Der Herbst der Fussball-Diktatoren

Champions-League-Final in Madrid: Die Zeit der Fussball-Trainer Louis van Gaal und José Mourinho läuft ab.

José Mourinho (l.), Louis van Gaal: Machtmenschen mit Erfolg im Fussball.

José Mourinho (l.), Louis van Gaal: Machtmenschen mit Erfolg im Fussball.

(Bild: Keystone)

Sie halten sich für die Grössten ihrer Zunft, sie sind von der Macht besessen, selbstverliebt, stur, knorrig. Und sie haben eben mit ihren Klubs das Double von Meisterschaft und Cup gefeiert. Am Samstag spielen sie in der Champions League um die Krone des europäischen Klubfussballs: Louis van Gaal (58) mit Bayern München, José Mourinho (47) mit Inter Mailand. Ende der Neunzigerjahre arbeiteten die beiden Trainer beim FC Barcelona als Cheftrainer und Assistent zusammen, was die «Süddeutsche Zeitung» dazu veranlasste, das bevorstehende Endspiel von Madrid folgendermassen zusammenzufassen: Gott gegen Gottes Sohn.

Bayern gegen Inter, das ist zwar Schweinsteiger gegen Milito, Robben gegen Eto’o, Olic gegen Sneijder. Doch die wahren Stars des Abends sitzen tatsächlich auf der Bank: der Niederländer Van Gaal und der Portugiese Mourinho. Mit ihnen feiern die Diktatoren an der Linie einen kaum erwarteten Siegeszug.

Überliefert ist, dass Louis van Gaal nicht bloss Aufstellung und Taktik bestimmt, sondern auch die Farbe der Socken unter dem Trainingsanzug, die Reihenfolge beim Essenfassen, die Sitzordnung, jedes Detail eben. Gleiches gilt für Mourinho. Nur dringt ihm zusätzlich noch die Arroganz aus jeder Pore.

Selbstverliebte Jungmillionäre

Was zur Frage führt, warum es ausgerechnet solchen Machtmenschen gelingt, aus einem Haufen selbstverliebter Jungmillionäre ein funktionierendes Team zu schaffen.

In einem Interview behauptete Louis van Gaal selbstherrlich, seine Regeln beim Münchner Traditionsklub seien gar nicht so eng gefasst. «Jeder kann sich darin mit einer eigenen Identität bewegen.»

Doch die Regeln sind eng. Sehr eng. Und jeder bei den Bayern wird das bestätigen, weil sie für jeden gelten. Auch für den Teamarzt, den Trainerassistenten, für alle eben. Vielleicht aber, und damit zurück zur Frage, ist bei den kickenden Ich-AGs einfach die Einsicht gereift, dass aus Individuen, die zu viel dürfen, leicht eine Mannschaft wird, die insgesamt zu wenig kann.

Die Seele des Fussballs

Oder dann haben die trainerschen Restriktionen die Spieler deshalb beflügelt, weil die Einschränkung im Prinzip die Seele des Fussballs ist, weil die viel gepriesene fussballerische Freiheit ohne Einengung nicht möglich wäre. Verglichen mit anderen Sportarten ist der Kick auf dem Rasen nämlich überaus restringiert, weil man die Hände, des Menschen wichtigste und am besten ausgebildete Werkzeuge, nicht benutzen darf.

Gerade diese Beschränkung ermöglicht es aber den Spielern, neue Fertigkeiten zu entwickeln; das Hochgeschwindigkeitsdribbling etwa, den Kopfball, die Ballannahme, den Flankenball, den Schuss mit dem Aussenrist. Wer solche Fertigkeiten perfektioniert, der hat die Freiheit, sich an den üppig gefüllten Futtertrögen der Fussballwelt satt zu essen.

Alles nur Zufall

Wahrscheinlich ist die Antwort auf die oben gestellte Frage eine ganz einfache: Es ist Zufall. Nicht mehr und nicht weniger. Van Gaal und Mourinho sind zwar Seelenverwandte und Diktatoren an der Linie. Und sie sind siegreich. Aber dieser Erfolg steht nicht für ein eigentliches Revival der Trainer-Diktatoren, wie es «Die Zeit» vermutet, er steht nicht für eine generelle Rückkehr der «Führungsfiguren alter Schule». Denn Van Gaal und Mourinho hatten schon immer Erfolg, an jeder Trainerstation.

Doch längerfristig taugt ihr Führungsmodell eben nicht. Ganz einfach deshalb, weil sich eine solche auf Autorität basierende Zusammenarbeit rasch abnutzt. Und weil die Spieler nur so lange ein entspanntes Verhältnis haben zu Diktat und Einschränkung, als sie ihnen Erfolg und Wohlstand bringen.

Deshalb sei folgende Prognose erlaubt: Van Gaal und Mourinho können ihren Spielern in München und Mailand noch einige Befehle verkaufen, bis diese sich verkauft fühlen. Nach ein, spätestens zwei Jahren wird genau das jedoch der Fall sein.

Tages-Anzeiger

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