«Die Spitze entwickelt sich, der Rest hinkt hinterher»

Tatjana Haenni ist Fifa-Direktorin für Frauenfussball und glaubt, dass die WM in Kanada einen grossen Schub erzeugen wird – trotz Resultaten wie einem 10:0.

Auch bei den WM-Torschützinnen die Nummer 1: Brasiliens Marta. Foto: Keystone

Auch bei den WM-Torschützinnen die Nummer 1: Brasiliens Marta. Foto: Keystone

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Tatjana Haenni, wie zufrieden sind Sie mit den ersten WM-Tagen?
Es gab bislang kaum Zeit, Bilanz zu ziehen. Der Aufwand ist unverändert gross. Gerade die Stadien brauchten Zeit – sie sind ja eher für Football konzipiert. Ein Fifa-Turnier bringt Auflagen mit sich, zudem war für uns wichtig, dass das ­Eröffnungsspiel in Edmonton ausverkauft war, die Stimmung im Stadion und die TV-Produktion stimmten.

Es herrschte prächtiges Wetter, über 53'000 Zuschauer waren im Stadion, und Kanada gewann auch noch durch einen späten Treffer. War es der perfekte Start?
Wir sind so aufs Detail konzentriert, da gibt es immer etwas zu verbessern. Aber was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, sind wir zufrieden. Und für das Turnier war es gut, dass Kanada gewonnen hat. Mir hat es leidgetan für die Chinesinnen – ein Unentschieden wäre möglich ­gewesen. Aber für das Turnier und die Stimmung im Land war der Sieg wichtig.

Waren Sie schon in der Fanzone in Vancouver?
Daran vorbeigefahren bin ich. Aber ich gehe sicher auch noch persönlich hin.

Am Tag der Eröffnung war sie bei Kanada - China sehr gut gefüllt, bei Neuseeland - Holland fast leer.
Das ist eben eine Realität im Frauenfussball – man kann ihn in keinem Bereich mit Männerfussball vergleichen. Ich finde, wir machen einen Schritt in die richtige Richtung, indem wir überhaupt Fanzonen haben. Über das ganze Turnier gerechnet, schauen sich in ganz Kanada Zehntausende die Spiele dort an. Das ist ein Erfolg. Dass die Fanzone nicht jeden Tag vollbesetzt ist, ist nicht so schlimm. Vielleicht kommen mit der Zeit mehr.

Eine leere Fanzone ist bestimmt kein Bild, das Sie gerne sehen.
Nein, und wir müssen unsere Lehren für die Zukunft daraus ziehen. Ist die Fanzone zu gross? Braucht sie jeden Tag ­geöffnet zu sein? Aber: Frauenfussball ist ein Produkt, das sich entwickelt, und irgendwo müssen wir ja beginnen. Risiken eingehen. Man muss ihm eine Chance geben zu wachsen. Ich kann mir vorstellen, dass die Fanzonen in vier Jahren, bei der nächsten WM in Frankreich, jeden Tag voll sein werden.

Wo steht der Frauenfussball heute?
Die führenden Verbände haben sich wahnsinnig entwickelt, weil dort enorm viel investiert wird. Was Trainingsmöglichkeiten und die sonstige Infrastruktur ­angeht, stehen die Frauen den Männern in einigen Ländern in nichts mehr nach. Das wird Auswirkungen haben auf die Clubs – man sieht das in Frankreich am Beispiel Lyon und PSG oder in Deutschland beim VfL Wolfsburg.

Es gibt aber mehrheitlich Kleine – jene Clubs, die sich im Gegensatz zu Lyon keine professionellen Strukturen leisten können. Es gibt ein 10:0 von Deutschland gegen die Elfenbeinküste, ein 6:0 von WM-Neuling Kamerun über Ecuador.
Ja, zwischen der Spitze und den anderen teilnehmenden Teams klafft eine recht grosse Lücke. Die Spitze entwickelt sich, der Rest hinkt hinterher.

