Der solide Grund des YB-Abwehrchefs

Steve von Bergen empfindet es auch noch nach 15 Saisons als ein Privileg, Berufsfussballer zu sein.

«Bei mir spielten sich 90 Prozent im Kopf ab»: Steve von Bergen, bekannt und geschätzt für seine überlegte Art.

«Bei mir spielten sich 90 Prozent im Kopf ab»: Steve von Bergen, bekannt und geschätzt für seine überlegte Art.

(Bild: Keystone)

Es gibt erfolgreiche Fussballer, die
laufen latent Gefahr, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Bei Steve von Bergen, Captain des BSC YB, besteht diese Gefahr nicht. Am 10. Juni wird der Neuenburger 32 Jahre alt, seit 15 Jahren verdient er gutes Geld mit Fussball. Er sagt: «Als Fussballer lebst du nicht in der Wirklichkeit. Das heisst, für mich ist es das reelle Leben, aber für die meisten sieht der Alltag ganz anders aus.»

Es sei wichtig, sich dies stets vor
Augen zu führen. Der YB-Abwehrchef hat im Sport schon einiges gesehen. Er spielte für Xamax, Zürich, die Hertha, Cesena, Genua, Palermo und ist seit dem 1. Juli 2013 in Bern unter Vertrag. Der ehemalige Nationalcoach Ottmar Hitzfeld sagt: «Ob ein talentierter Fussballer Karriere macht oder nicht, hängt zu 80 Prozent vom Kopf ab.» Von Bergen ergänzt: «Bei mir spielten sich 90 Prozent im Kopf ab. Bei den Junioren spielte ich mit einigen Kollegen zusammen, die waren fussballerisch besser als ich.» Was er nicht erwähnt, ist die Tatsache, dass all diese Talente den Willen und die
Besessenheit nicht aufbrachten, alles in den Fussball zu investieren, so wie er.

Mit seinen 80 kg und 1,82 m ist Von Bergen in körperlicher Hinsicht kein Fels, kein Abwehrrecke. «Er ist beidfüssig, taktisch clever, das ist seine grosse Stärke», sagt Hitzfeld. Aber für ihn zählen andere Aspekte fast noch mehr. «Auf dem Spielfeld zeigt Von Bergen eine hohe Konzentration, er ist Teamplayer, ein Vorbild für die Jungen und für den Trainer ein pflegeleichter Spieler.»

Bürokrat als Alternative

Von Bergen empfindet es als ein Privileg, Berufsfussballer zu sein. Sein Vertrag bei YB läuft weitere zweieinhalb Jahre. Ob er selbst einmal als Trainer arbeiten werde, weiss er nicht. Zurzeit sei er nicht bereit, darüber nachzudenken. Sein Vater meinte einst mit Schalk in einer Sendung des Westschweizer Fernsehens, sein Sohn wäre wohl «Bürokrat» geworden, hätte es nicht zum Berufsfussballer gereicht. Die KV-Lehre machte er bei der Stadt Neuenburg, und als ihm Xamax im Jahr 2000 mit 17 Jahren den ersten Profivertrag anbot, bestand der Vater auf den Lehrabschluss. Steve hatte keine andere Wahl; da er noch nicht volljährig war, musste sein Vater den Kontrakt mit Xamax unterschreiben.

Der Name Von Bergen hat so gar nicht den Klang eines Neuenburgers, aber
genau das ist Steve von Bergen. «Ich bin mit diesem See, mit dieser Ruhe und mit der familiären Geborgenheit aufgewachsen und jetzt, da ich selbst Familie habe, zog es mich wieder dahin», sagt er. Die Heimatstadt sei beim Entscheid, im Sommer 2013 von Palermo zu den Young Boys zu wechseln, kein unwesentlicher Grund gewesen. Sein Name habe auch nichts mit
einem Adelsgeschlecht zu tun, vielmehr mit den Bergen, scherzt er. «Mein Grossvater zog einst von Meiringen an den Neuenburgersee.» Sein Club des Herzens ist Xamax, das ist die Erinnerung an seine Jugend. Von Bergen wohnt mit seiner Frau und dem dreijährigen Töchterchen Alessia unweit von der Maladière. Jeden Tag fährt er die 35 Minuten mit dem Auto mit Teamkollege Raphaël Nuzzolo nach Bern zu YB – und danach wieder zurück. Und von Bergen hofft natürlich, dass nach dem Konkurs im 2012 sein Xamax nun in die Challenge League zurückkehrt.

Als er 2005 zum FCZ wechselte, hatte der Club schon finanzielle Probleme. «Ich hatte bei Xamax einen neuen
Vierjahresvertrag unterschrieben, aber Xamax brauchte Geld.» Für 450'000 Franken stiess er zu Lucien Favres Team, mit dem er zweimal Meister wurde. Und als Favre Trainer in Berlin wurde, dauerte es zwei Monate, ehe dieser Von Bergen anrief und ihm mitteilte, er brauche ihn sofort. Drei Tage später, erinnert sich Von Bergen, war der Transfer vom FCZ zur Hertha Tatsache.

Hertha schaffte damals Platz 4 in der Bundesliga, danach lief es harzig, Favre wurde entlassen und Von Bergen auf die Ersatzbank verbannt. Als Konsequenz wechselte er im Frühling 2010 zu Cesena, zwei Jahre später zu Genua. «Als ich nach Genua kam, hatte der Verein 106 Spieler unter Vertrag. 32 davon durften danach ins Trainingslager. So sieht der Konkurrenzkampf in Italien aus.»

«Nie im Leben», sagt er, hätte er
gedacht, dass er einst eine derartige Karriere erleben würde. «Ich hatte davon geträumt, aber damit rechnen durfte ich nicht.» Mit dem Nationalteam steht er schon bei 48 Einsätzen, auch der neue Nationalcoach Vladimir Petkovic hatte in der Abwehr zwar einiges ausprobiert, kommt aber nicht an Von Bergen vorbei.

Taubheit – der Nerv ist gekappt

Wenn er mit der Hand über die linke Wange streicht, fühlt er absolut nichts. Der Nerv ist gekappt, die Wange ohne Gefühl. Das ist die Konsequenz des Bruchs des Augenhöhlenbodens, den er im vergangenen Juni an der WM im Spiel gegen Frankreich erlitten hat, nach ­einem unbeabsichtigten Tritt von ­Olivier Giroud. «Ich hatte grosses Glück, dass das Auge intakt blieb. Dafür bin ich dankbar. Ich brauchte aber mit YB eine gewisse Zeit, bis ich die Verletzung
mental verarbeitet hatte.»

Am Sonntag geht es gegen Thun nach dem 1:3 in St. Gallen und zuvor 13 Spielen ohne Niederlage für YB darum, mit einem positiven Resultat zu reagieren. «Wir machen eine gute Saison, sind deutlich stabiler», sagt er. «Aber um Meister zu werden, müsste uns eine
perfekte Saison gelingen. Basel ist eine Maschine, eine Meistermaschine.»

Der Bund

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