Der Präsident sagt: «Die Zeit ist gut, um zu gehen»

Peter Gilliéron war als SFV-Präsident der Verwalter, nicht der Macher. Nach zehn erfolgreichen Jahren tritt er ab – und bedauert dabei nur die Vorgänge rund um die letzte WM.

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Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Als Peter Gilliéron mit 80:20 Stimmen zum Präsidenten des Schweizerischen Fussballverbandes gewählt wurde, schrieb die «SonntagsZeitung» von einem «Kantersieg». Der «SonntagsBlick» mokierte sich über den früheren Juristen der Käseunion: «Peter Gilliéron, welch ein Käse!» Zehn Jahre später geht Gilliéron wieder. Am Samstag wählt die Delegiertenversammlung seinen Nachfolger. Und er sagt: «Das war es. Die Zeit ist gut, um zu gehen.»

Es ist ein Tag Anfang Mai, als er in seinem Verbandsbüro in Muri bei Bern sitzt, es ist ein Büro, wie es zu ihm passt. Ein Stehpult, weil das seinem Rücken seit einer Bandscheibenoperation besser bekommt, ein kleiner Tisch für ein Gespräch, mehr ist da nicht. Bei Sepp Blatter war das früher anders, da sah in der Fifa schon ein Fauteuil viel teurer aus als bei Gilliéron die ganze Einrichtung.

Gilliéron kennt den Glamour im Fussball, die Kongresse von Fifa und Uefa, die Reisen zu Champions-League-Finals und an Weltmeisterschaften. Nie hat er den Eindruck gemacht, als würde ihn das beeindrucken oder gar verändern. Er ist immer ein unprätentiöser Berner Fussballfunktionär geblieben. Auch wenn es im ersten Moment nicht danach tönen mag: Es ist als Kompliment gemeint.

Verwalter statt Macher

«Evolution statt Revolution» war Gilliérons Motto, als er vor zehn Jahren gewählt wurde, er ist ihm immer treu geblieben. Er war nie das, was als Macher ­bezeichnet wird, er diktierte nie Schlagzeilen, weil er das nicht wollte. Er war ein Verwalter. Und als Verwalter war er sehr gut.

Während 15 Jahren war Gilliéron beim Verband als Generalsekretär tätig gewesen, bevor er sich in der Präsidentenwahl gegen den einstigen SBB-Chef Benedikt Weibel durchsetzte. In seiner Zeit ist der Verband gewachsen, der Umsatz stieg von gut 40 auf über 70 Millionen, die Zahl der Lizenzierten von 250 000 auf 284 000. Vor allem hat es immer Erfolge gegeben. Die Schweiz verpasste seit 2009 nur eine von fünf Endrunden, die EM 2012. Dreimal stand sie zuletzt im Achtelfinal. Zugabe waren der WM-Titel der U-17 in seinem ersten Jahr als Präsident sowie erstmalige WM- und EM-Teilnahmen der Frauen.

«Es war eine gute, eine supergute, eine fruchtbare Zeit», sagt er heute. «Es ist schön gewesen.» Seit zwei Wochen ist er 66, er kann sich in eine neue Situation hineinversetzen. Ein neuer ­Lebensabschnitt kommt. Was war, wird er nicht vermissen. So sagt er das alles, so rational ist er. Er hat genossen, was er machte. Aber ihm war immer bewusst, dass es irgendwann zu Ende ist: «Ein ‹Törli› geht zu, und ein ­anderes geht auf.»

Schon vor zwei Jahren wollte er aufhören. Er liess sich trotzdem zum Weitermachen überreden. Letzten August entschied er dann, dass er diesen Mai für ­keine weitere Amtszeit mehr kandidieren will. Er hatte zuvor Gedanken gewälzt, sofort aufzuhören. «Why not?», fragte er sich. Aber dann spürte er, dass er intern noch immer genug Rückhalt hat, und blieb.

Das war während dieser Zeit, in der im Land so viele Emotionen hochkochten und vieles drunter und drüber ging, weil auf einmal eine halbe Nation oder mehr eine Meinung zum Fussball und zum Verhalten von ein paar jungen Männern hatte. Das war wegen Russland, der WM im ­vergangenen Sommer.

Abgehärtet gegen Kritik

«Was ich bedaure», sagt Peter Gilliéron, «das ist Russland. Wenn es einen besseren Abschluss gegeben hätte ...»

Die Schweiz stand im Achtelfinal gegen Schweden, das Spiel ist für Gilliéron eine «Sch…-Erinnerung», sch wie schlecht, weil die Leistung der Mannschaft so trostlos war wie das Resultat. «Mit einem Sieg wäre diese ­ganze Geschichte ein Häufchen Asche gewesen», denkt er.

