Der steile Aufstieg des früheren GC-Verteidigers

Die unruhigen Wochen haben sich gelohnt: Moritz Bauer spielt jetzt gegen die Besten – der Einstieg ist ihm gelungen.

Moritz Bauer in der Premier League: «Es ist wie in einem schönen Film.» Foto: Gareth Copley (Getty Images)

Moritz Bauer in der Premier League: «Es ist wie in einem schönen Film.» Foto: Gareth Copley (Getty Images)

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Für einmal ist seine Antwort knapp. Auf die Frage, wie die Stimmung bei seiner Heimpremiere in Stoke gewesen sei, sagt Moritz Bauer nur: «Gänsehaut. Man muss es erlebt haben, um es zu verstehen.» 29'785 Personen waren am Samstag ins Heimstadion gepilgert, gegen Aufsteiger Huddersfield.

Achtzehnter gegen Vierzehnter, keine ideale Ausgangslage für Feinkost. Und doch zogen fast alle am Schluss begeistert von dannen. 2:0 hatten ihre «Potters» gewonnen, das Heimdebüt von Bauer und Trainer Paul Lambert war ein Erfolg.

24-mal mehr Zuschauer

Grössere sportliche Gegensätze als der einstige GC-Verteidiger kann man in kurzer Zeit kaum erleben. Am 9. Dezember bestritt er seine letzte Partie für Rubin Kasan – beim 3:1-Heimsieg gegen SKA Chabarowsk vor 3112 Zuschauern im zu zehn Elfteln leeren WM-Stadion. Am 16. Januar verfolgten 74 726 Fans sein Premier-League-Debüt, beim 0:3 im Old Trafford gegen Manchester United. ­Dazwischen lagen «äusserst unruhige Wochen» und viele Flugmeilen zwischen Moskau, London und Kasan.

Der Wechsel war eine logische Folge seiner Leistungen bei Rubin. In einem Kollektiv, das unter den Erwartungen lag, ragte er heraus. Gerade die letzten sechs Monate seien ein Traum gewesen, bilanziert der Mann, der heute 26 wird: «Praktisch alles ist aufgegangen. Ich fühlte mich so wohl wie noch nie in ­Kasan, dazu kamen die ersten Aufgebote für die Nationalmannschaft und die ersten Länderspiele für Österreich. Gefehlt hat nur die WM-Qualifikation.»

Bereits in der Schlussphase der Vorrunde hatte Bauer von Stokes Interesse erfahren, und weil Kasan Spieler abgeben wollte, schien zuerst alles rasch zu gehen. Weil es aber um den Blondschopf ging, den so unüblichen Ausländer, der sich integrierte und in der Stadt bewegte fast wie ein Einheimischer, den Spieler der Saison mit dem Status eines Fanlieb-lings, gab es plötzlich Widerstand im Umfeld. «So dauerte es länger, als ich ­erwartet hatte.» Erst fünf Tage vor dem Spiel in Manchester stieg er in den ­Trainingsbetrieb ein.

«Ich wollte eigentlich nicht weg, aber wenn die Premier League ruft, muss man nicht lange überlegen.»

Nach 18 Monaten verliess er die Hauptstadt der Republik Tatarstan mit gemischten Gefühlen: «Ich möchte die Zeit um nichts in der Welt missen. Ich wollte eigentlich nicht weg, aber wenn die Premier League ruft, muss man nicht lange überlegen.» Definitiv ist der ­Abschied nicht. Bauer wird im Sommer eine Einladung von Privatleuten wahrnehmen und die WM besuchen. Er kann sich auch eine längerfristige Rückkehr vorstellen: «Ich will nicht ausschliessen, dass ich dereinst arbeitsmässig nach Russland zurückkehre.»

Ruhe kehrte auch am neuen Ort nicht ein. Fünf Stunden nach seiner Unterschrift wurde Mark Hughes entlassen, in Manchester spielte Bauer unter Interimscoach Eddie Niedzwiecki, nun steht Lambert an der Seitenlinie. Wechsel, die eine gewisse Unsicherheit brachten, sagt Bauer: «Mit einem neuen Trainer werden die Karten wieder gemischt.»

Befürchtungen, die sich vorerst als unbegründet erwiesen – sein Start ist mit zwei Einsätzen von Anfang an gelungen. Richtig geniessen konnte er die Premiere im Old Trafford aber nicht: «Alles ging so schnell, die Gedanken jagten sich. Ich musste meine Energien fürs Spiel kanalisieren.» Gegen Huddersfield gab es dann neben dem Erlebnis und den drei Punkten auch sonst Positives: Stoke verliess vorerst die Abstiegszone und spielte erst zum dritten Mal zu null.

Ein Anfang für Bauer, der Lust auf mehr macht. Und der bestätigt, dass er zu Recht schon als Kind von der englischen Liga geträumt habe. «Es ist das Gesamtpaket», schwärmt er, «die Euphorie, das körperbetonte Spiel, man spult viele Kilometer ab. Es wird nicht auf 1:0 und Abwarten gespielt.» Eine Grundeinstellung, die sich sehr von Russland unterscheide: «Dort stand das Resultat über der Leistung. In England aber geht man davon aus, dass es automatisch kommt, wenn die Leistung stimmt.»

Keine Angst, dafür Vorfreude

Die Erwartungen in ihn sind hoch, sein Vertrag läuft bis 2022. Angst, zu versagen, verspürt er nicht: «Eher eine Vorfreude. Es ist, wie wenn man mit den besten Köchen kochen darf.» Regelmässig kommen Gegner aus Europas Spitzenklasse, das gibts sonst nur in der Champions League. In Russland war das Leben neben dem Rasen eine riesige ­Herausforderung, nun geht es darum, die Grenzen auf dem Platz auszuloten. Sehr zur Freude seiner Freunde: «Ich kann sie fragen: Wann wollt ihr mich ­besuchen? Gegen Liverpool, Arsenal oder gegen Chelsea?» Er lacht, er muss sich an die neue Realität gewöhnen.

Zwei, drei Siege könnten reichen, sich vorentscheidend von den Relegationsplätzen zu entfernen, derzeit trennen den Neunten Everton nur acht Punkte vom Tabellenletzten Swansea. «Kick and Rush» sei nicht angesagt, ­erklärt Bauer. «Wir wollen nicht einfach nur den Bus vor dem Tor parkieren und mit langen Bällen Mittelstürmer Peter Crouch suchen. Wir wollen mitspielen», sagt Bauer. Dazu beitragen soll auf rechts die «Schweizer» Achse mit Bauer und Xherdan Shaqiri.

Auch abseits des Platzes ist er angekommen. Lebte er in Kasan im Stadtzentrum, so ist er derzeit in einem «schlossähnlichen Hotel im Nirgendwo» untergebracht. Schafe blöken, abends wird Tee serviert. «Es ist wie in einem schönen Film», sagt er. Und passt damit perfekt ins Leben des Moritz Bauer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2018, 08:05 Uhr

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