«Das Gefährliche an Real ist Mourinho»

Ottmar Hitzfeld hat mit den Bayern siebenmal gegen Real Madrid gewonnen. Im Interview mit DerBund.ch/Newsnet spricht der Schweizer Nationalcoach über das heutige Spiel, Taktik, ein Angebot von Real und José Mourinho.

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Thomas Niggl@tagesanzeiger

Ottmar Hitzfeld, wo werden Sie sich das Rückspiel in der Champions League zwischen Real und den Bayern anschauen?
Ich werde in Madrid sein und für den TV-Sender Sky als Experte die Partie analysieren.

Die Bayern haben das Hinspiel mit 2:1 gewonnen. Was halten Sie von dieser Ausgangslage?
Normalerweise ist das keine gute Ausgangslage. Real hat das Auswärtstor geschossen, das in der Endabrechnung fatale Folgen haben könnte. Doch ich bin trotzdem zuversichtlich.

Weshalb?
Mario Gomez hat den Siegestreffer in München erst in der 90. Minute erzielt. Das war für die Bayern wie ein Befreiungsschlag und für Real ein kleiner Schock. Ich denke, die Münchner haben deshalb einen psychologischen Vorteil.

Sie glauben also an eine Finalqualifikation der Bayern.
Aber nur, wenn Sie ein Tor erzielen, sonst nicht. Dann sind sie draussen.

Wie meinen Sie das?
Real wird zu Hause mindestens ein Tor erzielen. Und wegen des Auswärtstreffers wären die Spanier dann ja bereits qualifiziert. Die Bayern dürfen den Vorsprung nicht einfach nur verwalten.

Wenn Sie noch Bayern-Trainer wären, wie würden Sie Ihre Mannschaft taktisch einstellen?
Zum Glück habe ich dieses Problem nicht mehr. Aber ich denke, dass Jupp Heynckes seine Mannschaft auffordern wird, mutig und frech nach vorne zu spielen. Die Bayern haben gerade in der Offensive ein Riesenpotenzial. Schweinsteiger, Gomez, Müller, Kroos, Ribéry und Robben sind alle sehr torgefährlich. Das ist eine grosse Qualität der Bayern.

Für die Bayern ist die Meisterschaft gelaufen. Dortmund holte den Titel. Und nach dem 2:1-Sieg am Samstag in Barcelona hat auch Real die Meisterschaft praktisch auf sicher. Ist das nicht ein psychologischer Vorteil für die Madrilenen?
Das glaube ich eher nicht. Dieser Sieg gegen Barcelona hat von Real einen grossen Druck genommen. Es besteht die Gefahr, und als Trainer spürt man das, dass bei einer solchen Konstellation die Konzentration einer gewissen Lockerheit weicht. Es könnte deshalb durchaus sein, dass die Spieler von Real im Unterbewusstsein nicht mehr mit der nötigen Aggressivität ins Spiel gehen. Trotzdem ist Real immer noch ein sehr gefährlicher Gegner.

Was macht Real so gefährlich?
Das ist vor allem der Trainer. Früher wollte Real fast immer nur zaubern. Doch Mourinho ist ein Coach, der sehr viel Gewicht auf die defensive Arbeit legt. Real lässt nur wenige Chancen zu. Es ist auch typisch für Mourinho, dass sein eigentlicher Spielmacher Alonso wie eine klassische Nummer 6 im defensiven Mittelfeld die Fäden zieht. Zudem ist Mourinho nicht nur ein kluger Taktiker, sondern auch ein glänzender Motivator. Er kann eine Mannschaft so richtig heissmachen. In der Offensive ist Real sehr effizient, macht praktisch aus jeder Chance ein Tor und hat mit Ronaldo einen herausragenden Stürmer, der in München allerdings enttäuscht hat. Zudem hat sich der Franzose Benzema in den letzten Wochen hervorragend entwickelt.

