Der Vater irrte sich

Kasim Nuhu steht mit YB vor seinem ersten Titelgewinn – und im Sommer vielleicht vor seinem nächsten Transfer. Der vermeintliche Umweg Schweiz ist für ihn zur Überholspur geworden.

Vom Drahtseilakt zum sicheren Wert: Kasim Nuhu hat bei den Young Boys eine steile Entwicklung hinter sich.

Vom Drahtseilakt zum sicheren Wert: Kasim Nuhu hat bei den Young Boys eine steile Entwicklung hinter sich.

(Bild: Raphael Moser)

Es hatte so gar nichts Hierarchisches. Die beiden fielen sich um den Hals, der eine freute sich, dass ihn der andere würdig vertreten hatte, dass ihm alles nach Wunsch geglückt war. Kasim Nuhu (22), Abwehrturm, war am Sonntag nach dem 1:0 von YB gegen Zürich der erste Gratulant von Gregory Wüthrich (22), Verteidigertalent. Gesperrt hatte Nuhu gefehlt, Wüthrich gab den Stellvertreter, doch davon war in diesem Moment nichts zu spüren.

Nuhu aus Kumasi, Ghana, erzählt fröhlich, wie er mit Wüthrich aus dem Steigerhubel, Bümpliz, gerne über die gemeinsamen Wurzeln in Ghana spricht, der Heimat von Nuhu, der Heimat von Wüthrichs Vater. Und irgendwann sagt Nuhu diesen Satz, den wohl jeder Trainer am liebsten in dicken Lettern an die Kabinentür malen würde: «Eigentlich möchte ich mit all meinen Mitspielern gleichzeitig auf dem Feld stehen.»

Gestern, heute, morgen

Die gute Stimmung im Team trägt die Young Boys in diesen Tagen mit zum Titel, und es ist besonders für die jungen, talentierten Fussballer aus Afrika wie Nuhu oder Roger Assalé ein vielversprechender Frühling. YB ist für sie ein Trampolin, es federt sich gerade wunderbar leicht darauf, doch früher oder später wird auch Nuhu einen nächsten, grossen Sprung machen. Nuhu denkt an gestern und heute, er sagt, er denke weniger an morgen. An Kumasi in Ghana, wo er aufgewachsen ist und an die Winkelriedstrasse im Breitenrain, wo er wohnt. Aber nicht an Liverpool, Chelsea, Tottenham.

Es wäre keine Überraschung, würde Nuhu nach seinem Höhenflug mit YB schon im Sommer zu einem Verein dieser Grössenordnung wechseln. Nach seiner Ankunft im Sommer 2016 und ersten, noch zaghafteren Einsätzen hat er sich auf diese Saison hin zur idealen Ergänzung von Abwehrchef Steve von Bergen entwickelt. Dass der 1,90 Meter grosse Hüne ein herausragender Kopfballspieler ist, mag weniger überraschen – dass er dagegen über herausragende spielerische Anlagen verfügt, hingegen schon. «Er fängt immer etwas an mit dem Ball», sagt sein Trainer Adi Hütter über ihn, «und mit der Routine, die in dieser Saison hinzugekommen ist, hat er auch enorm an Ruhe gewonnen.»

Es gab in dieser Saison schon Momente, die einen Abgang von Kasim Nuhu bereits im Winter zum Thema machten. Im August in der Qualifikation zur Champions League gegen ZSKA Moskau etwa war Nuhu der beste Mann auf dem Platz, er spielte überragend, nahezu perfekt. Und überlistete in der 93. Minute seinen eigenen Torwart David von Ballmoos mit einer kuriosen Kopfballrückgabe zum 0:1 ins eigene Tor. Moskau buchte den Auswärtstreffer, im Rückspiel war YB zu keiner Reaktion mehr fähig. Doch schon damals bestach der junge Nuhu durch seine Lockerheit, analysierte den Lapsus erst seriös und erzählte dann lachend, was ihn aus seiner Heimat deswegen alles für Reaktionen erreichten.

Dribblings als letzter Mann, abenteuerliche Ausflüge, Distanzschüsse – Spiele mit Nuhu waren gerade in seinen Anfängen bei YB immer auch ein Drahtseilakt. Heute sagt er: «Damals haben mich alle aufgerichtet. Es gab keinen einzigen Vorwurf deswegen. Das war ein gutes Gefühl.» Das Missgeschick hatte seine Tragweite, aber bestimmt war es für Nuhu auch eine Art Umbruch in seiner Geschichte bei YB. «Das hat ihn mit geformt», sagt Hütter.

Brüche gab es in der Geschichte von Kasim Nuhu schon früher. Als Jugendlicher verbot ihm sein Vater, es wie sein älterer Bruder Ahmed auch mit Fussball zu versuchen. Nuhu, der jüngere, trainierte heimlich – und stellte dann mit 16 Jahren seinen Vater vor vollendete Tatsachen: Umzug in eine andere Stadt, alles auf die Karte Fussball. Das ging auf, Nuhu schaffte den Sprung nach Spanien, zu Leganés, und von dort weiter zu Mallorca.

«Ein Traum von mir», sagt Nuhu über die Primera Division, der er so, in der zweiten spanischen Liga, ein bisschen näher kam und die er als Kind immer im Fernsehen verfolgte. Genauso wie eine argentinische Telenovela, «keine Ahnung, warum die bei uns lief», aber wohl deswegen lief es Nuhu mit Spanisch auf Anhieb ziemlich leicht. Zu nur sechs Einsätzen kam Nuhu, einmal erzielte er gegen die zweite Mannschaft von Barcelona zwei Tore.

«Bald, aber noch nicht jetzt»

Schliesslich landete Kasim Nuhu in Bern. «Ich wusste nichts über den Verein, die Stadt. Und jetzt bin ich so glücklich hier.» Am Anfang stand ein Leihvertrag, vergangenes Jahr hat er einen Kontrakt bis 2021 unterschrieben. Vierjahresverträge sind eine riskante Wette im modernen Fussball, für die Young Boys könnte sie sich mit einer zweistelligen Millionenablöse im Sommer massiv lohnen.

Und für Kasim Nuhu wird der vermeintliche Umweg womöglich zur rasanten Überholspur. Mit YB steht er vor seinem ersten Titelgewinn – «die Juniorentrophäe aus Ghana zähle ich jetzt mal nicht dazu». Dann will Nuhu auch an morgen denken. «Bald, aber noch nicht jetzt», sagt er lachend.

Der Bund

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