte holte.
Das mag sein. Die Erfolge gegen Sion und den FCZ haben für mich insofern grosse Bedeutung, weil sie unmittelbar nach der Cup-Blamage in Buochs zustande kamen. Die Art und Weise, wie die Mannschaft reagierte, war für mich bis dato einer der Höhepunkte in dieser Saison. Die Spieler taten sehr, sehr viel, um die Schmach vergessen zu machen.

Wie tief hat sich der Absturz in Buochs eingebrannt?
Sehr tief (schnauft tief durch). Es ist eine Niederlage, die nicht nur die Mannschaft, sondern den ganzen Club im Herzen getroffen hat. Das Verrückte ist: Ich weiss bis heute nicht, was wir falsch gemacht haben im Vorfeld. Wir redeten mit dem Team über das letztjährige Ausscheiden gegen den Erstligisten Le Mont. Die Europa-League-Partie gegen Slovan Bratislava wurde in Kombination mit dem darauffolgenden Match in Buochs angegangen. Alle Gefahren ­wurden angesprochen, wir waren vor dem Cup tagsüber wie üblich im Hotel. Würde man einen Katalog mit den wichtigsten Punkten konsultieren, alles wäre erfüllt. Und dann laufen wir in Buochs trotzdem auf Grund.

Gab es wirklich keine Alarmzeichen?
Nein. Was mich nicht daran gehindert hat, hinterher intern die Frage zu stellen, ob uns in dieser Situation das Bauchgefühl verlassen hat. Irgendwelche ­Zeichen müssen vorhanden gewesen sein, die uns entgangen sind. Das beschäftigt mich.

Das Ausscheiden gegen Buochs bestätigt jene, die behaupten, bei YB habe sich eine Versagermentalität eingenistet.
Eine Versagermentalität ist nicht in den YB-Spielern drin, das können Sie mir glauben. Dazu gab und gibt es zu viele personelle Änderungen. Was mir hingegen auffällt: Wenn du in Bern zwei-, dreimal verlierst, klopfen dir die Leute in der Stadt weiterhin auf die Schulter und reden dir Mut zu. Das ist an und für sich sehr positiv.

Nach der Niederlage in Buochs hat Ihnen kaum jemand auf die Schulter geklopft?
Damals nicht. Aber wenn es in der Meisterschaft nicht läuft, dann werde ich nicht auf Übelste beschimpft, wenn ich mich in der Stadt zeige. Ich kann mir vorstellen, dass es den Spielern ähnlich geht. Vielleicht ist im Club nicht allen bewusst, wie gut wir es in Bern haben.

Wie war es früher in Zürich?
Wenn ich als FCZ-Sportchef verloren hatte, dann ging ich in Zürich lieber nicht in die Stadt – und benutzte ganz sicher keine öffentlichen Verkehrsmittel. Denn da wurde ich angepöbelt, wenn es nicht lief.

In Bern wird um das jahrzehntelange Warten auf eine wichtige Trophäe schon fast ein Kult betrieben. Letzte Woche beispielsweise wurde der 10'000 Tag ohne Titel gefeiert auf diversen Kommunikationskanälen. In Basel oder Zürich wäre so etwas undenkbar.
Das ist ja das Schöne in dieser Stadt: Die Leute haben unglaublich viel Geduld, was aber auch ein Fluch sein kann. Doch ich kann die Mentalität der hiesigen Bevölkerung ohnehin nicht ändern.

Wie weit können Sie zumindest die Mentalität bei YB verändern?
Ich kann nicht den ganzen Charakter des Clubs ändern, doch ich kann Einfluss nehmen auf gewisse Dinge. Seit ich wieder in Bern bin, haben wir schon einiges umgebaut, zum Beispiel den Nachwuchs. Ernst Graf, der vor einem Jahr die Leitung der Abteilung übernommen hat, hält mir vorbildlich den Rücken frei. Und auch die Nachwuchstrainer arbeiten hervorragend. Der wichtigste Punkt bleibt aber die Kaderzusammenstellung. Du kannst nicht die Mannschaft austauschen, einfach 15 Spieler mit der gewünschten Mentalität holen. Das erlaubt das Budget nicht. Aber du kannst Schritt für Schritt das Gesicht verändern, um am Ende eine Gruppe zu haben, die gemeinsam Erfolg haben kann und will.

