Die glücklichen vier

Leipzig, Hertha, Hoffenheim und Köln – im Schatten von Bayern München schreiben sie in der Bundesliga erstaunliche Geschichten

Jubeltage samt Maskottchen in Leipzig.

Jubeltage samt Maskottchen in Leipzig.

(Bild: Keystone)

Florian Raz@razinger
Ueli Kägi@ukaegi
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Zürich Irgendwie muss der Alltag für die Münchner Bayern auch ein wenig langweilig sein. Keiner will mit ihnen in der Bundesliga etwas zu tun haben, jeder entzieht sich dem Spiel der Medien, wer sie denn jagen könne. «Die Bayern sind sowieso in einer anderen Liga», sagt Ralph Hasenhüttl. Dabei führen Hasenhüttls Aufsteiger aus Leipzig zusammen mit Hertha, Hoffenheim und Köln das Quartett an, das sich so überraschend im Schatten des Übervereins gebildet hat.

RB LeipzigMit Bullenkraft

«Ein Bulle kommt selten allein», steht auf dem Mannschaftsbus des Clubs, der die Gemüter in Deutschland weiter bewegt. Jüngst hat es in Köln wieder einmal Demonstrationen gegen die Leipziger gegeben. Sie reagieren neben dem Platz so, wie sie es während der Jahre der Anfeindungen gelernt haben: mit Gelassenheit. Und auf dem Platz gehen sie weiter ihren Weg: unbeirrt und vor allem unbesiegt. Das 2:0 in Darmstadt ist ihr vierter Sieg in Folge, das neunte Spiel schon ohne Niederlage.

Voreilige Fragen nach mutigeren Saisonzielen als dem Klassenerhalt blocken die Leipziger brav ab. «Lassen wir die Kirche im Dorf», sagt Marcel Sabitzer nach seinen beiden Toren in Darmstadt, und Trainer Ralph Hasenhüttl schiebt nach: «Wir sind gut beraten, die Beine schön auf dem Boden zu lassen.» Das werde man von ihm hören, «solange der Tag lang ist». Das schiefe Sprachbild bringt ihn selbst zum Lachen.

RasenBallsport wurde 2009 gegründet und begann seinen Höhenflug in der 5. Liga. 2012 wechselte Fabio Coltorti zum damaligen Regionallisten, der nach den weiteren Aufstiegen von 2013 und 2014 in diesem Frühjahr reif war für die Bundesliga. Mit seinen 35 passt der Schweizer Goalie so gar nicht zum Jugendkonzept, das der Verein unter Sportdirektor Ralf Rangnick mit dem Geld von Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz verfolgt. Mateschitz hat Rangnick einmal gesagt: «Ich möchte nicht 80 sein, wenn Leipzig Meister ist.» Heute ist er 72.

Hertha BerlinDer Zug rollt

Angefangen hat alles peinlich. Erst entschied sich die Hertha, 250 000 Euro für einen neuen Slogan auszugeben. «Berliner Start-up seit 1892» steht jetzt riesengross auf dem Gelände der Hertha: «We try. We fail. We win.» (Wir versuchen, wir scheitern, wir gewinnen.) Die Hertha soll zur Marke werden.

Das fanden die Anhänger in etwa so originell wie das frühestmögliche Aus in der Europa League gegen Bröndby Kopenhagen. Den Berlinern drohte eine schwierige Saison. Doch dann drehte Trainer Pal Dardai an ein paar Schrauben – und plötzlich wird die Hertha von deutschen Medien als Bayern-Jäger geadelt. Das ist natürlich näher am groben Unfug denn an der Wahrheit. Die Berliner haben nicht die individuelle Qualität, um mit München mithalten zu können. Aber sie haben etwas anderes, das auch auf Dauer für einen Platz in der erweiterten Spitze reichen kann: einen Trainer mit einem Plan. Dazu ein hart arbeitendes und eingespieltes Team, das im Sommer wenige Änderungen erfahren hat. Diesen Vorteil hat die Hertha zu nutzen gewusst. Und jetzt rollt der Zug.

Nach dem Taucher gegen Bröndby hat Dardai dem Schweizer Fabian Lustenberger das Captainamt abgenommen. Nun trägt Vedad Ibisevic die Binde; er soll für aggressiveres Auftreten bürgen. Der alternde Torjäger macht weit mehr als das. Er steht bei sechs Ligatoren und drei Assists.

