Demütigung für Bayern und Tuchels Prophezeiung

Der deutsche Rekordmeister befindet sich in einer ungewohnten Situation, und Thomas Tuchel zieht Parallelen zu England.

Das hält Fussball-Deutschland vom neuen Leader RB Leipzig. Video: Tamedia/AFP.
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Es ist noch später Freitagabend, als Ralph Hasenhüttl aus Leverkusen meldet: «Die Stimme ist schon weg. Sorry. Aber es war einfach geil!» Mit dem Aufsteiger aus Leipzig hat er als Trainer eben 3:2 gewonnen und den FC Bayern von der Tabellenspitze verdrängt. Zumindest einmal für eine Nacht.

Seit dem Samstagabend weiss er, dass aus dieser Nacht eine ganze Woche wird, weil die Bayern in Dortmund 0:1 verloren haben. Die Bullen vor den Bayern und den Borussen - so ist das im Moment in der Bundesliga, und das ist gut so für eine Liga, die an der Dominanz der Münchner zu ersticken drohte. «Ist doch schön», sagt auch Philipp Lahm, «das haben sich doch alle gewünscht.» Nur sagt er es mit schnippischem Unterton. Was verständlich ist: Lahm ist Captain eines Münchner Vereins, für den schon ein Unentschieden eine Demütigung ist, geschweige denn eine Niederlage oder der Verlust der Tabellenführung.

Sechs Jahre liegt es zurück, dass die Münchner zuletzt nach elf Runden nicht ganz vorne lagen, unter Louis van Gaal waren sie damals gar nur Zehnter. Unter Pep Guardiola entwickelten sie in den letzten drei Saisons schliesslich diese Überlegenheit, die gar nur noch eine Frage zuliess: Wer wird Zweiter?

Ganz viele Fragen

Auf Guardiola folgte Carlo Ancelotti, auf den Zuchtmeister der Lebemensch, und plötzlich hiess es, der Italiener habe die Fesseln seines Vorgängers gelöst. Dumm nur für alle, die das behaupteten, dass es unter ihm selbst gegen Abstiegsanwärter wie Ingolstadt und Hamburg nur magere Siege abwarf. Und jetzt das: dieses 0:1 in Dortmund, gescheitert an einem Gegner voller schwarz-gelber Hingabe, gescheitert vielleicht auch an dessen System, ganz sicher aber auch an der eigenen Verwundbarkeit und der eigenen Schwäche in der Offensive.

Am Ende bleibt von den stolzen Bayern nur ein trostloses Häuflein von vier Spielern übrig, das sich in der Kurve von den angereisten Fans verabschiedet. Dafür gibt es ganz viele und gleich ganz viele grundsätzliche Fragen, wie immer, wenn sie einmal verloren haben: Sind sie zu alt oder überspielt? Haben sie den Umbruch verpasst? Was ist mit Müller, mit Lewandowski, mit Ribéry? Wieso die vielen Verletzten?

Angst vor Langeweile

Die Geschlagenen selbst packen sich in Watte. «Ich bin zufrieden mit der Leistung», sagt Ancelotti; «nur der letzte Pass hat gefehlt», diagnostiziert Lahm; «wir haben ein gutes Spiel hingelegt», behauptet Mats Hummels, der frühere Dortmunder Captain, und auch: «Wenn das gleiche Spiel 1:0 für uns ausgeht, beschwert sich auch keiner.» Das nun ist eine mutige Wertung, weil es die Bayern in 90 Minuten auf eine einzige gefährliche Aktion bringen, einen Lattenschuss von Xabi Alonso - Dortmund dagegen allein durch Pierre-Emerick Aubameyang auf drei grosse Chancen kommt.

