Ein Berner will den ukrainischen Fussball retten

Der Konflikt im Donbass hat auch den Fussball in der Ukraine verändert. Der ehemalige YB-Präsiden Thomas Grimm bemüht sich als neuer Ligapräsident um Normalität.
Hooligans sind nur eines der Probleme im ukrainischen Fussball. Noch schwerer wiegt die volatile politische Lage – und der Rückzug der Oligarchen aus dem Sport. Foto: Imago

Hooligans sind nur eines der Probleme im ukrainischen Fussball. Noch schwerer wiegt die volatile politische Lage – und der Rückzug der Oligarchen aus dem Sport. Foto: Imago

Vergangene Woche war es wieder so weit: «Clásico» in der Ukraine. Dynamo Kiew gewann zu Hause im Olympiastadion gegen Schachtar Donezk 1:0, 46'000 Zuschauer, kaum Aufreger, ein bisschen Pyrotechnik vielleicht. Volle Ränge, gute Stimmung. «Aber das», sagt Thomas Grimm, «das ist leider die Ausnahme.»

Seit vier Monaten ist der 59-jährige Berner Präsident der ukrainischen Liga. Grimms Engagement ist ein weiterer Zug im Bemühen des Verbands, dem heimischen Fussball zu ein wenig Normalität zu verhelfen.

Seit den Protesten auf dem Maidan im Winter 2014, der Flucht von Präsident Wiktor Janukowitsch, dem Krieg um die Halbinsel Krim und dem Konflikt in der Donbass-Region mit bald 10'000 Toten ist in der Ukraine nichts mehr, wie es einmal war. «Creating History Together» war der Slogan der EM 2012 im Land. So wörtlich meinte das ­damals nicht einmal die Uefa.

Vom Bielersee an den Dnjepr

Nebst der Politik schreibt der Fussball seine eigene kleine leidvolle Geschichte, eine von kleinem Geld und grossem Frust, von verpasstem Anschluss und unausgeschöpftem Potenzial. Clubs aus dem Krisengebiet mussten den Betrieb einstellen oder wurden entwurzelt, der Spitzenverein Schachtar trainiert in Kiew und spielt im Hunderte Kilometer entfernten Charkiw. 70 Prozent der Zuschauer hat die Liga seit dem Ausbruch der Krise verloren. «Das ist in etwa so der Rahmen, in dem ich arbeite», sagt Grimm.

Aber wo anfangen? Bei der Glaubwürdigkeit? Beim Geld?

Und ja, über die Entscheidung, 2000 Kilometer von seinem Zuhause entfernt in einem riesigen, zerrissenen Land, dessen Sprache er nicht spricht, eine Fussball-Liga zu führen, habe er sich schon auch den Kopf zerbrochen.

Grimm ist weit herumgekommen im Fussball. Angefangen hat er im Rechtsdienst der Uefa, jahrelang beriet er auch die Fifa in Entwicklungsfragen, war von 2007 bis 2009 YB-Präsident, stand für zweieinhalb Jahre der Schweizer Liga vor, war VR-Delegierter des FC Biel und schliesslich juristischer Berater der Ukrainer an der Euro 2016.

Verbandschef Andrej Pawelko kennt er seit Jahren, die Wege kreuzten sich immer wieder, zuletzt vor dem Champions-League-Final im Mai. Und so war Thomas Grimm aus Lüscherz am Bielersee plötzlich Präsident der Premjer Liga, zwölf Teams, 256 Millionen Euro Marktwert und vor allem: viel verblasster Glanz.

Soll er das überhaupt machen in diesem zerrissenen Land? Thomas Grimm im Letzigrund. Bild: Sabina Bobst.

Das klingt abwegig, folgt aber einem Trend: Grimm ist nur einer von diversen Ausländern in der Leitung des Verbands. «Sie waren überzeugt, dass es neue Köpfe brauchte», sagt Grimm. Denn der ukrainische Fussball hat nicht zuletzt auch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wenige Tage vor dem Endspiel der Champions League kam ein grösserer Fall von Spielmanipulation ans Licht, es ging vor allem um Partien auf den Nachwuchsstufen U-18 und U-21.

«Zu gefährlich»

Akzeptanz also ist da, ein wenig Zeit auch – Grimm ist für zwei Jahre gewählt. Aber wo anfangen? Bei der Glaubwürdigkeit? Beim Geld? Beim schwelenden Konflikt, den problematischen Verbindungen in die Politik?

