Der Botschafter, der Fantasien weckt

Der Ägypter Mohamed Salah vom FC Basel ist ein 21-Jähriger ohne Selbstzweifel.

Mohamed Salah: «Ich bin kein Ersatzspieler.»

Mohamed Salah: «Ich bin kein Ersatzspieler.» Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Und jetzt sitzt er da, weit weg von daheim, obwohl er doch gar nie wegwollte. Mit Fussball Geld verdienen, das war in der Jugend schon der Plan, aber nicht in der Fremde, sondern in Ägypten, am liebsten in Kairo. Bis der Tag kam, an dem er fortzog aus seiner vertrauten Umgebung. Und sich sein Leben veränderte.

Mohamed Salah hat einen Kaffee vor sich. Und es geht ihm gut, das lässt er sich ansehen, ein spitzbübisches Lächeln blitzt immer wieder auf im Gesicht. Er sagt: «Es ist fantastisch in Basel.»

Die Geschichte hat ihren Ursprung in Tanta, 100 Kilometer nördlich von Kairo. Salah wuchs wohlbehütet auf, der Vater Verwaltungsangestellter eines Spitals; die Mutter Hausfrau, die sich um die drei Kinder kümmerte. Mohamed interessierte sich schon früh nur für eines: Fussball. Er spielte in den Strassen, schwärmte für Real Madrid, fand Zinédine Zidane besonders gut, auch Ronaldo. So wie sie wollte Salah auch werden.

Die Sorgen der Mutter und der Rolls-Royce für Basel

Mit 14 Jahren begann er, in die Hauptstadt zu pendeln, sass täglich stundenlang im Bus: Am Morgen fuhr er hin, trainierte, fuhr wieder zurück, die Schule erledigte er nebenbei. Und die Mutter machte sich Sorgen, weil sie Mohamed kaum noch sah. «Es war eine schwierige Zeit für sie», sagt Salah, «wenn ich am Abend nach Hause kam, musste ich schlafen, und am anderen Tag ging es früh wieder los.» Als sein jüngerer Bruder auch Lust zeigte, in Kairo Fussballer zu werden, untersagten es ihm die Eltern. «Sie wollten nicht noch einmal das Gleiche mitmachen wie bei mir», sagt Salah und grinst.

Bei den Arab Contractors beschleunigte er seinen Aufstieg. Bei seinem Debüt mit 17 war er der Jüngste, der jemals in der Liga gespielt hatte, und das hohe Tempo behielt er bei. An der U-20-WM 2011 in Kolumbien fiel er allen Beobachtern auf, darunter auch dem Scout des FC Basel.

Als in Ägypten Anfang Februar 2012 nach verheerenden Ausschreitungen im Stadion von Port Said mit 74 Todesopfern der Spielbetrieb eingestellt wurde, trainierte Salah nur noch mit der Olympia-Auswahl. Und der Zufall wollte es, dass die Ägypter für ein Testspiel nach Basel kamen. Für Salah ging der Aufenthalt in die Verlängerung: Eine Woche blieb er im Probetraining und empfahl sich für einen Vertrag.

An Ostern 2012 flog Sportdirektor Georg Heitz mit ausgearbeitetem Vierjahresvertrag nach Kairo im Glauben, den Vertretern von Arab Contractors einen Höflichkeitsbesuch abzustatten. Bis er dem hartnäckigen Präsidenten Sherif Habib gegenübersass und zu hören bekam: «Wenn Sie einen Rolls-Royce kaufen wollen, müssen Sie auch den Preis für einen Rolls-Royce bezahlen.» Bei zwei Millionen Euro einigten sich die Parteien.

Die Angewöhnung an die neue Umgebung

Der 21-jährige Salah benötigte Zeit, um sich an die neue Welt zu gewöhnen und fand eine Stütze in Pascal Naef, der sich beim FCB um die ausländischen Spieler kümmert. «Ohne ihn wäre ich verloren gewesen», sagt der Ägypter. Inzwischen findet sich Salah problemlos zurecht, und beruhigt ist auch die Mutter, seit sie sich bei einem Besuch im Februar ein Bild davon gemacht hat, wie der Sohn ohne sie sein Leben meistert.

