Ein Horrorsommer und seine Folgen

YB stürzte bei der Titeljagd völlig ab. Hoffnungsträger ist nunmehr Adi Hütter.

Nach Bern gekommen, um eine Mannschaft aufzubauen, die eine «Winnermentalität» verinnerlicht: Adi Hütter.

Nach Bern gekommen, um eine Mannschaft aufzubauen, die eine «Winnermentalität» verinnerlicht: Adi Hütter.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Die Young Boys beenden die Saison 2015/16 wie die vorangegangene: auf Rang zwei. Der Vorsprung auf das drittklassierte Luzern beträgt 15 Punkte. 20 von 36 Partien haben die Berner gewonnen, nur 7-mal gingen sie als Verlierer vom Platz. Sie sind das Team mit den zweitmeisten geschossenen ­Toren (78) und stellen statistisch gesehen die zweitbeste Abwehr (47 Gegentore). In der U-21-Trophy, die den Einsatz von Spielern mit Jahrgang 1994 oder jünger in der Super League bewertet, stehen die Young Boys sogar zuoberst auf dem Treppchen.

Das ist jedoch ein schwacher Trost für einen Club, der im letzten Sommer Grosses im Sinn hatte. Nach fast 30 Jahren in der Warteschlange wollte er endlich wieder einen wichtigen Titel holen. Auch im internationalen Wettbewerb sollten dickere Stricke zerrissen werden, das Erreichen der ­Gruppenphase der Europa League war das Mindestziel. Das Streben nach höheren Weihen war mutig angesichts der Stärkeverhältnisse in der Super League und der Cup-Blamagen der letzten Jahre. Doch es gab durchaus Gründe, sich vor dem Saisonstart weit aus dem Fenster zu lehnen. Die Spielzeit 2014/15 hatte YB als Zweiter beendet, wenn auch mit ordentlichem Abstand auf Basel (12 Punkte). Das Team war zusammengeblieben, von Benfica Lissabon waren für viel Geld Loris Benito und Miralem Sulejmani geholt worden, und für jede Position standen zwei fast gleichwertige Spieler zur Verfügung.

Als die Feuerwehr streikte

Unvergessen sind die forschen Töne, die Trainer Uli Forte vor dem Saisonauftakt gegen den FCZ anschlug. «Wir wollen loslegen wie die Feuerwehr», verkündete er selbstbewusst. Es passte denkbar schlecht zum dem, was sein Team dann bot. Es agierte beim 1:1 so konfus und uninspiriert, als käme es direkt aus den Ferien. Bei der sportlichen Führung dürften schon an diesem heissen Juliabend die Alarmglocken geläutet haben. Nach weiteren schwachen Auftritten in der Meisterschaft und einem Totalabsturz im Rückspiel der Champions-League-Qualifikation in Monaco war Forte seinen Job los.

Es war eine Entlassung zur Unzeit, denn ein geeigneter Nachfolger stand nicht bereit. Also wurde halt Assistent Harald Gämperle zum Interimschef befördert. Das war naheliegend, weckte gleichzeitig aber auch böse Ahnungen. Hatte Sportchef Fredy Bickel etwa vor, seinen langjährigen Weggefährten fix auf dem Chefposten zu installieren? Zuzutrauen war es ihm. Auch weil er durchblicken liess, ­Gämperle sei ein Kandidat, wenn die Resultate stimmten.

Das Experiment mit Gämperle mündete ins Debakel von Baku, wo die Young Boys von Karabach vorgeführt wurden. Kübelweise Spott und Hohn prasselten hernach auf sie nieder. Dass wichtige Akteure wegen Verletzungen (Hoarau, Gerndt, Sanogo) oder Krankheit (Steffen) nicht mittun konnten, interessierte niemanden wirklich. Wieso auch? Es gab nichts zu beschönigen: YB hatte sich innert weniger als zweier Monate praktisch aus dem Meisterrennen verabschiedet. Das war blamabel und provozierte kritische Fragen an die sportliche Führung.

Mitten im Sturm zauberte YB endlich den neuen Trainer aus dem Hut. Er hiess Adi Hütter und passte nicht in Bickels übliches Beuteschema. Der Österreicher gehörte weder zum Bekanntenkreis des Sportchefs, noch war er mit den Begebenheiten der Super League vertraut. Das bekümmerte ihn ebenso wenig wie das Verlierer-Image, das YB nachgesagt wurde. Er sei nach Bern gekommen, um eine Mannschaft aufzubauen, die eine Winnermentalität verinnerliche, betonte Hütter. Und siehe da: Unter dem neuen Trainer setzte das Team zu einem kurzzeitigen Höhenflug an. Danach folgte wieder die ­Ernüchterung: Im Cup schied YB ein weiteres Mal vorzeitig aus, diesmal im Achtelfinal gegen den FCZ. Aus und vorbei war der Traum von einem Titel – und das Ende Oktober.

Hütters langer Prolog

Verrückt, aber wahr: Für Hütter begann danach schon der Prolog für die nächste Saison. Wobei er sich erst in der zweiten Meisterschaftshälfte gemessen habe wollte, da er vorher aus zeitlichen Gründen nur punktuelle Korrekturen vornehmen konnte.

Nach der Winterpause ist YB konstanter geworden; gegen Teams aus der zweiten Tabellenhälfte wurde regelmässig gepunktet. Zuhause überzeugte die Equipe mit mutigem Offensivfussball, in der Fremde waren die Auftritte solide. Das ist ein Verdienst des Coachs, dessen Klarheit und Konsequenz bei den Spielern ankommt. Was weiter auffällt: Hütter nimmt keine Rücksicht auf die Meriten der Spieler. Wer besser ist, der spielt in der Regel. So verlor Milan Vilotic seinen Platz in der Innenverteidigung an Gregory Wüthrich beziehungsweise Alain Rochat, Milan Gajic musste zuerst hinter Aufsteiger Denis Zakaria und Leonardo Bertone anstehen, Jan Lecjaks bekam den Atem des 18-jährigen Linus Obexer zu spüren, und Alexander Gerndt wurde zwischenzeitlich von Yuya Kubo bedrängt.

So gut sich Hütters Arbeit angelassen hat: An den Kräfteverhältnissen in der Liga hat er bisher nicht rütteln können. Der FC Basel bewegt sich weiterhin in einer anderen Sphäre. 14??Punkte Vorsprung hat er heuer auf YB, welches sich fest vorgenommen hatte, ihm auf den Füssen herumzutrampeln. Angesichts der erdrückenden Dominanz des Serienmeisters bleibt den Bernern primär das Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung, dass auch der FCB irgendwann mal ins Straucheln gerät und sie selber in diesem Moment parat sind für den grossen Coup.

DerBund.ch/Newsnet

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