Er fliegt nach Kiew und Odessa, nach Mariupol und Charkiw, der Zeitplan ist immer eng getaktet.

Grimm ist immer noch öfter in Zürich als in Kiew, er unterhält weiterhin eine Consulting-Firma in der Schweiz. Seine Reisen plant er detailgenau, er fliegt nach Kiew und Odessa, nach Mariupol und Charkiw, der Zeitplan ist immer eng getaktet.

Nur nach Donezk, in die militarisierte Zone, geht er nicht. «Zu gefährlich, noch immer», sagt Grimm. Der Konflikt der Regierung mit den prorussischen Separatisten sei auch nach zig Aufenthalten in der Ukraine etwas Ungreifbares.

Alle wüssten, wer dahinterstecke, so Grimm. «Als Liga versuchen wir, das Beste daraus zu machen. Ich habe mich bei der Schweizer Botschaft erkundigt, wie dieser Konflikt eingeschätzt wird.» Und gemäss internationaler Diplomatie ist das tiefe Zerwürfnis, das die ­Ukraine und Teile Russlands in Atem hält, ein innerukrainischer Konflikt. Putin? Nie gehört. So der Duktus im Donbass.

Der Fussball spielt da enger mit, als das Verband und Liga lieb sein dürfte. Dagegen hat Grimm beeindruckt, wie sich damals die Ultras von diversen Clubs verbrüdert haben und die Demonstranten auf dem Maidan gemeinsam vor der Polizei schützten.

Der Exodus der Oligarchen

Mit der politischen Befreiung der Ukraine begann paradoxerweise der Niedergang des Fussballs. Als Präsident Janukowitsch gestürzt wurde, waren die Investoren plötzlich weg. Metalist Charkiw etwa, 2013 noch im Playoff zur Champions League, zerbrach nach dem Abgang von Alexander Jaroslawski.

Noch 2009 gewann Schachtar Donezk den Uefa-Cup, dank den Toren von Brasilianern, dank den Millionen von Rinat Achmetow. Der Industrielle stand stellvertretend für die schwerreichen Oligarchen und Geschäftsleute, die während Jahren ihr Geld in die Clubs gepumpt haben. In der Ukraine zeigt sich Achmetow heute kaum mehr.

Von den einst 16 Mannschaften aus der besten Zeit des jungen ukrainischen Fussballs spielen nur noch 12 in der höchsten Spielklasse. 2012 kamen 12'000 Zuschauer im Schnitt, heute sind es noch 3000. Das hat vor allem mit dem Umzug von Schachtar, dem Niedergang von Charkiw und dem Verschwinden von Dnipropetrowsk zu tun. «Stellen Sie sich vor, die Super League verlöre den FCZ und ­Luzern, und YB spielte plötzlich in Lugano.»

Und womit kann man die Zuschauer ins Stadion locken, was beschert den Clubs noch Geld? Wo setzt Grimm den Hebel an? Sein Steckenpferd, sein wichtigstes Projekt ist der neue TV-Vertrag. Ab nächster Saison sollen darin die Rechte zentral vermarktet werden. Bis anhin dealten gerade die grossen Clubs ­Dynamo und Schachtar einzeln mit den Anstalten, neu soll es mehr Geld für alle geben.

Der ukrainische Transfermarkt steckt voller Widersprüche. Eben wechselte der Brasilianer Fred (nicht der WM-Stürmer von 2014) von Serienmeister Schachtar für 59 Millionen Euro zu Manchester United, während kleinere Clubs mit gerade mal einer Million pro Jahr zu budgetieren versuchen. Die Löhne sind eingebrochen, im internationalen Vergleich ist die Liga kaum mehr konkurrenzfähig – abgesehen von Schachtar und Dynamo, die auch dieses Jahr europäisch mitmischen.

Nächste Zäsur: Die Wahlen

Im nächsten März sind wieder Präsidentschaftswahlen, Petro Poroschenko muss sich zur Wiederwahl stellen. Die Frage ist: Wie werden sich die nationalistischen Ultras, die öffentlichkeitsscheuen Investoren dann präsentieren? Thomas Grimm weiss es nicht.

In seinem ukrainischen Alltag ist er ein Jurist im Chaos, ein Anwalt der Ordnung. Wie gross sein Einfluss war oder ist, wird man erst zum Ende seiner Amtszeit 2020 wissen. Bis Schachtar im ukrainischen «Clásico» Dynamo Kiew wieder zu Hause in Donezk empfangen kann, wird es auf jeden Fall noch dauern.

DerBund.ch/Newsnet

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