Wie haben Sie den Charakter des Teams verändert?
Indem wir Spieler verpflichtet haben, die unbedingt einen Titel holen wollen. Sanogo ist ein exemplarisches Beispiel dafür. Oder Rochat und von Bergen, die nach einem weiteren Pokal lechzen.

Wieweit ist dieser Umbau fortgeschritten?
Ich würde sagen, wir sind im Zeitplan. Der grosse Schnitt steht im nächsten Sommer bevor, wenn über zehn Verträge auslaufen.

Mindestens die Hälfte der Betroffenen wird YB verlassen müssen. Wie sieht es bei Wölfli, Rochat, Nuzzolo, Lecjaks, Zárate und Hoarau aus?
Nuzzolo, Rochat, Lecjaks und Wölfli ­haben sich mit ihren Leistungen und ­ihrem Verhalten in eine gute Position gebracht. Mit ihnen werden wir demnächst zusammensitzen. Bei Zárate, ­Vitkieviez und Bürki müssen wir abwarten, wie sie sich nach ihren schwerwiegenden Verletzungen entwickeln.

Wölfli hat nach seiner Rückversetzung klargemacht, dass er im ­Winter Klarheit haben will, wie es weitergeht. Wie gross schätzen Sie die Chance ein, dass er bei YB bleibt?
Ich habe mit Marco ein sehr spezielles Verhältnis. Wir wissen beide, wie wir ­ticken. Ich muss ihn von nichts überzeugen. Entweder er wird kommen und sagen, er gehe, weil er wieder irgendwo die Nummer 1 sein will. Oder er sagt, er bleibe, weil er zu diesem Verein gehört und den jungen Spielern helfe wolle. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass Mvogo vermutlich nicht so befreit und sicher im Tor stehen würde, wenn er hinter sich einen Goalie hätte, der ihm das Leben schwermachen würde. Marco verhält sich sehr vorbildlich in seiner neuen Rolle. Deshalb würde uns sicher etwas fehlen, wenn er YB verlässt.

Drehen wir die Goaliefrage weiter: Wölfli geht im Winter und Mvogo nimmt im nächsten Sommer, wie kürzlich Michael Frey, das erste gute Angebot aus dem Ausland an. Sind Sie auf dieses Szenario vorbereitet?
Natürlich machen wir uns darüber Gedanken. Wichtig sind mir zwei Dinge: Erstens habe ich viel Vertrauen in David von Ballmoos, unsere Nummer 3. Zweitens ist es nicht so, dass Michael Frey ein Türöffner für alle anderen Jungen war. Irgendwann werden wir auch einmal hinstehen und auf einem laufenden Vertrag beharren. Ein bis zwei Talente pro Saison abzugeben, mag für den Club drinliegen, aber sicher nicht mehr.

Dieses Problem ist für Sie nicht neu?
Nein, damit hatte ich schon beim FCZ zu tun. Beim ersten Spieler, der gehen will, kämpft man zwar um ihn. Doch wenn eine Schmerzgrenze erreicht wird, ist man eher bereit, ihn ziehen zu lassen. Beim zweiten oder dritten Spieler, der das gleiche Ziel hat, wird man schon weniger schnell weich. Ein Club kann nicht immer sagen, er baue auf die jungen Spieler und lässt dann gleichwohl alle ziehen bei der erstbesten Gelegenheit. Zudem gilt es auch eine Verantwortung gegenüber der Mannschaft wahrzunehmen, der nicht immer die besten Spieler ausgerissen werden können, wenn sie ihre Ziele erreichen soll.

Gibt es für Mvogo schon konkrete Anfragen?
Ich habe schon mit Clubs über ihn gesprochen. Ich habe allen Interessenten gesagt, dass ein Transfer im Moment für uns kein Thema ist. Und ein konkretes, schriftliches Angebot eines Clubs ist bis jetzt noch nicht bei uns gelandet.

