«Dass ich wieder spiele, 
ist wie ein Geschenk»

Die YB Frauen starten mit einer neuen Torhüterin in die zweite Saisonhälfte. 
Die ehemalige Nationalspielerin Jennifer Oehrli gibt nach einer fast nicht enden wollenden Verletzungspause ihr Comeback.

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Ein paar Wochen würde das dauern, zwei Monate vielleicht. Ein gebrochener Arm ist kein Genickbruch, nur eine Frage der Zeit, drei Monate höchstens, mehr nicht. Dann würde Jennifer Oehrli wieder auf dem Platz und nach etwas Aufbau auch im Tor der Nationalmannschaft stehen, die ohnehin eine grosse Zukunft vor sich hatte. Oehrli würde ein Teil davon sein, das schien sicher. So sicher, dass die Torhüterin in der Zwischenzeit einen Vertrag beim Bundesligisten BV Cloppenburg unterschrieb. Mit 24 Jahren hatte Jennifer Oehrli ihre Ziele erreicht: Nationalgoalie, Ausland­enga­gement. So dachte man, als sich Oehrlis linker Unterarmknochen in einem Freundschaftsspiel auf Zypern in zwei Teile spaltete. Das war vor zwei Jahren. Seither hat Oehrli kein Spiel mehr bestritten.

Vier Operationen, ein Ziel

Bis jetzt: Die YB Frauen haben Oehrli für den Rest der Meisterschaft engagiert. Nach Zollbrück, Worb, Zuchwil, Thun, Basel und dem BV Cloppenburg, für den sie nie gespielt hat, ist YB der siebte Verein der Bernerin. Hier will sie wieder zu der athletischen, selbstbewussten Torhüterin werden, die sie einmal war. Aber nicht zur gleichen Person: «Ich habe gelernt, auf mich zu hören und nicht mehr alles dem Massstab Leistung unterzuordnen», sagt sie. «Es mag seltsam klingen, aber die ganze Geschichte hat mir etwas gebracht, ich bin gereift.»

Die ganze Geschichte, das sind insgesamt vier Operationen, nachdem der Arm schlecht zusammenwuchs, wieder brach, die Befürchtung, ihn nie mehr richtig bewegen zu können oder ganz zu verlieren. Das ist die Angst um die Zukunft ohne Sicherheit, weil der Fussball für Frauen kein Beruf ist, das ist Oehrlis Zweifel an den Ärzten und an der Versicherung, die sie hängen liess, der Verband, über den Oehrli nicht sprechen will – mit Ausnahme des Nationalteams, dessen Staff sich immer um sie gesorgt habe und ihr jetzt die Chance geben wird, vielleicht doch noch an die Weltmeisterschaft mitzureisen, für die sich die Schweiz in der Zwischenzeit qualifiziert hat.

Doch Oehrli bleibt gelassen: «Natürlich wäre es schön, nach Kanada zu fahren, das war immer mein Ziel. Aber ich nehme es, wie es kommt. Andere Dinge sind in meinem Leben wichtig geworden. Dass ich überhaupt wieder spielen kann, ist wie ein Geschenk für mich. Ich freue mich sehr darüber.»

Mit Hilfe einer Stiftung hat sie sich aus den finanziellen und beruflichen Nöten befreit und ein sportwissenschaftliches Studium aufgenommen. Geduld, Optimismus und die Bereitschaft, von zu viel eigenem Ehrgeiz und zu viel Kontrolle durch andere Abschied zu nehmen, haben Oehrli vorangebracht.

Wie ein zusätzlicher Coach

Wo Oehrli sportlich steht, ist schwer einzuschätzen. Das Torhüten sei ein bisschen wie Fahrradfahren, man verlerne es nicht, sagt sie, das Auge für lange Bälle fehle ihr noch, und mit dem Ball am Fuss ist sie manchmal unsicher. Trainiert hat sie während der langen Pause, so gut es ging, körperlich glaubt sie sich auf der Höhe. In den Testspielen zeigte Oehrli Präsenz und dirigierte ihre Vorderleute eindringlich. Ein bisschen wirkte es, als stünde ein zusätzlicher Coach auf dem Feld. Für das junge Team der YB Frauen sind ihre Erfahrung und Seriosität ein Gewinn.

Man steckt im Abstiegskampf. Fünf Spiele noch, dann wissen die Bernerinnen, ob sie sich erstmals seit der Einführung des neuen Modus nicht für die Finalrunde qualifiziert haben werden. Möglich, dass Oehrli in diesen entscheidenden Partien im Berner Tor stehen wird. Dana Scherrer, mit der sie um die Nummer 1 hätte wetteifern sollen, ist angeschlagen. Freuen könne sie sich da­rü­ber nicht, sagt Oehrli. Sie weiss, wie es ist, abseits zu stehen.

Der Bund

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