Ein Club in Schieflage

Wieder einmal ist der FC Aarau turbulent ans Tabellenende gefallen. Heute Samstag spielt er gegen den FCZ.

Trainings am Waldrand statt in einer modernen Arena: Für den FC Aarau ist der Einzug ins neue Stadion so weit entfernt wie die Tabellenspitze. Fotos: Reto Oeschger

Trainings am Waldrand statt in einer modernen Arena: Für den FC Aarau ist der Einzug ins neue Stadion so weit entfernt wie die Tabellenspitze. Fotos: Reto Oeschger

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Die Volksseele köchelt und hat auch allen Grund dazu. Es ist Donnerstagvormittag in Aarau, und in der Nacht davor ist die rote Laterne zurückgekehrt in die Kleinstadt. Der FC Aarau ist wieder am Tabellenende, wie damals vor knapp fünf Jahren, als er abgestiegen war. Keines seiner letzten zehn Spiele hat er jetzt gewonnen, und das jüngste 0:4 in Luzern war ein regelrechter Untergang. Im Restaurant Sportplatz wehklagen Serviertochter und Pensionär im Duett.

Der FC Aarau gleicht einer Baustelle. Neben dem sportlichen Kriechgang ist dies wörtlich zu nehmen: Ebenfalls in dieser Woche haben die Aarauer Bescheid erhalten, dass ein Einsprecher seine Klage gegen das neue Stadion weiter­zieht. Ein Anwohner wehrt sich standhaft, und Servier­tochter und Gast sind sich einig: Von Schikane reden sie, von einem «dummen Siech» und davon, dass er – ein Schweizer – am besten ausgebürgert werden sollte.

Anderseits, flucht der Pensionär: «Mit Christ steigen sie ja sowieso ab.»


Trainer Sven Christ
«Es brauchte einen Chlapf»

Achteinhalb Jahre war er Verteidiger beim FC Aarau gewesen – das also, was man im Fussball Urgestein nennt. Sven Christ weiss darum ganz genau: Im ­Brügglifeld wird es nie zu bequem. Im vergangenen Sommer war er, von Baden aus der 1. Liga kommend, auf den beliebten Aufstiegstrainer René Weiler gefolgt, und trotz eines ansprechenden Saisonstarts waren Vorbehalte gegen den ­Neuling zu vernehmen.

Er sei zu reserviert, heisst es, jetzt wächst der Widerstand von aussen mit jeder Niederlage. Die Verantwortlichen haben Post von Fans erhalten, die Christs Entlassung forderten. Und Bewerbungen von arbeitslosen Trainern. «Ich habe keine Angst vor einer Entlassung», sagt Christ und fügt trotzdem an: «Der FC Aarau braucht dringend Punkte, sonst wird der Trainer natürlich zum Thema. Ich bin lange genug im Geschäft, um das zu wissen.»

Nach der Niederlage in Luzern hat er seine Spieler am Montagmorgen mit ­einer Standpauke in der neuen Woche willkommen geheissen, «es brauchte einen Chlapf», das war dem Trainer klar. Zuversicht vor dem Match von heute Samstag im Letzigrund gegen den FCZ gibt ihm dies: Die Spieler müssten keine Angst mehr haben, noch von diesem oder jenem Team überholt zu werden. «Es ist keines mehr da, das uns über­holen könnte», sagt Christ deutlich. «Vielleicht wirkt das ja befreiend.»


Sportchef Urs Bachmann
Zwischen Kanten und Querelen

Prächtig ist das Wetter, als für die Mannschaft die nächste Trainingseinheit ­ansteht. Die 300 Meter von der Stadion­kabine zum Übungsplatz ­gehen die Spieler zu Fuss. Sie kreuzen eine Schulklasse auf ihrem Weg in die Eishalle, ein Rentner trimmt gemächlich die Reben an der Fassade seines Hauses. Ein ­Zuschauer sieht sich einsam das Training an.

Sportchef Urs Bachmann erscheint mit Sonnenbrille, seine Laune ist nicht getrübt durch den Misserfolg. Noch nicht – ­«wären statt 15 nur noch 4 Spiele zu bestreiten, wäre ich beunruhigter». Trotzdem: Was er zuletzt gesehen hatte, das verärgerte ihn. Und deswegen nimmt er weniger den Trainer als die Spieler in die Pflicht. Keiner, «nicht ein einziger», habe sich in Luzern verhalten, als kämpfe er gegen den Abstieg.

