Der Ruefer der Nation

Schweiz-Portugal ist das Spiel des Jahres – auch für Kommentator Sascha Ruefer. Der Mann polarisiert, weil er nicht anders kann.

Die Schweiz trifft, und Sascha Ruefer wird laut: Steve Zubers Tor gegen Ungarn. Quelle: SRF.

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Der Mann ärgert Menschen, und er braucht dafür nur zwei Dinge: ein Fussballspiel und ein Mikrofon. Sascha Ruefer ist Sportreporter beim SRF und kommentiert die Spiele der Nationalmannschaft.

Ruefer wird von seinen Kollegen als netter Typ bezeichnet, aber auch als einer, der gerne mal in der dritten Person von sich redet. Und einer, der ein Problem hat: Er hat sich in jungen Jahren einen Ruf erarbeitet, den er kaum mehr los wird.

Der 45-Jährige sitzt im St.-Jakob-Park, es sind noch zwei Stunden bis zum Anpfiff gegen Ungarn. Er trinkt eine Flasche Vitamin Well Reload mit Magnesium- und Zinkzusätzen, die Schnupfdose ist für den Notfall in der Tasche. Ruefer büschelt die Kärtchen zu den Spielern und macht den Toncheck.

So sieht Ruefers Arbeitsplatz aus: Bildschirm, Laptop, Spielertäfelchen, Getränk.

Ein paar Augenblicke später steht SRF-Chef Ruedi Matter mit einer Delegation vor ihm, Ruefer steht auf und hält spontan einen minutenlangen Monolog («Guten Abend miteinander ...»), als hätte ihm jemand die Abspieltaste auf der Stirn gedrückt. Er gibt eine Vorschau über das Spiel, er erzählt, dass er mit einem Schiedsrichter verbunden sei, der ihm in strittigen Situationen helfe. Er erklärt, dass ein Assistent neben ihm sitze und taktische Hinweise gebe, aber auch mal sagt: «Sascha, du redest zu viel.»

Seine Kritiker schreien laut

Das Reden. Seine Kernkompetenz und zugleich auch Grund, dass er derart polarisiert. Er unterhält – er ist witzig – er nervt – abschalten! Wen man auch fragt, zu Ruefer gibt es eine Meinung. Ruefer geht davon aus, dass seine Kritiker lauter schreien als seine Befürworter. Und Befürworter gibt es. Sei es am Schwingfest oder am Flughafen, immer wieder wird der Grenchner um ein Foto gebeten – auch an diesem Abend in Basel kommen die Leute auf ihn zu. Ruefer ist populär, er hält 1.-August-Reden, er sagt von sich, er sei mehrheitsfähig.

Sascha Ruefer auf der Pressetribüne beim Spiel Schweiz gegen Ungarn. Quelle: Keystone.

Die deutsche Sprache kennt über 5 Millionen Wörter, bei Ruefer hat man manchmal das Gefühl, er müsse alle während eines einzigen Abends benutzen. Mit seinem Stil hat er sich immer wieder schöne Sträusse neuer Probleme gepflückt, Drohungen landeten in seinem Briefkasten, das Internet ist voll mit nicht sehr netten Dingen – der «Blick» bis hin zur NZZ haben Verrisse geschrieben. Es ist zum Sport geworden, Kommentatoren zu zersägen. Ruefer sagt, er habe aufgehört zu lesen, was die Zuschauer über ihn schreiben. Selbst kritische Berichte würden ihn heute nicht mehr kümmern. Journalistenkollegen hingegen erzählen, dass sich Ruefer tagelang über negative Artikel aufregen könne.

Ruefers Charakter ist eine Mischung aus Eitelkeit und Koketterie. Auf die Anfrage zu diesem Porträt schreibt er per SMS: «Welch’ Ehre.» Und: «Ich erröte.»

Mit Hammer und Hobel

Ruefer pflegt ein interessantes Verhältnis zur Sprache; er ist nicht blass wie viele seiner SRF-Kollegen, er ist kein Phrasendrescher wie Dani Kern («sich die Butter vom Brot nehmen lassen»), sondern derjenige, der sich an der Sprache und ihren Bildern versucht. In seinem Sprachbaukasten hat es Pinzette und Feile, meist braucht er aber beim Sätzezimmern Hammer und Hobel. Nicht immer geht das gut.

