Aus dem letzten Loch

Der FC Thun braucht bis Ende Jahr 1 Million Franken, um überleben zu können.

"Dann müssen wir aufhören": Markus Lüthi, Präsident des FC Thun.

"Dann müssen wir aufhören": Markus Lüthi, Präsident des FC Thun.

(Bild: Tobias Anliker)

Die Mitteilung, die der FC Thun am Mittwochmorgen verschickt, ist ein Hilfeschrei, und man könnte meinen: schon wieder ein Aufruf, es stehe schlecht um den Club aus dem Berner Oberland. Diesmal aber ist der finanzielle Zustand so schlecht wie noch nie. Eine Million Franken muss bis Ende Jahr an Spenden zusammenkommen, damit der Spielbetrieb aufrechterhalten werden kann. Bis Juni müssten im Minimum weitere 500?000 Franken gesammelt werden.

Gelinge das nicht, «dann müssen wir aufhören». So sagt das Markus Lüthi, der Präsident, und er wählt die drastischen Worte nicht aus Vergnügen, sondern weil die wirtschaftliche Situation schlecht wie noch nie ist. «Wir pfeifen aus dem letzten Loch», fügt er an, «wir haben keinen Mäzen, der die Löcher stopft.»

Nun geht die Thuner Clubführung an die Öffentlichkeit, um Antwort auf die Frage zu erhalten: Ist Super-League-Fussball überhaupt erwünscht? Wenn ja: Wer ist bereit, das mit finanziellem Support zu bezeugen? Ein erstes Signal kam von der Stadt Thun, die mit einem Darlehen «im mittleren sechsstelligen Bereich» einspringen will – vorausgesetzt, dass Mitte Dezember das Stadtparlament dem Vorschlag zustimmt und zudem Firmen in der Region mitziehen. Der Club habe als Wirtschaftsfaktor und mit seinen anerkannten Leistungen in der Jugendarbeit und bei der Integration grosse Bedeutung für die Region, lässt Stadtpräsident Raphael Lanz verlauten.

Unterstützung erhält der FC Thun auch vom Verein Härzbluet für üse FC Thun, der dem Super-League-Vertreter in der Vergangenheit bereits zweimal mit sechsstelligen Geldbeträgen unter die Arme gegriffen hat. Über 2200 Briefe an Härzbluet-Spender werden in diesen Tagen verschickt. «Wenn wir nicht weiterhin Vertrauen in den Club hätten, welcher sehr seriös wirtschaftet, würden wir diesen Aufwand nicht betreiben», sagt Präsident und Filmemacher Lukas Frieden auf Anfrage.

Zwischen Bergen, YB und SCB

Knapp sechs Millionen Franken kostet die erste Mannschaft pro Jahr, auf zwölf Millionen Franken beläuft sich das Budget für den Gesamtverein. Daheim ist er seit 2011 in einer Arena, die dem Zuschauer zwar wesentlich mehr Komfort bietet als das Lachen-Stadion. Aber sie dient auch als warnendes Beispiel dafür, dass ein neues Stadion nicht nur ein Segen ist. «Es verursacht deutlich mehr Kosten», sagt Lüthi. Der FC Thun hat mit einem Standortnachteil zu kämpfen. Er ist eingeklemmt zwischen Bergen und Konkurrenten wie den Young Boys und dem SC Bern. Trotzdem schaffte er es in der Vergangenheit immer wieder, zusätzliche Einnahmen zu generieren, indem er Spieler günstig verpflichtete und gewinnbringend wieder verkaufte. Nun aber hilft nicht einmal mehr das, um das Gleichgewicht zu halten. Deutlich bemerkbar in der Rechnung macht sich der Zuschauerrückgang von 1200 pro Match auf derzeit 4823. Dazu führen 60 weniger verkaufte Business-Plätze zu einem Verlust von rund 400?000 Franken.

Lüthi hat nach der gestrigen Aktion erste positive Zeichen von Unternehmungen erhalten. So verzichtet die Migros Aare an drei Heimspielen auf die vertraglich vereinbarte Logopräsenz auf den Trikots, was Raum schafft für zusätzliche Marketingaktionen. Gleichzeitig betont die Sponsoringpartnerin, sie könne sich im Moment nicht vorstellen, mehr Geld auszuschütten. Lüthi glaubt, dass Thun eine Zukunft hat, wenn er sich über die Saison rettet. Der neue TV-Vertrag und die bessere Stadion-Vermarktung würden höhere Einnahmen garantieren. Aber bevor er aufatmen kann, braucht es verbindliche Zusagen.

Und die sportliche Abteilung? «Wir versuchen, uns nicht ablenken zu lassen», sagt Trainer Jeff Saibene. «Wir können nur eines tun: guten Fussball zeigen und Erfolg haben.»

Der Bund

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