Die Vergangenheit als Hemmschuh

Analyse

YB-Trainer Uli Forte ist es bis anhin nicht gelungen, die alten Muster aufzubrechen. Nach einem fulminanten Start dreht sich das Team schon länger wieder im Kreis.

Uli Fortes skeptischer Blick verrät, dass er YB noch längst nicht dort hat, wo er mit dem Team hin wollte.

Uli Fortes skeptischer Blick verrät, dass er YB noch längst nicht dort hat, wo er mit dem Team hin wollte.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Das blamable Ausscheiden gegen den Erstligisten Le Mont in den Achtelfinals des Schweizer Cups, die miserable Leistung beim 0:3 in Sion Ende Februar, die 0:4-Niederlage im eigenen Stadion gegen GC einen Monat später, am letzten Wochenende die 0:5-Schlappe gegen den gleichen Gegner im Letzigrund: An Tiefschlägen fehlt es den Berner Young Boys wahrlich nicht in dieser Saison.

Und da die Equipe nach einem perfekten Saisonstart (5 Spiele/15 Punkte) nur noch in ganz wenigen Partien wirklich zu überzeugen vermochte, herrscht rund um den Traditionsklub wieder einmal Katerstimmung. Im Stade de Suisse bleiben immer mehr Plätze leer. In den sozialen Medien lassen erboste Fans ihrem Ärger freien Lauf: Sie schimpfen über die Arbeitseinstellung der Spieler, bezichtigen Trainer und Sportchef der Unfähigkeit, drohen dem Klub mit Liebesentzug.

Uli Forte kann die Unzufriedenheit nachvollziehen. In den letzten Monaten sei etliches schiefgelaufen, habe das Team sein effektives Leistungsvermögen viel zu selten abrufen können, so der Trainer. Er hat auch eine Erklärung, wieso. «Die Spieler machen sich zu viele Gedanken.» Statt sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, studierten sie an Vergangenem herum.

Im Falle des BSC YB ist der Blick zurück verbunden mit etlichen negativen Ereignissen: Die letzte Saison war mit Ausnahme des Abschneidens in der Europa League ein Desaster; die Spielzeit davor war geprägt vom überstürzt abgebrochenen Experiment mit dem mehrfachen Meistertrainer und Cupsieger Christian Gross, der von den Fussballern unentwegt «Dominanz und eine hundertprozentige Siegermentalität» forderte.

Wer haut bei YB auf den Tisch?

Forte stellt sich auch nach etlichen Enttäuschungen immer noch schützend vor seine Spieler: Bei YB stünden lauter willige Fussballer unter Vertrag, mit denen es disziplinarisch nicht die geringsten Probleme gebe. Sind sie vielleicht sogar eine Spur zu anständig? «Das mag sein. Ich hätte jedenfalls gerne den einen oder anderen, der einmal richtig auf den Tisch haut in der Kabine, wenn ihm etwas nicht passt.»

Der 40-jährige Zürcher mag nicht jammern, hat er keinen Heisssporn, wie es Taulant Xhaka bei GC einer war, im Kader. Oder einen schlitzohrigen Provokateur wie Shkelzen Gashi, den aktuellen Topskorer der Super League. «Ich arbeite mit den Spielern, die mir zur Verfügung stehen.» Sein erklärtes Ziel ist es, sie aus festgefahrenen Schemen herauszureissen, die Gruppendynamik etwas zu verändern. Bisher mit wenig Erfolg. Forte erstaunt das nicht: «So ein Prozess dauert länger, da es enorm schwierig ist, den Charakter der Spieler zu verändern.» Die Frage ist, ob ihm die Klubleitung die notwendige Zeit gibt. Für Sportchef Fredy Bickel ist der Trainer unbestritten: Forte mache seinen Job sehr gut. Gefordert seien in den letzten vier Runden in erster Linie die Spieler, die in der Rückrunde vieles schuldig geblieben seien.

Die Grossbaustelle Abwehr

Die grosse Schwachstelle bei YB ist seit der Winterpause die Abwehr. In 14 Meisterschaftspartien haben die Berner 29Tore zugelassen – ein miserabler Wert. Tragisch ist, dass die Misere ein Stück weit Milan Vilotic zuzuschreiben ist, den der Klub in der Winterpause dem direkten Konkurrenten GC für viel Geld abkaufte. Die Neuverpflichtung war wegen einer nicht ausgeheilten Knöchelverletzung mehr ein Sicherheitsrisiko denn die erhoffte Verstärkung.

Vilotics Probleme färbten auf seinen Partner im Abwehrzentrum, Steve von Bergen, ab. Der Nationalverteidiger, in der Vorrunde noch ein ausgesprochen solider Wert, begann ebenfalls zu patzern. Gegen GC beispielsweise verteidigte er konfus und unsicher wie schon lange nicht mehr. Forte kontert die Kritik an von Bergen umgehend: «Auf Stevie lasse ich nichts kommen. An ihm liegt es sicher nicht, dass wir in der Rückrunde derart viele Tore kassiert haben. Schon eher war es die Defensivarbeit der Mittelfeldspieler.»

Erneute Rochade im Zentrum

Fortes Fürsprache für den Abwehrchef ist wenig erstaunlich. In der jetzigen Situation wäre es höchst ungeschickt vom Coach, wenn er einen der ganz wenigen Führungsspieler öffentlich schwächen würde. Er braucht in den verbleibenden vier Runden einen von Bergen, der sein Vertrauen spürt und einigermassen einen freien Kopf hat. Heute Abend gegen den FC Aarau (Anpfiff: 19.45 Uhr) wird der bald 31-jährige Neuenburger zum wiederholten Mal einen neuen Partner zur Seite haben. Entweder ist es der junge Grégory Wüthrich oder der Routinier Christoph Spycher. Sollte Rückkehrer Spycher ins Abwehrzentrum zurückbeordert werden, wird wie schon gegen GC Leonardo Bertone die Scheibenwischer-Funktion im Mittelfeld übernehmen. Anstelle des gesperrten und suspendierten Gonzale Zárate dürfte Josef Martínez zum Einsatz kommen.

Der Bund

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