Die Lust der Young Boys, Berge zu versetzen

Der starke Auftritt in Rotterdam beim 1:1 gegen Feyenoord ist ein weiterer Beleg für die erstaunliche Entwicklung der Young Boys unter komplizierten Bedingungen. Am Sonntag tritt der FC St. Gallen im Stade de Suisse zum Spitzenkampf an.

Ein Leader in jeder Beziehung: YB-Captain Fabian Lustenberger (rechts) am Donnerstagabend in Rotterdam.

Ein Leader in jeder Beziehung: YB-Captain Fabian Lustenberger (rechts) am Donnerstagabend in Rotterdam. Bild: Tom Bode (EPA)

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Am Donnerstagabend in Rotterdam liess sich trefflich beobachten, welchen Stellenwert sich die Young Boys in den letzten Jahren auch europäisch erarbeitet haben. Das 1:1 bei Feyenoord am vierten Spieltag der Europa League war mehr als nur ein wertvolles Unentschieden.

Es war ein weiteres Zeugnis der Entwicklung dieser Mannschaft, die ungeachtet personeller Riesenveränderungen einen bemerkenswerten Prozess durchläuft – und dabei erheblichen Widerständen trotzt und sich vermutlich selber ab und zu überrascht.

Die vier Beispiele

Zum Beispiel Fabian Lustenberger. Nachdem er beim 2:0 gegen Feyenoord mit einer Bänderverletzung hatte ausgewechselt werden müssen, hiess es, Lustenberger werde einen Monat ausfallen. Zwei Wochen später steht er in Rotterdam in der Startformation und verleiht YB vier Tage nach dem 0:3 in Genf gegen Servette mit Ruhe, Erfahrung, Ballsicherheit sofort wieder Stabilität.

Zum Beispiel Marvin Spielmann. Von Thun wechselt der Offensivspieler im Sommer nach Bern, verletzt sich bald, rutscht in der Hierarchie ab. In Rotterdam wird er am Donnerstag eingewechselt, trifft zum wichtigen Ausgleich, verpasst in der Nachspielzeit zweimal das Siegestor.

Zum Beispiel die Ausfallserie. Das gewaltige YB-Verletzungspech ist ausführlich thematisiert worden. Und doch ist es angemessen, die Leistungen des Meisters angesichts der widrigen Personalumstände besonders zu würdigen. Monatelang fallen mehrere Stammspieler aus, zuletzt meistens wie in Rotterdam sieben Fussballer, manchmal gar acht, und doch lässt sich das stürmische YB weder national noch im Europacup aufhalten.

Zum Beispiel die Ausgangslage in der Europa League. Die Young Boys sind nach vier Spieltagen Leader in der hochattraktiven Gruppe mit den früheren Europacupsiegern und kontinentalen Grössen Porto, Feyenoord und Glasgow Rangers. Das ist aussergewöhnlich, zumal die Berner nicht nur viele Verletzte beklagen, sondern in diesem Jahr auch mehrere international erfahrene Topspieler an ausländische Clubs verloren haben.

Altmeister und Aufsteiger

Es sind vier Beispiele, die belegen, wie hoch YB im Herbst 2019 fliegt. Es läuft dem Club prächtig, sportlich wie wirtschaftlich, das Publikum füllt das Stade de Suisse, auch am Sonntag im Spitzenkampf gegen St. Gallen werden um die 30000 Zuschauer erwartet. Es sind aber auch vier Beispiele, die in direktem Zusammenhang stehen.

Es ist diese Lust, Berge zu versetzen, welche die Young Boys antreibt. Lustenbergers schnelles Comeback steht dafür und für den Willen des Captains, der jungen Mannschaft in dieser komplizierten Situation zu helfen. «Ich machte übers Wochenende erstaunlich rasch Fortschritte», sagt der 31-Jährige. «Und auch die Ärzte erklärten mich für spielbereit.»