Mit Ergebnissen wie einem 10:0 ist dem Frauenfussball nicht geholfen.
Natürlich ist das nicht ideal. Wir wussten aber, dass es für gewisse Teams schwierig werden würde. Bei den Männern gab es vor 30 Jahren auch solche Resultate, kleinere Teams hatten damals auch keine Chance, haben sich im Laufe der Zeit aber angenähert. Das wird im Frauenfussball ebenfalls passieren.

Also war es trotzdem richtig, das Teilnehmerfeld von 16 auf 24 Teams zu erweitern?
Zu hundert Prozent. Auf lange Sicht betrachtet, war es das Risiko wert, solche Resultate in Kauf zu nehmen. Wenn man acht Teams mehr zulässt, hat jeder Kontinentalverband mindestens einen Teilnehmer mehr. Da erkannten plötzlich gewisse Verbände: Jetzt haben wir eine Chance. Also haben sie mehr investiert, sich mehr bemüht, es werden mehr ­Mittel in den Frauenfussball gesteckt.

Zum Beispiel die Schweiz.
Oder Thailand. Allein durch die Qualifikation hat sich in dem Land schon sehr viel bewegt. Klar haben sie hier Mühe, aber im ersten Spiel schlugen sie sich ja achtbar (0:4 gegen Norwegen). Und jetzt können sie daheim sagen: Wollen wir besser werden, brauchen wir mehr ­Unterstützung. Jetzt können Teams wie Thailand die wichtigen Fragen angehen.

Welche sind das?
Wohin wollen wir mit dem Frauenfussball? Wie bringen wir ihn dahin? Wie fördern wir unsere Talente? Wo lassen wir sie spielen? Wo bekommen wir mehr ­finanzielle Unterstützung her? Wie kommen wir ins Fernsehen, in die Medien? Wer nichts tut, ist im Kreislauf gefangen, dass kein Geld und Interesse da ist. Also muss man als Verband irgendwo begingen. Dasselbe gilt für die Vereine.

Erhoffen Sie sich flächendeckend einen Schwung durch diese WM?
Sie wird eine sehr grosse Aufmerksamkeit erhalten und kurzfristig einen Schub auslösen. Wir werden TV-­Zuschauerzahlen haben wie noch nie. Schon während der Frauen-WM 2011 in Deutschland hatten wir insgesamt 500 Millionen TV-Zuschauer, das ist eine riesige Zahl mit grosser Bedeutung. Wir erwarten, dass diese Zahl und auch die Statistiken aus den sozialen Netzwerken diesmal noch höher ausfallen wird.

Den grossen Schritt hatte man schon 2011 in Deutschland erwartet. Wirklich nachhaltig schien diese WM nicht.
Einige haben erwartet, dass nach der WM alle Bundesligaspiele ausverkauft sein werden, doch das war von vornherein eine völlig falsche Annahme. Man kann nicht mit einem Turnier die Welt des Frauenfussballs verändern. Das braucht Zeit, und jeder von uns muss seine Hausaufgaben machen. Ich bin überzeugt, dass diese WM den Frauenfussball als Gesamtprodukt weiter bringen wird. Aber natürlich nicht eins zu eins und nicht in jedem Land gleich.

Was bringt sie in der Schweiz?
Die Aufmerksamkeit der Medien ­momentan ist fantastisch, das habe ich so noch nie erlebt. Das braucht der Frauenfussball, und davon wird etwas hängen bleiben. Schön ist auch, dass der eine oder andere Sponsor eine Kampagne fährt, dadurch werden die Spielerinnen bekannter. Als Team haben sie ja grosses Potenzial, das ist offensichtlich.

Nützt die Aufmerksamkeit auch dem Clubfussball? Er ist ja – noch mehr als das Nationalteam – in einer Nische gefangen.
Auf den Clubfussball hat die WM eher wenige Auswirkungen, auch wenn wir vom FCZ fünf Spielerinnen im Schweizer Kader haben. Direkte Auswirkungen gab es nach der WM 2011 aber auch nicht. Ich hoffe, dass wir wenigstens ein bisschen vom Boom profitieren können und dass der Schweizerische Fussballverband diesen Ball aufnimmt. Er ist jetzt auch gefordert.