José Mourinho legt sich mit den Schiedsrichtern an. Er kann auch neben dem Rasen provozieren und für Schlagzeilen sorgen. Wie denken Sie über ihn? Mourinho ist ein Trainer mit Ecken und Kanten. Ich habe ihn schon an Tagungen der Champions League persönlich kennen gelernt. Er tritt sehr selbstbewusst auf. Doch die Gespräche mit ihm waren immer sehr angenehm.

Im Hinspiel ist es in der Bayern-Kabine offenbar zu einem handfesten Zwischenfall zwischen Ribéry und Robben gekommen. Wie bewerten Sie das?
Natürlich darf das nicht passieren. Aber es zeigt doch, dass die Mannschaft lebt. Die Bayern stehen in der Champions League im Halbfinal und haben noch das Pokalendspiel gegen Dortmund vor der Brust. Nach der verpassten Meisterschaft stehen sie unter Druck.

Haben Sie eine ähnliche Auseinandersetzung zwischen Spielern auch schon erlebt?
Der Franzose Bixente Lizarazu hat einst Lothar Matthäus im Training eine Ohrfeige verpasst.

Wie haben Sie drauf reagiert?
Ich habe mit beiden gesprochen und gegen den Franzosen eine Busse ausgesprochen. Lizarazu hat sich dann entschuldigt und die Sache war erledigt. Ich habe ihn dann auch sofort wieder aufgestellt. Nach seinem Siegestor in Bremen hat sich Ribéry mit einer versöhnlichen Geste bei Robben ebenfalls entschuldigt.

In München haben dreiste Diebe in der Kabine von Real Schuhe und Trikots der Spieler gestohlen. Müssen die Bayern in Madrid deswegen mit Schikanen rechnen?
Nein, überhaupt nicht. Auf diesem Niveau gibt es so etwas nicht. Zudem ist Real Madrid ein grosser Verein mit Stil und Kultur.

Wie kann ein solcher Einbruch überhaupt passieren?
Das habe ich mich auch gefragt. Für die Bayern war das natürlich eine peinliche Geschichte. Aber sie konnten nichts dafür.

Wie kommen Sie darauf?
In die Real-Kabine wurde, wie fälschlicherweise in den Medien behauptet, gar nicht eingebrochen. Am Tag vor einem Spiel erhalten die Betreuer den Kabinenschlüssel, weil sie für die Spieler alles bereitmachen müssen. Die Betreuer von Real sind dann noch schnell einen Kaffee trinken gegangen und haben die Kabine offen gelassen. Das haben die Diebe ausgenutzt und zugeschlagen. Verantwortlich für die eigene Kabine war nur Real und nicht die Bayern.

Wie oft haben Sie als Bayern-Trainer gegen Real gespielt?
Im Ganzen zwölfmal. Die Bilanz war positiv. Wir haben sieben Spiele gewonnen, vier verloren und einmal unentschieden gespielt. Einmal haben wir in Madrid mit 4:2 gewonnen. In diesem Spiel hat sogar Thorsten Fink ein Tor geschossen. Und das kam bei ihm nicht so oft vor.

In Madrid herrscht eine Riesenatmosphäre. Die Real-Fans sind heissblütig. Real powert im eigenen Stadion und sucht auch schon mal den Elfmeter. Was heisst das für die Schiedsrichter?
Es ist wichtig, dass sich die Schiedsrichter vom Mythos Real nicht beeinflussen lassen. Vor den Spielen werden sie von den Real-Verantwortlichen betreut und sie werden auch durch die Schatzkammer des Vereins geführt. Da stehen und glitzern 1000 Pokale. Doch davon darf sich ein Referee nicht beeindrucken lassen.

Sie haben einst auch ein Angebot von Real bekommen. Weshalb haben Sie es abgelehnt?
Das war 1997 nach dem Sieg in der Champions League mit Dortmund. Ich habe mir die Sache drei oder vier Tage lang überlegt. Doch dann hat die Vernunft gesiegt. Ich habe mir gesagt: Ottmar, bevor du überhaupt Spanisch kannst, bist du bei Real schon wieder entlassen. Also habe ich abgesagt und in Dortmund den Job des Sportdirektors angenommen.

DerBund.ch/Newsnet

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