Das weiss er. «Der Ruefer hat viele No-gos gemacht», sagt er. Er hat ältere Menschen als «Corega-Tabs-Fraktion» bezeichnet. Er hat die Fernsehbühne für die eigene Sache missbraucht. Er hat früher Bayern-Spiele mit Bayern-Trikot unter dem Pullover kommentiert.

Der selbstkritische Ruefer sagt zur damaligen Zeit: «Wenn du zum Fernsehen gehst, dann siehst du dich über die Showtreppe gehen, du findest dich der Geilste. So war ich mit 25.» Es folgte ein Prozess, der ihn wegen schlechter Leistungen beim SRF für ein paar Tage den Job kostete, er war der Stammtischpolterer unter den Kommentatoren. Ruefer will sich ändern, nimmt einen Coach, arbeitet an sich. Wollte er früher mit seiner Originalität auffallen, versucht er es heute mehr mit Inhalt. Das funktioniert oft, aber nicht immer. Als könne Ruefer partout nicht normal sein, als sei das Normalsein ein Käfig, aus dem er immer wieder in die radebrechende Originalität ausbrechen müsste.

Strenge Eltern und ein Revoluzzer

Ruefer hatte strenge Eltern, wuchs als Ältester von vier Kindern auf, wiederholte im Gymnasium zweimal die Klasse und fiel durch seine Unangepasstheit auf. In einem Interview sprach er einmal von sich als Revoluzzer. Vielleicht mag das ein Grund für seine Art vor dem Mikrofon sein, vielleicht ist das aber auch eine allzu banale Psychologisierung.

Man wird den Eindruck nicht los, dass Ruefer im Fernsehen seine ganz eigenen Spuren hinterlassen will, ein Markenzeichen gar. Er gab dem Spieler Haris Seferovic den Beinamen «Der Mann aus Sursee» und wird seither nicht müde, dies bei jedem Spiel zu wiederholen. Ruefer wohnt in der Nachbarsgemeinde Schenkon. An diesem Abend bleibt der Mann aus Sursee aber im Baukasten. Ruefer kann also auch verzichten. Und, so sagt er: Er versuche nicht mehr, eine langweilige Partie spannend zu machen. «Ists öde, dann sage ich das auch.» Das klang kürzlich beim Spiel Sion gegen YB so: «Das Spiel ist im Moment etwa so wie mein Frühstück heute Morgen; hab gestern meinen Zopf nicht abgedeckt, das Brot war hart, und auch diese Kost ist hart zu kauen.»

Er jubelt bei Toren

Für Ruefer ist Fussball nur ein Spiel. Hat er aber ein Mikrofon vor sich, geht es um alles – so tönt das jedenfalls vor dem TV. In Wirklichkeit verhält sich Ruefer auf seinem Stuhl eher gelassen, er kommentiert mit den Ellbogen auf dem Tisch, die Hände zusammengefaltet, den Körper nach vorne gebeugt, als würde er gerade beim Kaffee seiner Frau von der vergangenen Woche erzählen.

Ruefer ist ein Kommentator, der die Nationalhymne mitsingt und bei Toren jubelt. Manchmal mit einem Nicken, manchmal mit einer Faust oder mit gemächlich zu Himmel gereckten Armen. Legt man dann die Tonspur darüber, erschrickt man beinahe vor dem, was einem da akustisch entgegenschallt: «Zu­beeeeeeeeeeeer. Dreiiiiiiiii. Zuuu. Nuuuuulllll.»

Das ist der neue Ruefer: Er kann heute einem Spiel Pausen schenken, seine Analysen haben Substanz, wilde Kalauer sind aus seinen Sätzen verschwunden, doch wehe, es geschehen Dinge wie ein Tor, dann, du lieber Uhu!, dann explodiert gleichwohl der Ruefer – und klingt wieder wie der Alte.

Steven Zuber trifft, und Sascha Ruefer wird laut. Quelle: SRF.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2017, 20:47 Uhr

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