Und der FCZ?
Natürlich, auch wir sind gefordert. Aber unsere Mittel sind begrenzt, das limitiert uns. Und wenn wir als FC Zürich fast die Einzigen sind in der Schweiz, die Gas ­geben, dann ist das ungenügend.

Wo sind die grössten Baustellen?
Fakt ist ja, dass die Zahl der lizenzierten Frauen seit ein paar Jahren stagniert. Und ich hoffe, dass man sich beim Verband etwas überlegt hat, den Schwung zu nutzen, um diese Stagnation zu durchbrechen. Wenn das Schweizer Nationalteam schon einmal live im TV zu sehen und in den Medien derart präsent ist und es vielleicht sogar Erfolg hat, ist das der ideale Moment, sich zu überlegen, wie davon zu profitieren wäre. Wie man in der Euphorie wieder mehr Mädchen dazu bringt, Fussball zu spielen.

Sie scheinen skeptisch.
Ich freue mich, wenn etwas kommt, ich bin die Erste, die sich freut, wenn es im Frauenfussball vorwärtsgeht. Aber ich weiss nicht, ob man in der Schweiz die Möglichkeiten ausreichend ausnützt, die diese WM bietet.

Wie sehr wurden die WM-­Vorbereitungen durch die Turbulenzen bei der Fifa gestört?
Überhaupt nicht. Wir haben vier Jahre lang auf dieses Turnier hingearbeitet und sind überzeugt, dass es eine gute ­Sache geben wird.

Bei DerBund.ch/Newsnet stand die These, dass die Frauen die Antwort auf die Sinnkrise sein könnten. Denkbar?
Die These möchte ich nicht kommentieren, aber ich sage seit Jahren: Es wäre wichtig, mehr Frauen im Fussball beschäftigt zu sehen. Dass drei Frauen im Fifa-Exekutivkomitee sind (zwei davon als Beisitzerinnen), ist ein erster Schritt, reicht aber nicht. Wir brauchen Frauen in allen Gremien. Im Zentralvorstand des Schweizerischen Fussballverbandes hat es gar keine Frau, auch keine in den wichtigen Kommissionen. Das ist eine Realität, die weltweit zu sehen ist und der Entwicklung des Frauenfussballs nicht hilft.

Befürworten Sie eine Quote?
Ja. In der Wirtschaft wird davon gesprochen, dass 30 Prozent eine vernünftige Zahl ist, damit ein Team ausgewogen miteinander arbeiten kann. 50 Prozent wären korrekt, das ist klar. Aber es braucht eine Quote, um das Eis zu brechen. Wir brauchen mehr Frauen in den Fussballorganisationen, und der Frauenfussball muss in den Entscheidungs­gremien vertreten sein. Damit würde man schneller etwas bewegen können. Das ist momentan nicht der Fall.

Steht der Fifa einmal eine Frau vor?
Ich halte das nicht für ausgeschlossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2015, 22:28 Uhr

Tatjana Haenni

Fifa und FCZ

Die 49-jährige Bernerin schafft den Spagat zwischen Amateursport und Weltfussball: Sie ist bei der Fifa Direktorin für Frauenfussball, die Verantwortliche für alle Frauenweltmeisterschaften und präsidiert im Nebenamt die Frauensektion des FC Zürich. Zwischen 1979 und 1998 war sie selber Fussballerin, spielte beim FC Bern und beim SV Seebach, der sich später vom Amateurclub loslöste und zum FFC Zürich Seebach wurde. Sie besitzt die Uefa-A-Trainerlizenz. Die gelernte Kauffrau arbeitete in den 80er-Jahren auf der Sportredaktion des «Tages-Anzeigers», später als Programmiererin in der IT-Branche, 1994 kam sie zum Fussball: Sie wurde die Verantwortliche für Frauenfussball bei der Uefa. 1999 kam sie zur Fifa und betätigte sich zunächst an der Entwicklungsarbeit. 2008 übernahm sie die Verantwortung für alle Weltmeisterschaften. (wie)

Marta: Alleinige Rekordtorschützin

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