Die heilige Kuh Allmend

Gerne sonnt sich die Politik derzeit im gelb-schwarzen Glanz der erfolgreichen Young Boys. Seit Jahren klagt der Club über schlechte Trainingsbedingungen – und ist auf die Hilfe der Politik angewiesen.
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Fabian Ruch

YB fliegt 2018 sehr hoch. Doch die Herrlichkeit ist nicht für ewig, die heile Welt ist gefährdet. Viele Spieler werden weiterziehen, der Trainer irgendwann auch, Sportchef Christoph Spycher wäre die perfekte Lösung als Supermanager beim Schweizerischen Fussballverband.

YB wird weiterexistieren. Ob der Meister den Status als nationales Spitzenteam mit internationalen Ambitionen behalten kann, hängt nicht nur davon ab, welche Figuren die Geschicke leiten. Entscheidend, und das betonen alle im Betrieb, ist die Trainingsplatzsituation. «Es ist sehr wichtig für YB, dass sich die Bedingungen deutlich verbessern», sagt Spycher. CEO Wanja Greuel spricht sogar von «existenzieller Bedeutung». Auch andere Entscheidungsträger, von Verwaltungsrat Ernst Graf über Chefscout Stéphane Chapuisat bis Captain Steve von Bergen, betonen die Dringlichkeit.

Grosse Allmend perfekt

Jeder halbwegs ordentlich aufgestellte Fussballverein im europäischen Spitzenfussball besitzt ein Trainingszentrum. Bei YB dagegen sind die Verhältnisse «katastrophal», wie Greuel sagt. Er hat zum Gespräch eine Liste mitgebracht mit der Anzahl Trainingsfelder aller 32 Champions-League-Teilnehmer. Einige Vereine erweitern gerade ihre teilweise pompösen Anlagen, Liverpool wird bald 18 Plätze haben, am Ende der Liste steht ein Verein mit der Zahl 0. Es ist YB.

«Deutlich bessereBedingungen für unsere Teams sind von existenzieller Bedeutung für YB.»Wanja Greuel?CEO Stade de Suisse

Nun darf man festhalten, dass sich die Young Boys nicht mit den Grössen des Kontinents messen müssen. Aber auch im Vergleich zur Super-League-Konkurrenz steht die klare Nummer 1 des Landes sehr schlecht da. Die Problematik ist seit langem bekannt, es gab Dutzende Ideen, Hunderte Sitzungen, Tausende Mails. «Das ist ein langer Prozess», sagt Greuel, «und wir wissen, dass vieles abgeklärt werden muss.» Er spürt in der Politik die Bereitschaft, YB stärker helfen zu wollen. «Viele haben erkannt, dass unbedingt etwas gehen muss. Aber es müssen zahlreiche Interessengruppen berücksichtigt werden. Wir sind jedoch darauf angewiesen, dass die Situation in absehbarer Zeit deutlich verbessert wird.»

Die Wunschlösung des Clubs ist bekannt: vier Plätze auf der Grossen Allmend – einer davon Kunst­rasen – gegenüber des Stade de Suisse sowie ein kleines Gebäude mit Garderoben, Toiletten, Buvette. Finanziert durch YB. Vorstellbar, aber weniger attraktiv, wäre eine ähnliche Anlage ein bisschen weiter von der Arena entfernt auf der Kleinen Allmend, die ziemlich brachliegt.

Bis zur Realisierung des Projekts ist es ein jahrelanger Weg. Die Allmenden sind wie heilige Kühe, sie sollen allen Menschen und Sportarten offen stehen. «Es würde sich gar nicht so viel ändern», sagt Greuel, «es hätte immer noch genügend Platz für alles andere, wenn wir Platz für vier Felder beanspruchen würden.» Einmal stellten die Young Boys 48 Stunden lang eine Kamera auf, um das Geschehen auf der Grossen Allmend zu beobachten und herauszufinden, ob das Trainingscenter den Betrieb stören würde. Das Treiben sei sehr überschaubar gewesen.

