Die Trouvaille aus dem Problemviertel

Leverkusens Leon Bailey verblüfft mit seinen Toren die Bundesliga. Sein Weg dorthin war unorthodox. Bald dürften Clubs für ihn viel Geld bieten.

Ist Leverkusens grosse Attraktion: Mittelfeldspieler Leon Bailey.

Ist Leverkusens grosse Attraktion: Mittelfeldspieler Leon Bailey. Bild: Keystone

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Lange war es kein berauschender Nachmittag für Leverkusen. Zu uninspiriert war der Auftritt am Sonntag gegen Mainz. Zumindest in der ersten Halbzeit. Dann aber, kurz nach der Pause, kam er und veränderte alles. Mal wieder. Er, das ist Leon Bailey, ein 20-jähriger Jamaikaner, gesegnet mit einer feinen Technik.

Es passierte in der 48. Minute, als er auf der rechten Seite beschleunigte, zur Mitte zog und den Ball aus 22 Metern ins Tor zirkelte. Ein Bailey-Moment. Leverkusen ging in Führung und gewann am Ende 2:0. Und wie so oft in dieser Saison sprachen nach dem Spiel alle nur über ihn, den jungen Bailey.

Acht Tore und fünf Assists gelangen ihm bisher in der Liga. In der Hinrunde war er alle 97 Minuten direkt an einem Tor beteiligt, nur Bayerns Lewandowski und Dortmunds Aubameyang hatten bessere Werte. Bailey pflegt eine Freundschaft mit Jamaikas Sprint-Legende Usain Bolt. Nicht nur deshalb wird ihm auch gerne nachgesagt, dass seine Attribute jenen von Bolt ähneln: Bailey ist auf dem Rasen ein zuverlässiger Entertainer, erfolgreich und pfeilschnell.

Knapp nicht Weltklasse

«Wir laufen alle so schnell, wie wir können, aber Leon ist immer noch ein bisschen schneller», sagt sein Teamkollege Julian Baumgartlinger. Heiko Herrlich, sein Trainer, nennt ihn «eine Waffe mit brutalen Qualitäten». Und Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler findet es besonders bemerkenswert, dass ein Spielertyp wie er nicht egoistisch sei, sondern immer für die Mannschaft arbeite.

Im Bundesliga-Ranking, das der «Kicker» halbjährlich herausgibt, wurde Bailey bei den offensiven Aussenläufern in die zweithöchste Kategorie «Internationale Klasse» gewählt. Das Fachmagazin lobte seine trickreichen, sprintstarken und gedankenschnellen Auftritte und befand, dass nur wenig bis zur Weltklasse fehle. Auch deshalb spricht man in Leverkusen nicht nur darüber, was er bisher leistete, sondern auch darüber, was er in Zukunft leisten wird. Und vor allem wo.

Da steht zum Beispiel noch nicht fest, für welche Nationalmannschaft Bailey dereinst auflaufen wird. Jamaika buhlt schon länger um ihn. Der Jungspund aber soll offenbar lieber für ein europäisches Land spielen wollen. Belgien, das Land, in dem er einen Teil seiner Jugend verbrachte, ist eine Möglichkeit. Eine weitere ist Deutschland.

Auch auf Clubebene wird er vielerlei Optionen haben. Im Fokus steht deshalb auch Sportdirektor Völler, der sein Juwel freilich nicht gerne abgeben will. In einem Interview mit der «Welt» stellte er vor kurzem aber klar, dass es durchaus Schmerzgrenzen gebe. Wo diese liegen, sagt er nicht. Fest steht nur, dass der Transfer einiges mehr als die rund 12 Millionen Euro, die Leverkusen für Bailey an Genk überwies, in die Bayer-Kasse spülen wird.

Mit 14 Jahren in Europa gelandet

Ein Transfer zu einem Topteam wäre das nächste Kapitel einer ungewöhnlichen Biografie, die einst im jamaikanischen Problemviertel Cassava Piece begann. Dort, wo sich Banden gegenseitig jagen, wuchs Leon Bailey auf. Sein Stiefvater und Berater Craig Butler brachte ihn nach Europa, als er 14-jährig war.

Fortan stürmte er für ein Nachwuchsteam eines österreichischen Regionalligisten. In 16 Partien, so erzählt man sich, sollen Bailey 75 Tore gelungen sein. Irgendwann fand Bailey zum belgischen Club aus Genk. Weil der Transfer aber nicht den Fifa-Richtlinien entsprach, wurde der Vertrag widerrufen. Stiefvater Butler, schon in Jamaika als Dubioser aufgefallen, tauchte plötzlich unter.

Bailey war von nun an ein unbegleiteter Minderjähriger und somit illegal im Land. Genk übernahm die Betreuung des Jungen. Etwas später kehrte Butler zurück und gab an, in Mexiko Opfer einer Entführung geworden zu sein. Heute weiss man: eine Lüge. Das belgische Arbeitsministerium schaltete sich ein. Butler reagierte, zog mit Bailey weiter in die Slowakei.

Schwieriger Start in Deutschland

Kaum war das Talent volljährig, kehrte es nach Genk zurück. Dort traf der Junge aus Jamaika regelmässig. Leverkusen wurde aufmerksam. Im Januar 2017 wechselte er in die Bundesliga, Stiefvater Butler liess seine Facebook-Community gar live daran teilhaben, wie Bailey zu den Verhandlungen schritt.

Auf die skurrile Aktion folgten enttäuschende Auftritte auf dem Rasen. Bailey blieb blass. Bis zum Sommer. Bis Heiko Herrlich in Leverkusen übernahm. Seither wirkt der Jamaikaner unbeschwert, zaubert Woche für Woche und ist der Hauptgrund dafür, dass Leverkusen in der Liga gegenwärtig auf dem 2. Platz liegt.

Im Rheinland sagt man sich bereits, dass man die Bayer-Spiele mit Bailey noch geniessen solle. Wenn der 20-Jährige nämlich so weiterzaubert, dürfte es nicht mehr allzu viele davon geben. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.01.2018, 18:31 Uhr

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