Kommt hinzu, dass sich die Aarauer das Leben gegenwärtig selber schwer machen. Seit seinem Foul an FCZ-Spieler Gilles Yapi steht Sandro Wieser am Pranger, kürzlich leistete er sich in einem Testmatch die nächste Ausfälligkeit. In der Vorbereitung sorgte Christ mit einer disziplinarischen Massnahme gegen den unzufriedenen Daniel Gygax extern für mehr Aufsehen als intern, und Stephan Andrist schliesslich irritierte mit einem Geständnis im «Blick». Zitiert wurde er so: «Ich bin ein Schwalbenkönig.» Nur habe er gar nie mit dem «Blick» geredet, behauptet er gegenüber Christ. Der Journalist kann das Gegenteil beweisen.

Der Club hat seine Kommunikationspolitik angepasst und die Sünder intern sanktioniert. Bachmann nimmt Gygax und Andrist aber in Schutz: «Spieler mit Ecken und Kanten tun der Mannschaft gut. Sonst wäre sie noch braver.»


Captain Sandro Burki
Ewiges Aarau statt Glasgow

Captain dieser Mannschaft ist Sandro Burki, seit Jahr und Tag ist er das, der 29-Jährige bestreitet seine neunte Saison mit Aarau. Einst wäre er fast zu Celtic Glasgow gewechselt, im Sommer 2008 war das, als er sein einziges Länderspiel für die Schweiz bestritt, doch seit jenem geplatzten Transfer hat er sich «damit abgefunden, hier zu sein». Weil das ­negativer klingt als gemeint, ergänzt Burki schnell: «Aarau und ich – das ist eine Beziehung, die einfach passt.»

Den Untergang in Luzern hat er ­wegen einer Sperre als Zuschauer mit­erleben dürfen, «extrem bitter» sei das gewesen. Trotzdem erinnert ihn an der jetzigen Situation wenig ans Jahr 2010, die Saison des Abstiegs. «Wir sind qualitativ klar besser und haben auch einen besseren Zusammenhalt», sagt Burki. Nur ist auch ihm klar: «Bloss weil wir besser sind als damals, bedeutet das nicht, dass es ein Selbstläufer wird.» Wichtig sei jetzt der Charakter jedes ­einzelnen, weshalb für Burki die spannende Frage ist, «ob wir als Mannschaft an der Negativspirale zerbrechen oder aus ihr herauskommen».

Und falls nicht? Gingen Sie, Sandro Burki, auch ein zweites Mal mit Aarau in die Challenge League? Die Antwort kommt ohne Verzögerung: «Ja, sicher.»


Präsident Alfred Schmid
«Gäste sind keine Hurensöhne»

Ein helles Büro in einem Wohnquartier in Schönenwerd SO. Auf dem Schreibtisch steht eine FCA-Flagge, es ist der ­Arbeitsplatz von Alfred Schmid, seit 2007 Präsident. Beim Inhaber einer Kommunikationsfirma laufen all diese Sorgen zusammen. Für Schmid hat das Stadion Priorität, auf das sie «so sehnsüchtig warten», weil nur dieses gewährleistet, dass der FC Aarau im Spitzenfussball eine ­Zukunft hat: «Es ist über­lebenswichtig für uns.» Auf die Saison 2019/20 erwartet er jetzt die Eröffnung.

Geht es nach Schmid, wird diese dannzumal mit Schall, aber ohne Rauch begangen. Als Nebenschauplatz hat er in den vergangenen Wochen einen Bruch mit dem harten Kern der Fans provoziert. 700'000 Franken Sicherheitskosten bezahlt der Club jährlich, einige Vorfälle gab es gleichwohl. Den Hut gelupft hat es Schmid, als sich letzten Herbst Aarauer und Zürcher Fans zu einer Prügelei im Aarauer Bahnhof verabredeten, dazu betätigten die FCZ-Anhänger die Notbremse eines Zugs. Er habe Pyros, Rauchpetarden und den Radau satt, ­genug von diesem «Lölibubenzeugs», so sagt Schmid das. «Und ich will nicht, dass ­unsere Gäste im Brügglifeld als ­Hurensöhne bezeichnet werden.»

Der Präsident strebt eine Fankultur ohne Ultraelemente an, weil diese seiner Meinung nach den Fussball in Verruf bringen – womit er sich natürlich den Unmut der Aarauer Ultraszene zuzog. Weil sie sich pauschal verurteilt fühlte durch Äusserungen der Vereinsleitung, boykottierte sie das Heimspiel gegen ­Vaduz – und weitere künftige Partien im Brügglifeld. «Sollen sie gleich ganz fernbleiben», sagt Schmid, ohne zu ­zögern, «es geht gut ohne sie.»

Fussball stellt er sich als Volksfest vor, «nur das ist der Fussball schon lange nicht mehr», sagt er. «Es ist ein einziges Gugus.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2015, 00:09 Uhr

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