Die Nummer 2 ist keine Duckmaus

YB-Assistent Harald «Harry» Gämperle ist laut, direkt und fordernd. Doch der wer ihn auf den harten Hund ohne Herz reduziert, tut ihm unrecht.

Führt seine Mannschaft täglich ans Limit: YB-Assistenztrainer Harald Gämperle.

Führt seine Mannschaft täglich ans Limit: YB-Assistenztrainer Harald Gämperle.

(Bild: Keystone Alessandro della Valle)

Ruedi Kunz

Kerzengerade Haltung, schneller Schritt, kein Gramm Fett am ganzen Körper. Trüge Harald Gämperle statt ein rotes ein gelbes T-Shirt, würde er glatt als Spieler durchgehen. Ist er ab längst nicht mehr. 45 ist er im Mai geworden, das vorzeitige Ende der Aktivkarriere liegt 14 Jahre zurück, als er nach dem zweiten Kreuzbandriss kapitulierte und ins Trainermetier einstieg. Die erste Station führte ihn als Assistent dorthin, wo er seit Mitte Juni wieder tätig ist: zum BSC Young Boys. Das war im Jahre 2000. Seither sind Unmengen von Wasser die Aare heruntergeflossen, hat YB zweimal das Stadion gewechselt und einiges öfters den Trainer.

Der aktuelle Chefcoach heisst bekanntlich Uli Forte. Unter dem 39-jährigen Zürcher ist den Bernern einen Start nach Mass gelungen, der sie an die Spitze der Tabelle katapultiert hat (siehe Kasten). Dass es Forte gelungen ist, die Spieler aus der Komfortzone zu locken, ist auch Gämperles Verdienst. Der Assistent redet wie sein Chef Klartext, dirigiert und korrigiert lautstark. Sieht er im Training Dinge, die ihm nicht passen, interveniert er meistens sofort oder gibt die Beobachtungen Forte weiter. Die beiden Männer tauschen sich ohnehin häufig aus – auf und neben dem Trainingsfeld. Forte sei ein sehr kommunikativer und offener Typ, der ihn in Entscheidungsprozesse einbeziehe, so Gämperle, der jeweils auch die Videosequenzen mit Aufnahmen des jeweiligen Gegners zusammenschneidet.

Der Bundesliga-Abstecher

Gämperle kehrte mit einem reichlich gefüllten Rucksack nach Bern zurück. Er verbrachte mehrere Jahre an der Seite von Lucien Favre, zuerst beim FC Zürich (2004–2007), danach bei Hertha BSC Berlin (2007–2009). Mit ihm feierte er mit dem FCZ zwei Meistertitel und einen Cupsieg. Später bei der Hertha lebten sich die beiden Männer menschlich auseinander. Gämperle mag heute zum Thema Lucien Favre nichts mehr sagen. «Die nächste Frage, bitte.»

Der zweifache Familienvater ist einer der wenigen Schweizer, die in der 1. Bundesliga im Coachingbereich gearbeitet haben. Schlecht kann die Arbeit nicht gewesen sein, die er in Berlin abgeliefert hat, sonst wäre die Hertha kaum wieder an ihn herangetreten im vergangenen Winter. Der Klub mit dem 70-Millionen-Euro-Budget bot dem Schweizer die Stelle des Technischen Leiters der Nachwuchsabteilung an. Gämperle fühlte sich geschmeichelt. Dennoch erteilte er den Berlinern eine Absage, weil er sich vor dem «Bürogummi-Leben» fürchtete. «Ich stehe fürs Leben gern auf dem Fussballplatz.»

«Ein Glücksfall für YB»

Seitens YB wird der Rückkehrer mit Lobeshymnen überschüttet. Sportchef Fredy Bickel bezeichnet ihn als besten Assistenten der ganzen Liga. Forte sagt: «Harry ist ein Glücksfall für YB – und für mich.» Sein Erfahrungsschatz sei immens, die Fachkompetenz hoch, die Geradlinigkeit imponierend. «Er gibt mir viele Inputs.» Dem lang gedienten Materialwart Hans Imboden gefällt, wie Gämperle mit seiner Wachsamkeit und fordernden Art die Spieler auf Trab hält. «Ihm entgeht nichts.»

Gämperle treibt nicht nur die Spieler zu Höchstleistungen, sondern auch sich selber. Er ist regelmässig im Kraftraum anzutreffen, geht joggen oder steigt aufs Velo, wenn es die Zeit erlaubt. Seine Fitness ist legendär. Thun-Trainer Urs Fischer erinnert sich an ein Trainingslager mit dem FC Zürich im Engadin, als sein Assistent nach einer rasanten Abfahrt von Corviglia auf St. Moritz hinunter nochmals mit dem Bike den Berg hochfuhr.

Gämperle hat sich zeitlebens nie geschont. Als Profi bei St. Gallen, GC und Xamax legte er Sonderschichten ein, schindete sich an Kraftmaschinen, wenn andere längt die Beine hochlagerten. Mit zeitlichem Abstand beurteilt er das eiserne Stählen des Körpers selbstkritisch: «Ich war damals übertrainiert. Die eine oder andere Pause mehr hätte mir gutgetan.»

Gämperle mag wie ein Asket wirken. Ist er aber nicht. Er esse gerne gut und wisse ein Glas Rotwein durchaus zu schätzen, erzählen Leute, die ihn länger kennen. Hinter der harten Fassade verberge sich ein feinfühliger und herzlicher Mensch mit hoher Sozialkompetenz, so Urs Meier. Der FCZ-Trainer hat als Aktiver bei GC zuweilen mit dem beinharten Aussenverteidiger das Zimmer geteilt.

Für immer Assistent?

YB, Baden, Zürich, Berlin, Zürich, YB: Das sind die Klubs, für die Harald Gämperle seit der Jahrtausendwende als Assistenztrainer gearbeitet hat. Da Gämperle in all den Jahren nur einmal interimistisch das Amt des Cheftrainers bekleidet hat (nach Fischers Entlassung beim FCZ), wird er leicht despektierlich der ewige Assistent genannt. Er selber nimmts mit Humor: «Das ist für mich keine Beleidigung. Ich stehe gerne im zweiten Glied.» Was nicht heissen will, dass der Ostschweizer keine höheren Ambitionen hegt. «Wieso nicht, wenn das Angebot stimmt?» Derzeit holt er nach, was er während der Zusammenarbeit mit Favre nicht konnte: die Lehrgänge, die notwendig sind, um die Uefa-Pro-Lizenz zu erwerben.

Vorderhand muss sich YB nicht sorgen, den Assistenten zu verlieren. Er sei nach Bern zurückgekehrt, um ein Spitzenteam formen zu helfen, erklärt Gämperle. Einen ersten kleinen Schritt hätten sie getan in den letzten Wochen. Nicht mehr und nicht weniger. Das Wichtigste sei es, die Mannschaft täglich ans Limit zu führen. Oder wie es Forte formuliert: «Die Stromstärke muss permanent hoch sein.»

Der Bund

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