Auf die Frage, ob er auch gespielt hätte, wenn die zentralen YB-Aufbauer nicht fast alle ausfallen würden, entgegnet er, man sei kein Risiko eingegangen. «Aber so eine Verletztenserie wie bei uns habe ich noch nie erlebt.» Das Remis in Rotterdam analysiert Lustenberger routiniert, das 1:1 sei verdient, aber es wäre sogar mehr möglich gewesen. «Dennoch ist es ein guter Punkt.»

Marvin Spielmann wiederum steht am Donnerstagabend kurz vor Mitternacht ein paar Minuten später als Lustenberger im Bauch des imposanten Stadions De Kuip in Rotterdam und sagt strahlend, er habe gerade den bisher grössten Match seines Lebens bestritten. «Das war überragend.»

Bei seinem Tor habe er nicht viel überlegt, sondern einfach geschossen, bei seiner Grosschance in der 94. Minute sei er dann leider ein bisschen zu überhastet gewesen. Der 23-Jährige hat nicht wie Lustenberger zwölf Saisons in Deutschland verbracht.

Spielmann steht immer noch am Anfang seiner Karriere, die ihn möglicherweise irgendwann ebenfalls in die Bundesliga bringt. Vorerst ist er mit Schnelligkeit, Spielwitz und Schussstärke einer von mehreren Akteuren bei YB, denen man eine feine Entwicklung zutraut.

Sörensens Wert

Weil die Young Boys mit smartem Management und starkem Scouting auch in dieser Spielzeit ein breites Kader zusammengestellt haben, vermögen sie die prominenten Ausfälle abzufedern. Als sich in der Defensive im Sommer ein Notstand abzeichnete, reagierten die Verantwortlichen etwa mit der leihweisen Verpflichtung von Frederik Sörensen.

Der robuste Däne ist insbesondere in der Europa League wertvoll, an seiner Seite zeigte der junge Cédric Zesiger, letzte Saison Absteiger mit GC, in Rotterdam sein bestes Spiel für YB.

All das führt dazu, dass die Young Boys mit Rückenwind in die letzte Phase der Vorrunde einbiegen. «Wir haben gegen Porto einen Matchball», sagt Lustenberger. «Das ist toll, zumal wir das erste Gruppenspiel in Porto verloren hatten.»

Allerdings zieht der portugiesische Topclub gerade eine eher schwächere Saison ein, darum ist er ja auch für einmal nicht in der Champions League engagiert. Mit den Glasgow Rangers und dem kriselnden Feyenoord wiederum ist YB gemessen an der Qualität ohnehin mindestens auf Augenhöhe.

Lob für St. Gallen

Auf die Young Boys warten bis zur Winterpause noch ein paar stimmungsvolle Veranstaltungen wie vorgestern in Rotterdam. Anfang Dezember etwa in Basel, im letzten Europa-League-Gruppenspiel bei den Rangers im Ibrox, zuerst aber morgen gegen den erstaunlich starken FC St.Gallen, der von ein paar Tausend Anhängern nach Bern begleitet wird. «Das wird ein schönes Spiel», sagt Lustenberger.

Sein Coach Gerardo Seoane lobt das offensiv ausgerichtete St.Gallen («Man sieht die Handschrift von Trainer Peter Zeidler») – sowie die starke Reaktion seines Teams nach der Niederlage in Genf. «Wir sind gut unterwegs», sagt Seoane. Er kann morgen allenfalls wieder auf Guillaume Hoarau und Christopher Martins zählen, beide trainieren mit, könnten aber auch erst nach der dritten Länderspielpause wieder dabei sein.

Am Sonntag wollen sich die Young Boys zum Schluss eines anstrengenden Pensums noch einmal lustvoll präsentieren. Keine 72 Stunden nach dem kräftezehrenden Auftritt in Rotterdam.

So könnte YB gegen St. Gallen spielen: Von Ballmoos; Janko, Sörensen, Zesiger, Garcia; Lustenberger, Aebischer; Ngamaleu, Fassnacht, Spielmann (Assalé); Nsame. – Ohne Lauper, Camara, Sulejmani, Sierro und Gaudino (alle verletzt). – Hoarau und Martins trainieren mit dem Team, sind aber fraglich.

Erstellt: 09.11.2019, 15:06 Uhr

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