Lustenberger ist wichtiger Bestandteil des Teams geblieben, wenn er nicht verletzt fehlt. Und dann hat Dardai endlich herausgefunden, wie und wo er den zweiten Schweizer einsetzen kann. Als Flügel überzeugt ihn Valentin Stocker nicht, dafür umso mehr als Zehner hinter der Spitze. Blöd, dass sich Stocker gleich selbst gebremst hat: Er ist wegen einer Roten Karte noch zwei Spiele gesperrt. Das letzte Ligaspiel gegen Köln hat die Hertha aber auch ohne ihn gewonnen.

HoffenheimGierige Unzufriedene

Sie hatten schon einmal einen Professor als Trainer (Ralf Rangnick), einen Bärbeissigen (Huub Stevens), und jetzt haben sie einen Jungspund namens Julian Nagelsmann, 29 ist er im Juli geworden. «Eine Schnapsidee made in Hoffenheim» sei dessen Beförderung, höhnte die «Frankfurter Rundschau» im Februar dieses Jahres, die lokale «Rhein-Neckar-Zeitung» schrieb von einem «PR-Gag». Nagelsmann war auch ein «Bubi» oder ein «Novize», der frühere Goalie Tim Wiese verpasste ihm den Titel «Baby-Mourinho».

Und wer spottet heute noch? Wer macht sich noch lustig über einen Trainer, der Hoffenheim aus vermeintlich aussichtsloser Lage zum Ligaerhalt führte? Wer wagt es, bei dieser Bilanz eine Diskussion auszulösen? 8 Spiele, 4 Siege, 4 Remis. Die Kritiker, die den Club in die Ecke der Neureichen und Traditionslosen stellen, werden zwar nicht so schnell verstummen. Aber sie treffen den Coach nicht, sie langweilen ihn höchstens: «Mir ist es relativ egal, ob über uns irgendwo steht, dass wir eine graue Maus sind oder ein bunter Vogel. Ich glaube, viele Vereine würde gerne tauschen mit uns.»

Hoffenheim ist mit Nagelsmann im Hoch. Das ist schön und gut, sagt sich auch der Chef, «aber nun geht es darum, erfolgreich zu bleiben». Funktionieren soll das, indem die Belegschaft sich nie zufriedengibt. «Das hilft, gierig zu bleiben», glaubt Manager Alexander Rosen. Wer diese Gier nicht zeigt, büsst rasch. Der Trainer fand für Fabian Schär, immerhin Stammspieler im Schweizer Nationalteam, in den letzten vier Wettbewerbsspielen keine Verwendung mehr.

1. FC KölnErfolgreich ohne Delirium

«Der Kölner ist ja kein Depp», hat FC-Manager Jörg Schmadtke kürzlich festgestellt. Es war seine Antwort auf die Frage, weshalb neuerdings nicht die ganze Stadt im Delirium steckt, obwohl der FC an der Spitze mitspielt. Schmadtke glaubt, dass das Publikum realistisch geworden ist angesichts der Unterschiede zwischen Halbarm und Reich. Nur: So ganz ruhig ist es natürlich trotzdem nicht rund um den seit 1998 fünfmal abgestiegenen Club. Es hat einfach erst ein Teil des Publikums «Deutscher Meister 1. FC Köln» gesungen. Ob Toni Schumacher, früher Nationalgoalie, jetzt Vizepräsident, mitgemacht hat, ist nicht bekannt. Sicher aber ist, dass er gesagt hat: «Unsere Fans sollen ruhig ausflippen und ausrasten.» Am Ursprung des Erfolgs beim «Effzeh» stehen zwei, die es sonst in Köln und Deutschland eher schwierig haben. Schmadtke, ein Düsseldorfer. Und Peter Stöger aus Österreich.

Der Trainer kam 2013 als Meister von Austria Wien, stieg 2014 in die 1. Bundesliga auf und führte Köln bis auf Platz 1 in diesem September – wenn auch nur für 19 Stunden. Gegen die Bayern spielte sein Team auswärts 1:1.

Schmadtke und Stöger führen mit klaren Ideen und klugen Personalentscheiden. Timo Horn ist ein aussergewöhnlicher Goalie und erst noch ein Kind der Stadt. Nationalspieler Jonas Hector hat bis 2021 verlängert wie Anthony Modeste. Der Franzose ist derzeit erfolgreichster Torschütze mit 8 Toren in 8 Partien.

DerBund.ch/Newsnet

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