Porträt

Das Leiden des eleganten Serben

YB-Verteidiger Milan Vilotic kämpft mit einer hartnäckigen Bänderverletzung im Fussgelenk. Das hinderte den teuren Neuzuzug bisher daran, die hohen Erwartungen des neuen Arbeitgebers und der Fans zu erfüllen.

Neuzugang: Milan Vilotic will bei YB ganz vorne mitspielen.

Neuzugang: Milan Vilotic will bei YB ganz vorne mitspielen.

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Es ist wie so oft, seit Milan Vilotic Anfang Februar zu YB gekommen ist. Während seine Teamkollegen auf dem Neufeld schnelle Angriffsauslösungen üben, sitzt der Verteidiger im Kraftraum des Stade de Suisse auf einem Hometrainer und spult Kilometer ab. Es sei eine reine Vorsichtsmassnahme, weil nach zwei regulären Teamtrainings am Tag zuvor der rechte Fuss wieder Schmerzsignale aussendet habe, erzählt der Verteidiger. Die Schmerzen rühren von einer Fussgelenkverletzung, die sich Vilotic am vorletzten Spieltag der Vorrunde zuzog, als er mit GC gegen den FC Basel spielte. Trotz intensiver Therapie hat sich die Regeneration des angerissenen Bandes in die Länge gezogen – was auch mit dem Pflichtbewusstsein und dem Berufsethos des Serben zu tun hat. Er fand es unangebracht, sich wegen eines surrenden Fusses dispensieren zu lassen für die ersten Partien der Rückrunde. «Ich wollte meinen neuen Teamkollegen helfen.»

Ob sich Vilotic mit dem Forcieren des Comebacks einen Gefallen tat, steht auf einem anderen Blatt Papier geschrieben. Der 27-Jährige konnte nicht kaschieren, dass er nicht ganz fit ist. Die wenig überzeugenden Auftritte des Neuzuzugs sorgten bei den YB-Fans für Ärger und Ratlosigkeit. Manch einer stellte sich die Frage: Wie konnte es sein, dass einer der besten Innenverteidiger der Super League lahmte, kaum spielte er bei YB?

Eisbäder und Physiotherapie

«Ich weiss, dass ich in den ersten zwei Monaten in Bern nicht das Maximum bringen konnte», gibt Vilotic unumwunden zu. Nun ist April. Und da soll vieles besser werden. «Milan geht es deutlich besser», behauptet Trainer Uli Forte. Der Spieler selber, der täglich ins Eisbad steigt und beim klubeigenen Physiotherapeuten auf der Pritsche liegt, spricht von beträchtlichen Fortschritten. Der dreifache Nationalspieler will seinem neuen Arbeitsgeber und dessen Anhängern zeigen, wozu er fähig ist, wenn Psyche und Physis stimmen. So wie letzte Saison beim Grasshoppers Club Zürich, wo er hart, aber mit Eleganz, verteidigte. Wo er Pässe und Flanken abfing, als sei das etwas vom einfachsten auf der Welt. Wo er im gegnerischen Strafraum bei Standardsituationen Torgefahr heraufbeschwor dank seinem ausgezeichneten Timing beim Kopfballspiel. Wo er innert wenigen Monaten zu einem der wichtigsten Spieler wurde. Er habe sein Potenzial auch bei GC längst nicht ausgeschöpft gehabt, lässt der 1,90 Meter grosse Innenverteidiger durchblicken. Positionsspiel, Zweikampfverhalten, erster Pass, Kopfball- und Schusstechnik, Antizipieren von Spielzügen, Bewegungsabläufe bei Sprints: In jedem dieser Bereiche gebe es «unzählige Details, die ich verbessern kann». Vilotics Traum ist, «eines Tages alle meine Talente abzurufen». Sollte das der Fall sein, wird er kaum mehr für YB verteidigen – Vertrag bis 2018 hin oder her. Der Gedanke, eines Tages in einer grossen Liga Europas als Profi tätig zu sein, habe in seinem Kopf einen festen Platz, bestätigt der gewandte Defensivspezialist.

Wohnen in der Altstadt

So weit die Zukunftsmusik. In der Gegenwart dreht sich bei Milan Vilotic alles um den BSC Young Boys. Mit dem Traditionsverein will er früher oder später den Olymp besteigen. Sprich: Titel gewinnen. «Der Klub und ich haben die gleichen Ziele.» Deshalb, und weil Bern im Gegensatz zu Zürich eine Fussballstadt sei, habe er bei YB einen Mehrjahresvertrag unterschrieben.

Über seinen neuen Wohnort weiss Vilotic nur Gutes zu berichten. Besonders angetan hat es ihm die Altstadt, wo seine Frau und er «eine wunderschöne Wohnung mit Dachterrasse» gefunden haben. Derzeit bewohnt sie der Fussballer zumeist alleine, da seine Frau an der Universität Belgrad beschäftigt ist mit ihrer Doktorarbeit in Politologie. Gute Zugs- und Flugverbindungen erleichterten ihr das wöchentliche Pendeln, erzählt Vilotic.

Einen bösartigen Tumor besiegt

Milan Vilotic ist ein Belgrader Kind. Aufgewachsen ist er im Stadtteil Cukaricka, wo er sich als Siebenjähriger dem lokalen Aushängeschild FK Cukaricki anschloss. 2009 wechselte der Verteidiger zum Klub des Herzens: Roter Stern Belgrad. Nach einem erfolgreichen ersten Jahr folgte eine emotionale Achterbahn. Im August 2010 wars, als Vilotic vom Arzt einen niederschmetternden Befund erhielt: Knochentumor im Schulterblatt. Der junge Mann litt Todesangst, doch er gab nicht auf: Er informierte sich umfassend und konsultierte verschiedene Spezialisten. Dejan Stankovic, damals Profi bei Inter Mailand, stellte schliesslich den Kontakt zu einer Kapazität in Sachen Knochentumor-Operationen in Italien her. Kurze Zeit später wurde Vilotic in Bologna operiert. «Der Eingriff dauerte fünfeinhalb Stunden», erinnert er sich.

Nur sechs Monate später stand der Serbe wieder auf dem Platz. «Die schönste Zeit meines Lebens.» Nur: Die Freude war von kurzer Dauer. Vilotic legte sich mit Robert Prosinecki an, in Jugendjahren sein Spieler-Idol, nun sein Trainer. Der Streit eskalierte, im November 2011 suspendierte der Klub den aufmüpfigen Spieler. Es seien sehr viele Emotionen im Spiel gewesen, so Vilotic, Als er im Sommer 2012 Belgrad verliess und sich GC anschloss, hatte das für ihn «befreiende Wirkung». Jetzt muss ihm nur noch bei YB der Befreiungsschlag gelingen.

Milan Vilotic will mit YB ganz vorne mitspielen. Foto: Unternährer (Der Bund)

Erstellt: 12.04.2014, 08:47 Uhr

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