Der SFV macht Druck

Die Young Boys spüren Rückenwind, sie haben der Stadt und den Menschen 2018 manch schöne Stunde beschert. Und es gilt viele Leute zu überzeugen, Abstimmungen und Zonenplanänderungen sind notwendig, um den Traum zu realisieren. Einfluss hätte der Bau auch auf viele andere Dinge, so müsste eine Lösung wegen der Parkplatzproblematik gefunden werden.

Bei YB ist man überzeugt, dass ein kleine Anlage auf der Allmend die mit Abstand beste Idee ist. Zumal dann im Stade de Suisse endlich wieder Naturrasen verlegt werden könnte. «Es wäre auch eine Entlastung für die anderen Clubs», sagt Greuel, «es besteht generell ein Mangel an Feldern in Bern, weil der Fussball so viele Menschen anzieht.»

In den letzten Jahren fasste YB auch Traingscenter ausserhalb der Stadt ins Augen, in Rubigen, Schönbühl, Brünnen. «Das entspricht aber aus vielerlei Gründen nicht den Bedürfnissen, die wir haben», sagt Christian Franke, Nachwuchschef des Vereins. Beispielsweise schreibe der Fussballverband (SFV) eine geografische Nähe zum Stadion und den Ausbildungsstätten der Nachwuchsfussballer vor, die Schulen besuchen oder eine Berufslehre absolvieren.

Vor einigen Wochen erhielten die Young Boys einen Brief des SFV mit der Aufforderung, die Zustände zu verbessern. So sei es störend, würden einige Spielfelder von anderen Teams besetzt oder seien der Öffentlichkeit zugänglich. Die nicht ausreichende Beleuchtung der Plätze sowie die fehlende Markierung wurden ebenfalls bemängelt. Ganz allgemein würden die Natur- und Kunstrasenfelder nicht dem Standard des Spitzenfussballs entsprechen.

Schwerer Stand bei Talenten

Die YB-Nachwuchsteams trainieren und spielen grösstenteils auf der Grossen Allmend – wie ganz viele andere Teams aus dem Breitensport, zu denen sogar Mannschaften aus dem Firmensport sowie der Alternativliga gehören. Auch Partien der U-18-Auswahl werden auf einem der Kunstrasenplätze nahe der Postfinance-Arena ausgetragen. «U-18 ist die höchste Stufe im Nachwuchsfussball», sagt Franke, «es ist ein Riesenproblem, müssen wir dort spielen.»

Toiletten gibt es keine für die Zuschauer, Garderoben für die Spieler fehlen, auch letzten Samstag mussten die Teams von YB und Basel in der Pause einen längeren Marsch in einen Luftschutzkeller unternehmen, um Regen und Kälte auszuweichen. Der Weg ins Stade de Suisse und zurück würde gar die gesamte Pause beanspruchen. Auch Alex Frei, U-18-Coach des FCB, zeigte sich verwundert über die miserablen Zustände.

YB droht der Entzug der Zertifizierung als Leistungszentrum, falls sich nichts ändert. Und es gibt eine ganze Menge weitere Punkte, welche die Young Boys ins Abseits stellen. So konkurriert YB längst mit internationalen Clubs um die grössten Talente, die oft schon mit 16, 17 Jahren ins Ausland wechseln. In diesem Jahr gingen drei YB-Akteure im Teenageralter zu Atlético Madrid, Benfica Lissabon, Newcastle. «Bei einem Besuch anderer Vereine sehen die Jungs, deren Eltern und Berater die erstklassigen Trainingsbedingungen», sagt Franke, «während wir bezüglich Infrastruktur sehr wenig bieten können.»

Deswegen erhielten die Berner schon Absagen von begabten Fussballern. Derzeit hat es bei YB nicht nur laut Franke enorm viele sehr talentierte Spieler im Alter von 15 bis 18. Die Young Boys sind nicht in der Lage, ihnen auch nur annähernd ähnliche Trainingsverhältnisse zu bieten wie die an ihnen interessierten Clubs.

Soll YB Bern langfristig glücklich machen, benötigt es einen kleinen Campus auf der Grossen Allmend – so lautet das Anliegen des Vereins. Die Lösung würde so nahe liegen, ein paar Meter über die Papiermühlestrasse. Und ist doch noch so weit weg.

Berner Zeitung

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