Die Fukushima-Spielerin

Die Tragödie in ihrer Heimat hat Japans WM-Siegerinnen zu einer besonderen Leistung motiviert. Verteidigerin Aya Sameshima war als Angestellte vom AKW Fukushima direkt von der Katastrophe betroffen.

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Jan Knüsel

«Ich kann es noch gar nicht richtig fassen, ich bin einfach nur glücklich», sagte Aussenverteidigerin Aya Sameshima nach dem dramatischen WM-Final gegen die USA. «Dass ich heute Abend hier stehen kann, habe ich vielen Menschen zu verdanken. Ihnen möchte ich mein Gefühl der Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.» Es waren keine zufällig gewählten Worte des Anstands. Denn Aya Sameshimas Leben wurde durch die Dreifachkatastrophe vom März regelrecht auf den Kopf gestellt.

Bis zum 11. März spielte die heute 24-Jährige für das Spitzenteam der Tepco Mareeze, der Mannschaft des Betreibers vom havarierten AKW Fukushima. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie jeweils morgens als Sekretärin auf dem Gelände des inzwischen zerstörten Kraftwerks. Sameshima hatte zum Zeitpunkt der Katastrophe Glück im Unglück. Sie war mit ihrem Team in einem Trainingslager im Süden des Landes.

Die Selbstzweifel nach dem 11. März

Dennoch bedeutete der Tsunami und der darauf folgende AKW-Unfall das Ende der Tepco Mareeze. Für Fussball gab es keinen Platz mehr in der Krisenregion. Sameshima stand an einem Wendepunkt ihrer Karriere. «Plötzlich gab es mein Team nicht mehr», sagte sie in einem aufwühlenden Fernsehinterview vor der WM. Selbstzweifel plagten sie. Als Tepco-Angestellte hatte man ohnehin schon einen schweren Stand. «Ich fragte mich damals, ob ich überhaupt noch mit Fussball weitermachen soll.» Noch im März kam das Angebot der Boston Breakers aus den USA. Lange haderte sie mit einer Entscheidung, schliesslich sagte sie zu.

In einem E-Mail verabschiedete sie sich mit einem mulmigen Gefühl von ihren Teamkolleginnen. «Es tut mir leid, dass ich unter diesen Umständen wechsle», zitiert die «Asahi Shimbun»die Abschiedsworte von Sameshima, wobei diese besonders bedauerte, ihre Teamkolleginnen zurückzulassen. Sie sollte jedoch nicht die Einzige bleiben, die sich eine neue Fussballheimat suchte. Der Wechsel in die US-Profiliga sicherte Sameshima einen Platz in der WM-Mannschaft. In Deutschland wurde Aya Sameshima zu einer zentralen Teamstütze. In allen sechs Spielen spielte sie durch.

Das Umfeld von Sameshima

Sameshimas Eltern verfolgten das Finalspiel zu Hause in der Stadt Utsunomiya in Tochigi, der Nachbarspräfektur von Fukushima. Mit dabei waren 40 ehemalige Primarschulkameraden von Aya Sameshima. «Ich bin einfach nur glücklich. Nadeshiko hat alles gegen ein starkes US-Team gegeben», erklärte der 55-jährige Vater der «Mainichi Shimbun». «Aya ist unser Stolz!“, ergänzte ein ehemaliger Schulkamerad. «Mein Umfeld hatte mich zum Weitermachen überzeugt. Wegen ihnen habe ich bis zum Ende weitergekämpft», betonte Sameshima im Interview mit «Mainichi Shimbun» nach dem Spiel. Ihnen sei sie am meisten dankbar.

DerBund.ch/Newsnet

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