«Das sind keine Fans – das sind Rowdys»

Psychologe Thomas Spielmann zu den Pfiffen gegen Stürmer Haris Seferovic und zu Zuschauern, die er nicht als Fans bezeichnen will.

«Die Pfiffe sind sehr, sehr frech»: So reagieren die Schweizer Nationalspieler nach dem Spiel gegen Nordirland. Video: Fabian Sanginés.

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Trotz aller Freude über die vierte WM-Qualifikation in Folge: Sie wird gedämpft durch die Pfiffe gegen Stürmer Haris Seferovic. Der ehemalige Psychotherapeut und psychologische Berater Thomas Spielmann hat jahrelang mit Hochleistungssportlern zusammengearbeitet und erklärt, wie sich die Pfiffe auf einen Spieler auswirken können und wie er damit am besten umgehen kann.

Die Pfiffe gegen Haris Seferovic. Video: Tamedia/SRF

Thomas Spielmann, was könnte jetzt im Kopf von Haris Seferovic vorgehen?
Etwas Ähnliches wie damals bei Alex Frei. Er fühlt wohl eine unglaublich tiefe Enttäuschung, fühlt sich ungerecht behandelt und ausgestossen.

Wie schwierig ist es für Seferovic, in dieser ganzen Euphorie mit den Pfiffen umzugehen?
Das ist sehr schwierig für einen Spieler. Wie gesagt: Die Ansätze sind ähnlich wie bei Alex Frei. Dann kommt es auf die Person an: Je ernster jemand ist, desto Radikaleres passiert, desto mehr zieht man sich in ein Schneckenhaus zurück, lebt sein eigenes Leben und grenzt sich ab. Je mehr man aber in aller Ruhe die Zusammenhänge sieht, kommt man gestärkt daraus hervor.

Der erfahrene Psychologe Thomas Spielmann. Bild: www.spielmann-psy.ch

Was kann Seferovic jetzt selbst tun, um aus diesem Loch herauszukommen?
Seferovic braucht jetzt Leute in seinem privaten Umfeld, die mit ihm auf einer Metaebene die Situation analysieren, die ihm Zusammenhänge erklären und ihm klarmachen, dass es dabei gar nicht um ihn geht, sondern vor allem um die Position, auf der er spielt. Es war nicht die ganze Schweiz, die gepfiffen hat, sondern ein Teil der Zuschauer. Es geht auch nicht nur um Sport, sondern um gesellschaftliche Zusammenhänge.

Inwiefern?
Viele Zuschauer konnten sich nicht damit abfinden, dass da ein kleines Land wie Nordirland kommt und auf diesem tiefen Boden einen grossen Kampf lieferte. Sie dachten: «Wir sollten doch dieses kleine Land sein.» Die Eigenschaften der Nordiren waren etwas, was dieser Teil der Zuschauer für die Schweiz gepachtet haben wollte. Sie wollten das kleine Land im Zentrum der Welt sein, das den Grossen Widerstand bietet. Dann kam eine Mannschaft mit tieferem fussballerischem Wert und leistete eben diesen Widerstand. Das hielten einige nicht aus.

War Seferovic so etwas wie ein Sündenbock?
Natürlich, die Leute suchten einen Sündenbock. Wir hatten da auch schon andere. Als Sündenbock bietet sich meistens ein Stürmer oder ein Goalie an, weil es die entscheidenden Figuren auf dem Platz sind. Hier muss man auch klar definieren, wer ein Fan ist und wer nicht. Ein Fan ist einer, der vorbehaltlos positiv hinter etwas steht. Leute, die einen Spieler auspfeifen, der sein Leben lang alles gegeben hat, um genau dort zu sein, wo er jetzt ist, und der in jedem Spiel alles gibt … Das sind keine Fans, das sind Rowdys.

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64.6%

Damit muss ein Profi umgehen können.

 
22.2%

Er hat nicht gut gespielt und so die Quittung erhalten.

 
13.2%

5087 Stimmen


Also können die «richtigen» Fans Seferovic nun weiterhelfen?
Auf jeden Fall! Viele Zuschauer stehen jetzt an einem Scheideweg: Sollen sie beim nächsten Spiel auch Radau machen und pfeifen, oder sollen sie den Spieler nun umso mehr anfeuern und ihm helfen, wieder in die Spur zu kommen? Die richtigen Fans sind – abgesehen vom privaten Umfeld des Spielers – die, die ihm am meisten helfen können. Für die anderen müssen wir einen anderen Begriff finden.

Was kann Trainer Vladimir Petkovic nun machen?
Er hat schon getan, was zu tun war. Er hat ihn getröstet. Und er muss Seferovic jetzt auch dazu bringen, nach vorn zu schauen, ihm sagen: «Das, was ich von dir wollte, hast du gebracht. Du bist gerannt und hast alles gegeben, jetzt musst du nach Lissabon schauen und dir dort überlegen, was du jeden Tag besser machen könntest.»

Und die Teamkollegen? Können die Seferovic helfen?
Die machen das sowieso! Ein wichtiger Mann ist dabei Valon Behrami, andere sind Stephan Lichtsteiner und Granit Xhaka, sie sind die Führungsspieler. Die Mannschaft ist eine Einheit, das ist klar ersichtlich. Das war nicht immer so, heute ist die Schweiz nicht mehr der Underdog, die Spieler stehen zusammen, die Identifikation ist anders als früher.

Viele Spieler standen nach dem Spiel vor die Mikrofone, Seferovic nicht. Eine richtige Entscheidung?
Absolut! Alles andere wäre wohl kontraproduktiv gewesen. Dem Spieler musste in diesem Fall klargemacht werden, dass niemand das Recht hatte, ihn «emotional in Unterhosen» zu sehen. Nicht nur der Trainer, sondern auch der ganze Staff hat hier gute Arbeit geleistet. Sie haben ihm kurze und bündige Anweisungen gegeben: «Sag nichts, fokussiere dich auf den Bus, dann wenn dich niemand mehr sieht, kannst du fluchen oder lachen, wie du willst.»

Könnte es dadurch, dass sich Spieler gegen einen Teil der Zuschauer gestellt haben, einen Graben zwischen Fans und Mannschaft geben?
Zwischen den richtigen Fans und der Mannschaft wird dadurch kein Graben entstehen. Wenn die Spieler sagen, dass sie mit den Pfiffen nichts zu tun haben wollen, kann es einen geben, aber es ist richtig, dass sich die Spieler von solchen Zuschauern distanzieren.

Kann Seferovics Geste bei der Auswechslung das Ganze noch angeheizt haben?
Ich sah die Geste in erster Linie nicht als Provokation, sondern als Zeichen, um sich Respekt einzufordern. Die Geste war verständlich und im Rahmen, es war ja kein Stinkefinger.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2017, 11:22 Uhr

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