Den langen Kampf verloren

Ein mehrfacher Beinbruch hat die Karriere des YB-Spielers Josh Simpson vorzeitig beendet. Die Liebe zum Fussball haben die vielen Schmerzen nicht zerstören können. Bald drückt der Kanadier wieder die Schulbank.

Fussballerisch hat Bern Josh Simpson kein Glück gebracht.

Fussballerisch hat Bern Josh Simpson kein Glück gebracht.

(Bild: Adrian Moser)

Ruedi Kunz

Josh Simpson? Hat der nicht mal bei YB gespielt? Ja, wenn auch nur knapp vier Monate. Im Januar 2012 stattete YB Simpson mit einem Dreieinhalbjahresvertrag aus, nachdem sich der damalige Trainer Christian Gross für seine Verpflichtung stark gemacht hatte. Am 23. Mai des gleichen Jahres beendete ein schwerer Unfall abrupt die Karriere des 44-fachen kanadischen Internationalen. Nach einem wuchtigen Kopfballduell mit Basel-Verteidiger Markus Steinhöfer knickte Simpsons linker Fuss bei der Landung ein, Schien- und Wadenbein brachen entzwei. Mehrfach. Was folgte, war eine schier unendliche Odyssee mit weit über 2000 Stunden Physiotherapie, vier grossen Operationen und mindestens einem halben Dutzend kleineren Eingriffen. Ganz zu schweigen von den unzähligen Stunden des Schmerzes.

«Im Moment machen mir Schwellungen zu schaffen, die von Durchblutungsstörungen herrühren», erzählt Simpson wenige Tage, bevor sich der verhängnisvolle Luftkampf mit Steinhöfer zum dritten Mal jährt. Immerhin sind die Schmerzen einiges erträglicher, seit er Ende Feb­ruar den Nagel entfernen liess, der vom Knie bis zum Fussgelenk hinunter reichte. «Ich kann wieder leicht joggen.» Der Nagel wurde im Februar 2014 eingesetzt, weil es Komplikationen gegeben hatte mit der 25 Zentimeter langen Platte, die den Heilungsprozess hätte unterstützen sollen. «Die Knochen wuchsen nicht richtig zusammen, weil die Platte zu fix befestigt war», so Simpson.

Der Kanadier hat etliche Rückschläge erlitten während der Rehabilitationszeit, deren Ende noch nicht absehbar ist. Lebensfreude, Optimismus und Familie haben ihm geholfen, mentale Krisen zu überwinden. «Mein Leben hat nicht pausiert. Ich habe das Heranwachsen meiner beiden Töchter und des Sohnes so intensiv mitbekommen wie kaum ein anderer meiner Berufskollegen.» Bevor er in die Schweiz gekommen sei, habe er mehr als die Hälfte seiner Nächte in Hotelbetten verbracht.

Lust nach Nahrung für den Kopf

Simpson hat die lange Zwangspause genutzt, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern und die Schweizer Staatsbürgerschaft zu beantragen. Ermutigt zu diesem Schritt hat ihn seine Grossmutter, die vor bald 60 Jahren in Begleitung ihres Mannes der Schweiz den Rücken kehrte und sich in Kanada niederliess. Seit Januar 2014 sind Simpson und seine Kinder im Besitz des Schweizer Passes, noch etwas länger warten muss seine Frau Davannah. Ein Indiz, dass sich die Familie in der Schweiz wohl fühlt. «Wir haben vor, länger in der Schweiz zu bleiben», bestätigt der Doppelbürger. Ab Herbst wird er an der Berner Fachhochschule das Finanzwirtschaftsstudium wieder aufnehmen, welches er vor über einem Jahrzehnt in Portland nach dem Grundstudium abgebrochen hat. «Ich bin sehr glücklich, kann ich den Bachelor hier in Bern machen.» Simpson war es immer wichtig, Körper und Geist Nahrung zuzuführen. «Sich mit etwas anderem als Fussball zu beschäftigen, hat mir geholfen, den Kopf frei zu kriegen.»

YB verbunden geblieben

So fern die Rückkehr in den regulären Trainingsbetrieb immer sein mochte: Simpsons Verbindung zu YB ist recht eng geblieben, auch als er im letzten Sommer im Einvernehmen mit Sportchef Fredy Bickel offiziell von der Kaderliste gestrichen wurde. Alexander Gerndt, Scott Sutter und Michael Silberbauer sind wichtige Bezugspersonen geblieben. Auch zu Alexander Farnerud, der vor zwei Jahren zum FC Turin wechselte, ist der Kontakt geblieben.

Bei den Heimspielen ist Simpson schon seit längerer Zeit praktisch immer zugegen, «obwohl es manchmal hart ist». Den Steigerungslauf, den YB in dieser Saison hingelegt hat, führt er auf die Präsenz von Hoarau und die starke zentrale Achse Von Bergen/Vilotic/Sanogo zurück. Was brauchen die Berner, um einen weiteren Schritt vorwärts zu machen? «Einen Spielmacher mit dem Persönlichkeitsprofil eines Steve von Bergen und eines Guillaume Hoarau», sagt Simpson. Beschlossene Sache ist, dass er auch nach Vertragsende regelmässig auf der Tribüne sitzen wird. «Ich habe bei Bickel schon zwei Karten reserviert.»

Die schweren Verletzungen mögen Simpsons Karriere vorzeitig beendet haben – den Fussballvirus haben sie nicht besiegen können. «Das Kapitel Fussball ist für mich nicht abgeschlossen.» Er will das Aufbautraining unter Anleitung des Physiotherapeuten Nicolai Loboda so lange fortsetzen, bis er wieder schmerzfrei einen Ball treten kann. Irgendwann gedenkt der Nordamerikaner eine höhere Trainerlizenz zu erwerben. Und den Gedanken, eines Tages im Management eines Major-League-Soccer-Klubs tätig zu sein, findet er «nicht abwegig».

Der Bund

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