Diese Geschichte: um die Doppeladler eben; um das Interview wegen Doppelbürgern, das der damalige Generalsekretär Alex Miescher gab; um den Rücktritt von Valon Behrami, der wegen der Neuausrichtung von Coach Vladimir Petkovic überhitzt reagierte. «Es kam immer etwas dazu», sagt Gilliéron. Der «Blick» als Zentralorgan der kochenden Volksseele forderte: «Treten Sie ab, Herr Petkovic!» Und einen Tag später Richtung Präsident: «Herr Heusler, übernehmen Sie!»

Über die Jahre hat Gilliéron gelernt, mit Kritik umzugehen. Er ist abgehärtet worden. Nicht dass sie ihm nichts ausgemacht hätte. Denn so locker, wie er in seinem Büro daherredet, hat er sie nicht immer genommen. Das gibt er zu. Aber wenn es um Petkovic geht: Zu ihm ist er immer gestanden, obschon die Kritik am Coach im Zusammenhang mit der WM heftig anschwoll. Vom ersten Tag an hat er die Sozialkompetenz von Petkovic geschätzt, bis heute ist er überzeugt, Petkovic passe mit seinem Hintergrund perfekt zur Mentalität dieser Spieler. «Ich habe nie das Gefühl gehabt, er sei nicht mehr tragbar», sagt Gilliéron, auch nach der WM nicht, trotz ­aller Vorwürfe wegen dessen zweifelhafter Kommunikation.

Gilliéron hatte seine Überzeugungen. Es brauchte viel, um ihn davon abzubringen. Das war schon bei Ottmar Hitzfeld so gewesen, als er ihm mitten im Tief des Frühjahrs 2011 den Vertrag um zwei Jahre verlängerte. Er widersetzte sich damit nicht zuletzt der Kritik aus der Swiss Football League, denn er ist immer der Meinung gewesen, ein Verband sei kein Verein, der nach ein paar Niederlagen den Trainer hinauswirft. Hitzfeld zahlte das Vertrauen zurück, indem er die Mannschaft an der WM 2014 in den Achtelfinal gegen Argentinien führte – zu einem der emotionalen Höhepunkte in Gilliérons Laufbahn als Funktionär.

Die Trennung von Miescher

Mit Russland verbunden ist auch einer der Entscheide, die ihm sehr schwer fielen. Das war die Trennung von Alex Miescher als Generalsekretär. Mit ihm bildete er ein Paar, das perfekt harmonierte: hier der Präsident, der nicht das Machtstreben anderer Präsidenten pflegte, dort der Generalsekretär, der mehr General als Sekretär war.

«Mir tat es weh, dass er ging», sagt Gilliéron heute. Die Formulierung passt zu ihm: Er will nicht, dass es heisst, sein alter Weggefährte sei wegen des streitbaren Interviews vom letzten Sommer zum Abschied gezwungen worden. Vielleicht ist das eine Form der Wiedergutmachung, weil Gilliéron die Möglichkeit verpasste, das Interview zu verhindern. Auch er las es vorab auf dem Rückflug von der WM nach Zürich. Aber er liess es durchgehen. Dabei hätte er doch den Sprengsatz erkennen müssen, der darin verborgen lag.

Die schlimmste Zeit für ihn war aber nicht Russland, das war der Fall Sion 2011. Der Verband befand sich zwischen zwei Mühlsteinen: Zum einen war da die Fifa, die ihn dazu zwang, Sion wegen Transfervergehen 36 Punkte abzuziehen. Und zum anderen Christian Constantin, der gegen alle Instanzen wütete und sich letzten Endes verrannte.

Die letzte Bestätigung

Als Präsident hat er immer seine Prinzipien gehabt. So hat er das auch bei der Suche nach dem neuen Manager fürs Nationalteam gehalten. Der Auftrag an die Basler Berater Bernhard Heusler und Georg Heitz hiess: Überprüft die Strukturen rund um die Nationalmannschaft. Als die Swiss Football League, die Abteilung des Profifussballs, eine Ausdehnung der Kompetenzen des Managers auf alle U-Teams wollte, widersetzte sich Gilliéron. «Wenn wir schon eine Untersuchung in Auftrag geben, halten wir uns an deren Resultate», erklärt er. «Gehen wir Schritt für Schritt voran.» Getreu seinem alten Motto: Evolution statt Revolution.

Am Samstag also wird sein Nachfolger gewählt. Dann hat er noch einen letzten Höhepunkt: Das ist das Final Four der Nations League Anfang Juni in Portugal mit der Schweiz. Es ist seine jüngste Bestätigung, als Präsident vieles richtig gemacht zu haben. Am 21. Juni hat er seinen letzten Tag im Amt. «Danach ist mein Plan, keine Pläne zu haben», sagt er.

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