Er verständigt sich mit gutem Englisch und versteht ein paar Brocken Deutsch. Er lebt in der Stadt, weil es ihm auf dem Land zu ruhig gewesen wäre, setzt sich mit Freunden gern in Cafés, telefoniert täglich mindestens einmal mit seinen Eltern, kocht zu Hause heimische Gerichte, schlendert gern den Rhein entlang, fährt oft mit dem Tram ins Training und kennt, so sagt er das, «jeden Araber in Basel». Und als strenggläubiger Muslim besucht er die Moschee. Fünfmal täglich betet er und hält die Regeln der Fastenzeit strikt ein, selbst an Matchtagen. Wichtig ist ihm auch soziales Denken. Er unterstützt Angehörige in der Heimat, «Leute, die Hilfe benötigen. Ich gebe das Geld weiter, solange ich lebe.»

Salah versteht sich auch als Botschafter Ägyptens und fühlt sich verpflichtet, immer gut zu spielen. Er stammt aus einem zerrissenen Land, das von einer tiefen Regierungskrise geplagt wird, das gezeichnet ist von schweren Unruhen und politischen Spannungen. Natürlich beschäftigt ihn das, aber er belässt es dabei: «Ich hoffe, es wird bald wieder besser.»

Vorbilder sein

Nächste Woche reist er nach Ägypten, um sich mit dem Nationalteam auf die Fortsetzung der WM-Ausscheidung vorzubereiten. Die WM 2014 ist der Traum, und Salah ist Teil einer Gruppe, auf die Coach Bob Bradley «wahnsinnig stolz ist». Für den Amerikaner ist die Auswahl das beste Beispiel dafür, wie man trotz unterschiedlichen Meinungen miteinander umgehen kann. «Nicht alle bei uns haben die gleiche politische Gesinnung», sagt er, «aber jeder hat Respekt für den anderen.» Und: «Wir können zwar nicht die Probleme lösen, aber Vorbilder sein.»

In Bradleys Plänen gehört Salah zu den wichtigsten Elementen: «Er kann den Unterschied ausmachen, und er ist neben dem Platz ein demütiger, kluger Mann, der an Reife gewonnen hat, seit er in Basel spielt. Bei uns ist er einer der ganz Grossen.» Salah kann sich in Ägypten kaum mehr bewegen, ohne sofort belagert zu werden. Bradley empfiehlt ihm, nichts zu überstürzen: «In Basel ist er sehr gut aufgehoben. Er soll sein erstes Jahr bestätigen, bevor er an einen Wechsel denkt.»

«Ich muss auf dem Feld sein»

Mit seiner Fähigkeit, zu beschleunigen und den Gegner so zu überfordern, ist er zu einer unumstrittenen Attraktion der Super League geworden. «Er weckt Fantasien», sagt Basels Präsident Bernhard Heusler, «Spieler wie er sind Grund genug, um ins Stadion zu gehen.» Als «klassischen Wettkampftyp» bezeichnet ihn sein Trainer Murat Yakin, der sich einzig «mehr Konstanz» in den Leistungen wünscht. Salah, sagt Yakin auch, sei ein Mensch, den man mit seiner unbekümmerten, schlitzohrigen Art einfach mögen müsse. Heitz hebt seinen Witz hervor, aber auch die emotionale Seite, die zum Vorschein kommt, wenn er eine hochkarätige Chance vergibt: «Dann sitzt er wie ein Häufchen Elend in der Kabine.»

Vorbei ist es mit der guten Laune auch, wenn Yakin ihn auf die Bank setzt. Salah kennt Selbstzweifel so wenig wie Nervosität. Wie sagt er, als der Kaffee getrunken ist? «Ich muss auf dem Feld sein. Ich bin kein Ersatzspieler.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.09.2013, 12:51 Uhr

Artikel zum Thema

Basler Sternstunde dank Salah

Der FCB steht mit eineinhalb Beinen in der Champions League. Der Schweizer Meister gewann das Playoff-Hinspiel gegen Ludogorez Rasgrad in Sofia 4:2. Mehr...

Salah und Elneny reisen nach Israel

Fussball Die beiden Ägypter Mohamed Salah und Mohamed Elneny werden dem FC Basel am Dienstag im Champions-League-Qualifikationsspiel bei Maccabi Tel Aviv zur Verfügung stehen. Mehr...

FCB: Wirbel um zwei Ägypter

Noch immer ist nicht klar, ob Mohamed Elneny und Mohamed Salah am Montag nach Israel reisen werden. Weil noch keine Entscheidung getroffen wurde, wird die Geschichte weiter aufgeheizt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Blogs

Zum Runden Leder Ein Mann für alle Fälle

Blog: Never Mind the Markets Die Heuchelei der G-20

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...