Die Hexen fliegen ganz oben

Der Trainer stahl einst Diego Maradona die Show, nun soll notfalls Übernatürliches helfen: Das Märchen von Serie-A-Aufsteiger Benevento.

Helden in Gelb-Rot: Benevento schaffte den Aufstieg von der dritten in die höchste italienische Liga. Foto: Fabio Sasso (Pacific Press)

Helden in Gelb-Rot: Benevento schaffte den Aufstieg von der dritten in die höchste italienische Liga. Foto: Fabio Sasso (Pacific Press)

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Sonnenschirm reiht sich an Liegestuhl, die Händler verkaufen Getränke und Gelati. Es sind Szenen wie am Strand an diesem 31. Juli, einzig das Meer und die kühle Brise fehlen. Stattdessen brennt der Beton, und doch campieren in Benevento bei 30 Grad Hunderte Fans vor dem Stadion, viele schon seit dem Abend zuvor. Sie müssen noch bis 15 Uhr ausharren, bis zum Start des Vorverkaufs und dem grossen Ziel – eine Saisonkarte.

Ausgelöst wurde die Euphorie in der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz der Region Kampanien knapp zwei Monate vorher. Am 8. Juni gewann Benevento das Playoff-Final-Rückspiel gegen Carpi 1:0, Puscas, ein Rumäne aus der Inter-Nachwuchsabteilung, machte den Aufstieg mit seinem Siegtor perfekt. Am Tag darauf ziert Benevento Calcio die Frontseiten aller italienischen Zeitungen: Noch nie ist ein Team von der dritten in die höchste Liga durchmarschiert.

Der Aufstieg und der gleichzeitige Ligaerhalt von Crotone sind Balsam für den ganzen Süden. Zwei Kleinstädte mit je 60'000 Einwohnern widerlegen die landesweit verbreitete These, in der strukturschwachen Region werde eher mit Herz als mit Verstand gearbeitet, und sind nun neben Napoli die Hoffnungsträger Süditaliens. Vor Absteiger Palermo und Bari, weit vor den tief gefallenen Lecce, Reggina und Messina.

12 Monate in einer Zeitmaschine

Die Supporter Beneventos mit Geburtsdatum vor dem Zweiten Weltkrieg mussten sich in den letzten zwölf Monaten vorkommen wie in einer Zeitmaschine. Alles gelang, was vorher 87 Jahre lang missraten war. Seit der Vereinsgründung 1929 war bis 2016 spätestens in den Playoffs zur Serie B Endstation gewesen. Zu den sportlichen Schwierigkeiten kamen finanzielle: 1946 verzichtete man deswegen auf die Promotion in die Serie B, 1989 erfolgte der Zwangsabstieg weg vom Profitum ins «campionato interregionale» – wegen fehlender 80 Millionen Lire, knapp 100 000 Franken. 2005 wurde der Club wegen steuerlicher Unregelmässigkeiten in die Serie C2 verbannt.

Es sollte der letzte Rückschlag bleiben, 2006 übernahmen Ciro und Oreste Vigorito den Club. Die Brüder investierten fortan stetig, mit Fernziel Serie B. Sie ahnten nicht, dass es sogar die Serie A werden sollte. Dies vor allem wegen des Trainers aus Florenz, der im Süden schon einmal einen Grosserfolg gefeiert hat. Marco Baroni war einst ein solider Verteidiger mit Einsätzen in der U-21-­Nationalmannschaft. Kultstatus erreichte der Toskaner aber bei Napoli. Im letzten Spiel der Saison 89/90 erzielte er gegen Lazio per Kopf den Siegtreffer und sicherte damit den zweiten und bis heute letzten Meistertitel. Die Freistossflanke schlug Diego Maradona.

Als Trainer hat der 53-Jährige ein Dutzend Stationen durchlaufen, inklusive der Nachwuchsmannschaft von Juve. Seit einem Jahr betreut er Benevento und lässt so erfolgreichen wie attraktiven Fussball spielen.

Ein Meer in Gelb-Rot

Die Prüfung folgt nun aber erst. Einen Aufstieg zu bestätigen, ist schwierig, zwei fast unmöglich. Vor allem mit so beschränkten Mitteln: Der Transferwert des gesamten Kaders betrug vergangene Saison 21 Millionen Euro, die Spieler verdienten kumuliert weniger als Juve-Stürmer Higuain (7,5). Neu zum Team zählt Berat Djimsiti, der frühere FCZ-Verteidiger ist von Atalanta ausgeliehen.

Zumindest die Spiele in Kampanien aber dürften für das Establishment der Serie A zur Knacknuss werden. Das «Ciro Virgito», umbenannt zu Ehren des verstorbenen Unternehmers, ist ein echtes Fussballstadion mit zwei Ringen und zwei Fankurven. Eine laute Wand in «Gelb-Rot» – Benevento hat die gleichen Clubfarben wie die Roma – wird den Grossen das Leben schwer machen. Und sie hoffen auf übernatürlichen Beistand. «Stregoni» heissen die Spieler, in Anlehnung an die «Stadt der Hexen» (città delle streghe), wie Benevento seit Jahrhunderten auch genannt wird. Eine Hexe fliegt auch quer durch das Vereinslogo.

Einen Vorgeschmack auf die «missione probabilmente impossibile», die vielleicht unmögliche Mission, gabs im Cup mit dem 0:4 gegen Perugia. «Wir müssen schnell die Lehren aus dieser Partie ziehen», sagte Baroni, eine Woche bevor es bei Sampdoria ernst gilt. Der Aufschrei über die Niederlage hielt sich in Grenzen, der Zorn der «Curva Sud» richtet sich gerade gegen die Vereinsleitung. Das Fehlen von Angeboten für Familien wird kritisiert sowie die exorbitanten Preise für Kinder von 0 bis 10 Jahren von bis zu 240 Euro pro Saisonkarte. Schliesslich sollen alle das «Wunder Serie A» erleben dürfen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2017, 23:00 Uhr

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