Ein weiterer Spieler, der im Blickpunkt steht, ist der neue Stürmer Guillaume Hoarau. Seine Wucht und Präsenz tut YB sehr gut, nicht?
Nicht nur das. Hoarau redet auch mit den Jungen. Vor dem Napoli-Match beispielsweise hat er Kubo seine Spielweise zu erklären versucht, auch wenn das kommunikationstechnisch schwierig war. Er redet auch vor der ganzen Gruppe und hat sofort eine Führungsrolle übernommen. Bei Hoaraus Transfer hat mich Stéphane Chapuisat sehr stark unterstützt. Denn ich habe anfänglich nicht geglaubt, dass ein Spieler von diesem Format zu YB kommen würde.

Besteht eine Chance, dass Hoarau länger als die Saison bei YB bleibt?
Im Normalfall nicht. Aber man hofft natürlich immer. Vielleicht kommt er im Februar oder März zu uns und sagt, es gefalle ihm hier in Bern ausgezeichnet und er wolle nun doch länger bleiben als geplant. Darüber zu spekulieren, ist jetzt aber noch zu früh.

Das nächste Transferfenster öffnet schon in der Winterpause. Ein Name, der immer wieder mit YB in Verbindung gebracht wird, ist jener von Veroljub Salatic.
Er ist nicht das Thema, das wir jetzt pushen. Wir haben keinen Bedarf im ­zentralen Mittelfeld, wenn nicht irgend­etwas passiert.

Ein Mittelfeldspieler, der höhere Ziele als die Super League verfolgt, ist Sekou Sanogo. Wie schätzen Sie die Situation bei ihm ein?
Sanogo denkt sehr klar, er weiss, was er will und studiert sehr viel. Den Wechsel zu YB hat er sehr bewusst gemacht, um einen Schritt weiterzukommen. Auch bei ihm gibt es Interessenten. Aber wir hoffen, dass er noch längere Zeit bei uns in Bern bleibt.

Hoaraus Transfer war nur dank der Europa-League-Qualifikation möglich. Wie sieht es mit dem finanziellen Spielraum aus?
Keine Frage: Mit den Möglichkeiten, die YB hat, muss es sein Budget, seine Auslagen selber erwirtschaften. Das hat man mir auch klar und deutlich gesagt, als ich zurückgekehrt bin. Wir waren einmal weit weg von diesem Ziel.

Und das ist heute auch noch so?
Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen, was auch mit längerfristigen Verpflichtungen oder Verträgen zu tun hat. Aber die Situation hat sich schon deutlich verbessert. Es heisst immer, YB hat viel Geld und leistet sich das zweitteuerste Kader der Super League. Ich bin mit Blick auf die Konkurrenz nicht sicher, ob dies stimmt. Zudem will niemand sehen, dass wir das Budget wirklich strikt zurückgefahren haben – auch weil die Spieler mitmachen, indem sie bei Vertragsverlängerungen Lohneinbussen akzeptieren.

Bei Ihrer Rückkehr haben Sie von einem 3-Jahres-Plan gesprochen, mit dem Ziel, einen Titel zu holen.
Ich bereue es, das Ziel so formuliert zu haben. Und zwar nicht deshalb, weil ich diesen Anspruch nicht hätte. Ich habe bei meinem Antritt gesagt, dass wir drei Jahre brauchen, um etwas aufzubauen. Und da wurde ich gefragt, ob ich keinen Anspruch hätte. Ich habe darauf geantwortet, dass es immer das Ziel sei, einen Titel zu holen. Und seither wird mir nun immer um die Ohren gehauen, dass ich mit YB in drei Jahren einen ­Titel holen muss.

Vom Titelziel zurück zum Tagesgeschäft: Am Sonntag spielt YB daheim gegen Vaduz, am Donnerstag in Neapel. Da besteht erneut die ­Gefahr von Flop und Top?
So wie wir im Moment in der Super League dastehen, dürfen wir uns keine Ausrutscher mehr erlauben, davon hatten wir schon genug. Wir haben klare Ziele formuliert. Im Cup zu überwintern haben wir nicht geschafft. In der Meisterschaft wollen wir in die Top 3. Dafür müssen wir uns aber die entsprechende Ausgangslage erarbeiten. Wenn wir mit vielen Punkten Rückstand auf Platz 5 oder 6 stehen, müssen wir über die Bücher.

Der Bund

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