In über 200 Länder wird das Spiel übertragen, das Werbung für die Liga machen soll, 81 360 Zuschauer sind im Stadion, dreimal mehr hatten es sein wollen. Die Stimmung auf den Tribünen ist elektrisierend. Nur eines fehlt: dass die Vorstände beider Vereine Giftpfeile aufeinander abschiessen. «Inzwischen fliegen Amors Pfeile», sagt der Münchner Vorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. Während der Dortmunder Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke Beschwerden aus dem Umfeld meldet, er werfe nur noch mit Wattebäuschchen. Die «Bild»-Zeitung, das Zentralorgan deutscher Fussballbefindlichkeit, fragt deshalb: «Was sieht die Welt? Eine echte Fussballschlacht? Oder einen harmonischen Langweiler?»

Zum Glück ist es weder das eine noch das andere, es ist einfach ein Fussballspiel, das packt, das spannend ist, das von seiner Intensität lebt, von seiner Bedeutung und seinem Prestige. Dortmunds Trainer Thomas Tuchel entwirft für seine Mannschaft ein neues System, um dem Gegner zu trotzen. Es besteht aus einer Dreierkette, zwei offensiven Mittelfeldspielern (Götze, Schürrle) und zwei Sturmspitzen (Aubameyang, Ramos) und einem Aufruf Tuchels. Denn der sagt: «Wer mit den Bayern in den Ring steigt, kann nicht erwarten, ohne blaues Auge rauszukommen. Du musst immer stehen bleiben.»

Bürki fällt mit Handbruch aus

Seine Spieler entwickeln gleich ein horrendes Tempo, gehen durch Aubameyang nach elf Minuten in Führung, drängen weiter den Gegner zurück, und als der sich nach einer halben Stunde nach vorne orientiert, werfen sie alles dagegen, was sie zu bieten haben. Das beginnt bei Aubameyang und Ramos, die den Auftrag haben, Bayerns überragende Spielmacher in der Abwehr, Boateng und Hummels, ihrer Wirkung zu berauben. Die Dortmunder zeigen die Robustheit, die ihnen zu Beginn der Saison gefehlt hat - zu der Zeit, als Tuchel nach den Abgängen von Ilkay Gündogan, Henrik Mkhytarian und vor allem von Hummels lamentierte, seine Spieler würden zu oft unfair behandelt. Inzwischen wählt er nicht nur die Boxersprache, sondern sagt auch mit breiter Brust: «Wir sind Dortmund. Wir spielen daheim. Wir wollen gewinnen.»

Roman Bürki ist kaum gefordert. So gut arbeiten seine Teamkollegen, allen voran der griechische Haudegen Sokratis. Einmal fängt er eine Flanke von Lahm spektakulär fliegend ab. Alonsos Lattenschuss schaut er verblüfft, aber erleichtert hinterher. Sonst strahlt er die Ruhe aus, die ein Torhüter in diesem Umfeld besitzen muss. Trotzdem ist er letztlich der Pechvogel. Tags darauf stellt sich heraus, dass er bei seiner Flugeinlage einen Handbruch erlitten hat - und bis im Januar ausfällt.

Leipzig neues Leicester?

Drei Punkte liegt die Borussia nun hinter den Bayern, drei statt der möglichen neun, die für Tuchel «furchtbar» gewesen wären. Die Bayern wiederum liegen drei hinter Leipzig - jene Bayern, deren Chef Rummenigge dieser Tage grosszügig erklärt hat: «Dortmund ist noch immer unser Konkurrent Nummer 1.»

Nach dem Spiel wird Tuchel gefragt: «Leipzig ist Leader. Ist die Bundesliga verrückt geworden?» Tuchel widerspricht, sagt, so verrückt finde er sie gar nicht, erinnert an den aussergewöhnlichen Triumph von Leicester City letzte Saison und sagt: «Leipzig kann den gleichen Weg gehen. Wenn ich sein Spiel sehe, seinen Einsatz, dann ist das möglich.» Spät abends meldet sich Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick via «ZDF-Sportstudio» zu Wort. Der Kopf des Leipziger Projekts sagt: «Es ist höchst unwahrscheinlich, dass es passiert.» Es: dass seine Mannschaft Meister wird.

DerBund.ch/Newsnet

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